
„Dort der Wald, die grünen Bäume, wie sie hoch und grade stehn! Da am Feldrand blaue Blumen, herrlich anzusehen. Drüben lacht ein schwankes Zweiglein, dort der Grashalm winkt mir leis. Freude brennt wie Feuerfunken mir im Herzen hell und heiß.“ So klingt die deutsche Nachdichtung des Hirtenliedes »Aus jiddischer Volkspoesie« (op. 79), die gestern zum Abschluss der diesjährigen Internationalen Schostakowitsch-Tage in Gohrisch erklang.
Diesen Liedzyklus komponierte Dmitri Schostakowitsch 1948 – für die Schublade oder doch nicht? Er mag stellvertretend stehen für die kleinen und großen Entdeckungen und Wiederentdeckungen, die jedes Jahr in der Strohscheune in der Sächsischen Schweiz auf dem Programm stehen. Zum siebzehnten Mal wurde das kleine Festival nun schon ausgerichtet. Immer noch hält der Gründer und Ideengeber Tobias Niederschlag die Zügel in der Hand. Und wie jedes Jahr trafen die üblichen „Hardcore-Schostakowitsch-Fans“ (T. Niederschlag) aufeinander. Oft ins Gespräch vertieft sah man die Preisträgerin des Jahrgangs 2021, die Schostakowitsch-Archivleiterin Olga Digonskaja. Der Komponist Krzysztof Meyer (Preisträger 2023), dessen Orchesterbearbeitung der Geigensonate op. 134 dieses Jahr als deutsche Erstaufführung erklang, dreißig Jahre nach der Uraufführung des Auftragswerks in New York, war wie jedes Jahr mit seiner Frau, der Musikwissenschaftlerin Danuta Gwizdalanka, angereist. Gidon Kremer, Preisträger des Jahrgangs 2014, war sichtlich und hörbar erschöpft und geschwächt vom Wetter. Er schickte zunächst die fantastische Geigerin Vineta Sareika (Stichworte: Artemis Quartett, Konzertmeisterin der Berliner Philharmoniker, aktuell des Los Angeles Philharmonic) in den Gohrischer Feuer-Ring, bevor er nach der Pause des Eröffnungskonzerts doch noch selbst auftrat. Gohrischer Wiedergänger auch die vier Herren des Quatuor Danel, die – das zwitscherten die Bergspatzen schon dieses Jahr – zum kommenden Festival mit dem Schostakowitsch-Preis ausgezeichnet werden. Sie umrahmten gemeinsam mit der Preisträgerin Elisabeth Leonskaja die diesjährige Preisverleihung mit den Klavierquintetten von Schumann und Schostakowitsch.

Natürlich durfte auch die Preisträgerin des vergangenen Jahrgangs, die Sächsische Staatskapelle, nicht im Programm fehlen. Bis zuletzt rang man um orchestertaugliche Temperaturen in der Scheune. Als die Aufführungsmatinee unter der Leitung von Ingo Metzmacher geschafft war, war das erleichterte Aufatmen bei den hitzegeplagten Musikerinnen und Musikern, dem Organisationsteam und auch beim Publikum zu hören. Nicht unerwähnt bleiben dürfen Nils Mönkemeyer, Friedrich Thiele, Rostislav Krimer, Sebastian Fritsch, Vadim Gluzman. Sie machten das Festival an der Seite vieler weiterer Mitstreiter, darunter etwa auch der Musikwissenschaftler Alexander Gurdon, zu einem großen, vom Publikum einhellig bejubelten Gesamterlebnis.

Aber! Natürlich gibt es ein Aber, wir reden von Schostakowitsch, nichts ist im Kosmos dieses Komponisten eindeutig und sogleich verständlich. Deutlich wurde an diesen vier zurückliegenden Tagen und eigentlich schon am Festival-Vorabend, den dieses Jahr das Gustav Mahler Jugendorchester gemeinsam mit der Geigerin Isabelle Faust im Kulturpalast auszugestalten übernommen hatten, wie wenig verlässliches wir im Grunde immer noch über diesen Komponisten wissen. Über den DSCH-„Originalklang“. Diese Fragen stellte sich mir zum Beispiel beim Hören des cis-Moll-Violinkonzerts am Mittwoch: passt das rasche, nüchterne Vibrato, das Isabelle Faust ausstellte, eigentlich zu diesem Oistrach gewidmeten Werk? Über Schostakowitschs Beweggründe, 1948 jüdische Poesie zu vertonen und ebenso unbekümmert mit Freunden zur Aufführung zu bringen. Über Stalins langen Arm, dem zu Beginn desselben Jahres Mieczyslaw Weinbergs jüdischer Schwiegervater auf ganz perfide Weise zum Opfer gefallen war. Überhaupt über das Arbeitsverhältnis von Schostakowitsch und Weinberg, von dem wir eigentlich wenig mehr wissen als immer wieder repetierte Anekdoten. Über die Beweggründe, immer wieder auch zutiefst patriotische Werke allerhöchster Qualität abzuliefern – für den politischen Kotau wären doch populistischere Eindimensionalitäten ungleich wirkungsvoller gewesen, oder nicht?
