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99 gescheiterte Träume

Dein Pfad wird steinig sein. Es warten Schlammlachen auch, knietief und zäh. Zögere nicht, wenn es beschwerlich wird. Manche Gefahren, lockende Versuchungen, liegen verborgen neben deinem Weg. Halt stets den Blick nach vorn gerichtet. Dann wird ein fernes, helles Schimmern dich immer weiterführen.
(Grisha Goluboff, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von M.M.)

Foto: Augustin Hadelich, 1998 (privat, veröffentlicht mit Genehmigung von A.H.)

Vor knapp einhundert Jahren, am 25. November 1927, betrat ein elfjähriger Junge die Bühne der New Yorker Carnegie Hall, »pummelig, in kurzen Hosen, Socken und mit offenem Hemd«, wie ein Biograf später schrieb. Zum Stimmen reichte er seine Geige dem Konzertmeister; und dann spielte er Beethovens Violinkonzert so beängstigend selbstsicher, »dass sich das Erlebnis jeder vernünftigen Erklärung entzog. Einigen Orchestermitgliedern liefen Tränen über das Gesicht, und die Kritiker blieben sprachlos zurück.« Dieser Tag war der Zündfunke der Weltkarriere des Geigers Yehudi Menuhin.

Am Dirigentenpult stand damals der Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle, Fritz Busch. Auch Busch war hingerissen von dem instinktsicheren, märchenhaft vollendeten Spiel dieses Kindes. Er umarmte Menuhin und versprach, dass er fortan alles mit ihm spielen würde, »jederzeit und überall!« Keine zwei Jahre später stellte Busch den jungen Wundergeiger seinem Dresdner Publikum vor. Am 17. April 1929 warf die Kapelle ihr angekündigtes Konzertprogramm über den Haufen und begleitete stattdessen Menuhin, der – heute wäre so etwas völlig undenkbar! – nacheinander drei Violinkonzerte von Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms spielte. Wenig überraschend lag auch das Dresdner Publikum dem jungen Tausendsassa hypnotisiert zu Füßen.

Sechs Jahre und unzählige bejubelte Konzerte später jedoch musste sich Yehudi Menuhin eingestehen, dass er sich mit seinem unbekümmerten Spiel in einer technischen Sackgasse befand. Der alte Geiger Eugène Ysaÿe hatte ihn einst angehört und ihm trocken geraten: »Üben täte dir gut.« Menuhin aber, dem keiner seiner Lehrer je musikalisch gewachsen gewesen war, wusste nicht, wie. Oder, wie es der Geiger Winthrop Sargeant ausdrückte, der selbst Ende der zwanziger Jahre Mitglied der New Yorker Philharmoniker war: »Er befand sich in der kuriosen Lage, ein phänomenal talentierter Geiger zu sein, der jedoch, akademisch betrachtet, nicht wusste, wie man eigentlich Geige spielt.«

Der ehemalige Konzertdramaturg der Staatskapelle Tobias Niederschlag schrieb, den Musikwissenschaftler Harald Eggebrecht paraphrasierend, von einer »erschütternden Erfahrung des Scheiterns«, die den Geiger monatelang lähmte und ihn zu einem mühsamen Neuanfang zwang. In Menuhins eigenen Worten: »Ich musste damals entdecken, dass der Erwerb einer Fertigkeit ebenso sehr im Verlernen wie im Lernen besteht. Diejenigen von uns, die sich schlechte Gewohnheiten im Geigenspiel aneignen, müssen, bevor sie sie überwinden, einen Zustand völliger Spannungsfreiheit erfahren, der jenem Läuterungszustand entsprechen, in dem Sünder ihre alte Identität ablegen.«

Der vierzehnjährige Yehudi Menuhin (hier mit Bruno Walter). Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-12786 / CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Viele Wunderkinder haben irgendwann solche Frontalcrashs. Ich muss sofort an Michael Rabin (1936–1972) denken, in meinen Ohren einer der talentiertesten Geiger des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit dreizehn debütierte er mit fantastischem Erfolg in der Carnegie Hall, spielte in den Folgejahren atemberaubende Aufnahmen auf Platte ein. Mit der Zeit entwickelte er jedoch eine unerklärliche Angststörung: Rabin fürchtete, beim Spiel von der Bühne in den Zuschauerraum zu stürzen! Die Medikamente, die er sich gegen seine Nervosität verschreiben ließ, machten ihn bald abhängig. Seine geigerische Technik litt, seine Psyche litt, seine Karriere knickte ab. »Der Druck forderte seinen Tribut, und 1963 erlitt Rabin einen Nervenzusammenbruch, der seine Konzerttourneen für zwei Jahre unterbrach.« (TIME Magazin) Der Geiger kämpfte sich danach mit eisernem Willen aufs Podium zurück, er hielt seinen Blick streng auf den weiteren Karriereweg gerichtet. 1972 fand seine Freundin den Fünfunddreißigjährigen dann tot in seiner Wohnung. Rabin hatte den Vormittag geübt. Als das Telefon klingelte, legte er die Geige in den Kasten und eilte in den Flur; er rutschte aus und schlug mit dem Hinterkopf gegen einen hölzernen Stuhl…

Nüchtern betrachtet, kommen auf eine einzige erfolgreiche Wunderkindkarriere 99 gescheiterte Träume. Im Magazin »The New Yorker« war zum Beispiel zu lesen, wer im Windschatten von Menuhins Debüt auftrat: »1931 folgte Grisha Goluboff, ein unglücklich aussehender, neunjähriger Geigenjunge, in Anzug gekleidet wie Der Kleine Lord« … Goluboff war drei Jahre jünger als Menuhin, und am Anfang nahm er auch einen genauso rasenden Aufstieg. Im Internet ist eine Aufnahme des Knaben zu finden, wie er komplett furchtlos und in halsbrecherischem Tempo Henryk Wieniawskis »Scherzo Tarantelle« wegsägt. Nach dem Krieg jedoch hörte nie wieder jemand von ihm, und 2002 starb Goluboff komplett vergessen von der Klassikwelt.

Dieser Weg wird steinig und schwer

1998 erlebte ich einen altersmilden Yehudi Menuhin im Kulturpalast. Er dirigierte das Mendelssohn-Violinkonzert. Der Solist war ein vierzehnjähriger Junge, der im Rahmen der Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik nur wenige Monate zuvor in der Semperoper zu hören gewesen war. Der Philharmonie-Dramaturg Klaus Burmeister schrieb über den Gast im Programmheft: »Augustin Hadelich wurde am 4. April 1984 in Cecina (Italien) als Sohn deutscher Eltern geboren und hat sich, seit er als siebenjähriger Geiger erstmals öffentlich aufgetreten ist, bereits einen Namen als ›kleiner Paganini‹ – um nur eines der vielen hervorhebenswerten Attribute internationaler Presse zu benutzen – in zahlreichen Konzerten gemacht. Seinen Unterricht erhält er beim Vater, auch auf dem Klavier und in der Komposition, der durch Kurse u. a. bei Norbert Brainin, Rudolf Baumgartner, Pinchas Zukerman und Yehudi Menuhin ergänzt wird. Mit elf Jahren wurde ihm im Rahmen der europäischen Kulturpreisverleihung in Oxford der ›Prix d’Espoir Menuhin‹ zuerkannt… Wir freuen uns, den jungen Geiger an der Seite Lord Menuhins bei der Dresdner Philharmonie begrüßen zu können, wollen damit durchaus jenen Auftritt des damals nur wenig jüngeren Menuhin bei seinem denkwürdigen Dresden-Debüt vor rund 70 Jahren ins Gedächtnis rufen und denken sogar daran, eine gewisse Analogie darin zu sehen.«

Auch Augustin Hadelich wurde wenig später vom Schicksal hart geprüft, viel schlimmer noch als der junge Menuhin. Nach einem tragischen Unglücksfall, einer Brandexplosion im elterlichen Haus, hätte er beinah nie wieder Geige gespielt, kämpfte sich aber nach mehrmonatiger Pause ins Leben zurück und arbeitete nun noch intensiver als zuvor. Heute ist er einer der besten Geiger weltweit, begeistert mit einem unverwechselbaren, betörenden Geigenton, mit bewundernswerter Technik. Seine Musikerkollegen schätzen ihn als reflektierten Geist und bescheinigen ihm einen »hypnotischen Klang«. Ich würde ihn – ähnlich wie Menuhin und Rabin – als Belcanto-Geiger bezeichnen, als einen Künstler, der es versteht, seine Geige scheinbar anstrengungslos singen zu lassen. Damals, im alten Kulturpalast, hätte ich das sicher noch nicht so ausgedrückt. Ich saß nur wie vom Donner gerührt im Publikum und dachte: irgendwann einmal so Geige spielen zu können – das wäre was!

11. Sinfoniekonzert der Staatskapelle Dresden mit Augustin Hadelich unter Thomas Guggeis am 14. Juni in der Semperoper (Foto: Oliver Killig)

In der letzten Saison war Augustin Hadelich Residenzkünstler der Dresdner Philharmonie; und Mitte Juni war er auch erneut in der Semperoper zu erleben, wo ihn Publikum und Kritik zuletzt 2024 feierten, und wo sein Auftritt erneut für enthusiastischen Jubel sorgte. Heute Abend ist die Übertragung des Konzerts vom 16. Juni auf mdr Kultur zu erleben.