So macht der im Programmbuch geäußerte Wunsch der Pianistin Onutė Gražinytė, sie hätte den Komponisten doch gern einmal bei einer Probe erlebt und beobachtet, „wie er spricht, sich bewegt, mit Menschen umgeht und welche Gedanken er zu seinen Werken äußert,“ eigentlich nur deutlich, vor welcher Crux wir Nachgeborenen stehen. Schon seine Zeitgenossen waren nämlich, wie Volkow, die Sanderlings und andere schildern, von Schostakowitschs Äußerungen, so sie denn überhaupt erfolgten, verwirrt. Der scheue Komponist sagte und schrieb wenig über den Inhalt seiner Werke, war mit jeder Interpretation und jeder Deutung nach außen hin sofort einverstanden, widersprach selten bis nie und wich Nachfragen nach Tempi, Artikulation etc. konsequent aus. Umso irritierender ist es, dass die Chef-Archivarin Digonskaja, die vor Jahresfrist in Leipzig einen kurzen Einblick in die wiederentdeckten Tagebücher des Komponisten gab, mit ihren Erkenntnissen und Interpretationen nach wie vor hinterm Berg hält. Eine systematische wissenschaftliche Erforschung und Erschließung dieser sicher wahnsinnig spannend zu lesenden Aufzeichnungen, die zu manchem umstrittenen Werk Erklärungen liefern und neue Verständniswege aufzeigen könnten, ist – wiederum aus politischen Gründen – bisher leider nicht möglich.
Wie aktuell einige dieser Themen mehr als fünfzig Jahre nach Schostakowitschs Tod noch sind, ließ sich in Gohrisch am Rande des Festivals beobachten. Bis heute sind sich die Schostakowitsch-Verehrer aus Ost und West uneins über wesentliche biografische Details dieser einzigartigen und wohl auch einzigartig verworrenen Komponistenkarriere. So passierte es denn auch, dass sich ohrenscheinliche Russlandversteher und Stalin-Apologeten auf dem Scheunenvorplatz lautstark bissige Wortgefechte mit den Programmheftautoren lieferten. Ja, Stichwort „Mythos Volkow“, der Streit um das wohl kontroverseste Buch der gesamten Musikgeschichte der Menschheit (Allen Ho), er wird bitterer denn je geführt. Die vielen Risse, die in den vergangenen Jahrzehnten durch die Schostakowitsch-Forschung gingen, brechen unter den aktuellen politischen Umständen neu auf. Mancher Disput scheint inzwischen fest zementiert zu sein. Man steht sich unversöhnlich, ja feindlich gegenüber.
So ist es unbedingt zu begrüßen, dass dem nächsten Gohrischer Festival ein klärendes musikwissenschaftliches Symposium vorgeschaltet ist. Es wird vom 22. bis zum 24. Juni 2027 an der Dresdner Musikhochschule stattfinden. Vor genau dreißig Jahren hatte die Deutsche Schostakowitsch-Gesellschaft in Rheinsberg getagt. Der Dresdner Autor Friedbert Streller argumentierte damals zu – genau, der „Fabulierkunst“ Volkows in den »Memoiren«. Aber: „Merklich wurde in den Diskussionen der Schostakowitsch-Fans aus mehreren Ländern und Generationen die Tendenz, nun doch wieder mehr vom Politischen abzusehen und sich auf rein musikalische Sachverhalte zu konzentrieren“ (»Die Wahrheit des Fälschers«, Frankfurter Rundschau v. 21.11.1996, S. 7). Das steht nun für das kommende Symposium zum Thema »Schostakowitsch im geteilten Deutschland« gerade nicht zu erwarten.