Eine Textversion des Artikels ist im Frauenkirchen-Magazin erschienen.

Zum Weiterlesen:

Yehudi Menuhin

Goertz, Wolfram. „Wunderkind mit Violine“. (Online-Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/wunderkind-mit-violine-102.html)

Eggebrecht, Harald. „Große Geiger“. Piper, 2005 (ISBN 978-3492243025)

Niederschlag, Tobias. „Menuhins Dresdner Spuren“. (Online-Quelle: https://www.musik-in-dresden.de/2016/04/25/yehudi-menuhin-100/)

Menuhin, Yehudi. „Unfinished Journey: Twenty Years Later“. Fromm, 1999 (ISBN 978-0880642293)

Burns, Erika. „Yehudi Menuhin and the Curse of Expertise“. (Online-Quelle: https://erikaburnsviolin.com/2023/11/02/yehudi-menuhin-and-the-curse-of-expertise/)

Sargeant, Winthrop. „Prodigy’s Progress. A onetime child marvel becomes a globe-trotting virtuoso, as Yehudi Menuhin’s upbringing, beliefs, and family mythologies shape an unlikely adulthood“. The New Yorker, 1. Oktober 1955 (Online-Quelle: https://www.newyorker.com/magazine/1955/10/08/prodigys-progress)

„Ein Geiger steht Kopf“. Die Lange Nacht zum 100. Geburtstag von Yehudi Menuhin (Online-Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/die-lange-nacht-zum-100-geburtstag-von-yehudi-menuhin-ein-100.html)

CD „My Tribute to Yehudi Menuhin“ von Daniel Hope (Online-Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/my-tribute-to-yehudi-menuhin-von-daniel-hope-hommage-an-100.html)

„Mein musikalischer Grossvater“. Daniel Hope über Yehudi Menuhin
(Online-Quelle: https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/daniel-hope-interview-menuhin-cd-100.html)

Connolly, Kate. „Dear Daniel, that was enchanting“. Experimental violinist Daniel Hope’s new recording is a nod to his old friend Yehudi Menuhin. (Online-Quelle:
https://www.theguardian.com/music/2007/sep/27/classicalmusicandopera)

Tosha Seidel

Eggebrecht, Harald. „Den Zauber entfalten“. (Online-Quelle: https://www.sueddeutsche.de/kultur/stradivari-geige-da-vinci-toscha-seidel-1.5603731?reduced=true)

Michael Rabin

Michael Rabin, „The Magic Bow“ (1960)
(Online-Audioquelle: https://www.youtube.com/watch?v=rZ9CaIW4yXc)

Gilliland, Norman. „Rabin“. (Online-Quelle: https://www.wpr.org/culture/rabin-1)

Grisha Goluboff

(Autor?) Musical Prodigies: Grisha Goluboff (United States, 1919-2002)
(Online-Quelle: https://histclo.com/act/music/pro/ind/g/pro-gol.html)

Augustin Hadelich

Csampai, Attila. „Zähmung der 24 Dämonen“. (Online-Quelle: https://crescendo.de/augustin-hadelich-niccolo-paganini/)

Programmheft zum Orchesterkonzert der Dresdner Philharmonie mit Yehudi Menuhin und Augustin Hadelich (5.9.1998). Online archiviert auf sachsen.digital

Corinne Ramey. Violinist Augustin Hadelich’s Journey to Becoming a Sought-After Concert Soloist. (Online-Quelle: https://stringsmagazine.com/violinist-augustin-hadelichs-journey-to-becoming-a-sought-after-concert-soloist/)

Augustin Hadelich at 13 – 1997 (from Shostakovich preludes op. 34) Eltville
(Online-Video: https://www.youtube.com/watch?v=8SropORfplQ)

Augustin teaches himself (at age 13) a masterclass
(Online-Video: https://www.youtube.com/watch?v=JcY5BLKM2h0)

Sommerschuh, Jens-Uwe. „Sehnsucht nach Frieden. Die Sächsische Staatskapelle Dresden und der virtuose Solist Augustin Hadelich befragen den vitalen Geist der Moderne.“. Sächsische Zeitung v. 5.3.2024, S. 8

Klempnow, Bernd. „Das Solistenleben ist nicht glamourös, aber intensiv“. Augustin Hadelich war einst ein Wunderkind, verunglückte und kämpfte sich zurück. Jetzt erobert er Europa.“ Sächsische Zeitung vom 25.2.2017, S. 16

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