
Zum Pressefrühstück ist der Musikfestspiel-Intendant aus Brüssel eingeflogen, wo er die Vorrunde und die erste Runde des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs als Juror begleitet und also die besten Nachwuchscellisten aus aller Welt gehört hat. Industriespionage sozusagen! Jan Vogler mag denn auch nicht gleich ins allgemeine Dresdner Maulen über den Niedergang der Kultur, die fehlenden Mittel durch immer knausriger öffentliche Hände einstimmen. Sicher, in Deutschland tobe ein Kampf um die Relevanz, „die Kultur müssen wir genauso verteidigen wie die Wirtschaft“. Und auch bei den Musikfestspielen sind die Ausgaben gestiegen in den letzten Jahren. Der städtische Zuschuss ist schmerzhaft spürbar auf 890.000 EUR zurückgegangen. Aber Vogler will der Stadt Dresden daraus keinen Vorwurf machen. „Mehreinnahmen aus dem Kartenverkauf – das ist unsere einzige Chance, diese Kürzungen auszugleichen.“ Nimmt man gestiegene Sponsoringeinnahmen und die Fördergelder für das Wagner-Originalklangprojekt mit in die Aufrechnung, hat sich der Etat der Musikfestspiele im Vergleich zu vor drei Jahren übrigens sogar knapp verdoppelt. Das Bemühen um populäre Veranstaltungsformate (das Eröffnungskonzert am Freitag etwa moderiert Olaf Schubert) zeigt Wirkung: die Veranstaltungen des Eröffnungswochenendes sind nahezu ausverkauft, für einige Veranstaltungen ist noch eine ein- oder zweistellige Anzahl von Tickets zu haben. Jan Voglers Erklärung: „Da hilft uns auch unser Motto – die Leute sehnen sich nach Leichtigkeit!“
Ein spannender musikalischer Schwerpunkt der 2026er Festspielausgabe seien, so der Intendant, die vielversprechenden Cellisten, deren unterschiedliche Stile man in den 17 (!) Konzerten der »Cellomania 3.0«, etwa zur „Langen Nacht des Cellos“ (24. Mai), vergleichen kann. Die „Lange Nacht“, sagt Jan Vogler, sei tatsächlich die einzige Chance weltweit, diese hochkarätigen Solisten, darunter Zlatomir Fung, Voglers Brüssler Jurykollege Daniel Müller-Schott, Christian Poltéra oder Bruno Philippe, aber auch eine Lokalmatadorin wie Marie-Elisabeth Hecker einmal gemeinsam spielen zu hören. Das Cello erlebe derzeit eine Hochzeit, sagt Vogler, neue und faszinierende Solisten wüchsen gerade nach. Empfehlenswert aber auch und nicht nur für Dresdner: das außergewöhnliche Konzert der Dresdner Staatskapell-Cellisten, die ihrem komponierenden Vorgänger im Orchester, Friedrich Dotzauer (1783-1860), am 13. Juni im Palais im Großen Garten einen musikalischen Schwerpunkt widmen.

Und natürlich darf da auch das Cellokonzert von Edward Elgar, das vielen heutigen Musikliebhabern als das Solokonzert überhaupt gilt, im Programm nicht fehlen. Es erklingt am 26. Mai (Restkarten von 27-117 EUR), der Intendant spielt höchstselbst, ist damit Teil eines kleinen Elgar-Schwerpunkts, den das London Philharmonic Orchestra an zwei Tagen patriotisch zelebriert. „Wenn man Elgar verstehen möchte, ist das die perfekte Gelegenheit!“
Die Frage nach dem Originalklang, der Vogler seit einigen Jahren mit dem Festspielorchester vor allem im Repertoire des 19. Jahrhunderts nachspürt, stellt sich natürlich auch bei Elgar. 1919 spielten Cellisten noch mehrheitlich auf Darmsaiten, Elgars cellierende Zeitgenossen waren einem eher spröden, vibratoarmen Ton verhaftet, spielten allerdings die Lagenwechsel deutlich hörbar, was heutige Solisten kaum noch in diesem Stil nachvollziehen. „Auch bei Elgar führt kein Weg an der Suche nach dem Originalklang vorbei“, sagt Jan Vogler. „Bei Elgar interessieren mich die Tempowechsel, die Lagenwechsel, die extremen Gefühle des Spät-Spätromantikers. Ob man ihn auf Originalinstrumenten spielt, ist leider vor allem eine Finanzierungsfrage. Aber wir machen da einen kleinen Versuch in Bayreuth, mit dem Festspielorchester…“ (22. Mai).
New Worlds – neu interpretiert
Die diesjährigen Festspiele enden mit einer Reverenz an die neue Welt. 2017 – der Immobilienmogul Donald J. Trump hatte sich damals gerade frisch zum amerikanischen Präsidenten krönen lassen – kommentierten Jan Vogler, Bill Murray, Mira Wang und Vanessa Perez die Zustände in dieser neuen Welt mit einem bissigen, sehnsüchtigen, doppelbödigen Programm, das dieses Jahr nach über einhundert Aufführungen weltweit von der Carnegie Hall über das Opernhaus von Sydney bis zur Berliner Philharmonie, seine zweite Dresdner Aufführung feiert. „Das Programm hat sich sehr verändert, ist viel theatralischer geworden“, sagt Jan Vogler. Überhaupt: mit Bill Murray auf Tournee zu gehen, sei eine Lebenserfahrung. „Auf den Reisen mit ihm muss mal sehr viel Abenteuerlust und Flexibilität mitbringen, darf seinen Plan nicht zu ernst nehmen. Bill Murray ist im Herzen ein Comedian, er bringt spontane Improvisationsmomente in das Programm ein und hat auch versucht, uns klassischen Künstlern das beizubringen. Ehrlich – das war ganz schön zäh…“
Die Dresdner Musikfestspiele wurden 1978 gegründet und haben sich mit der Intendanz des Cellisten Jan Vogler seit 2009 zu einem führenden Festival in Europa entwickelt. Im Spannungsfeld zwischen der reichen Musiktradition Dresdens und visionären Formaten verschiedenster Genres begeistern die Dresdner Musikfestspiele jedes Jahr rund 60.000 Besucher.

Am 14 Mai findet mit Richard Wagners »Götterdämmerung« in historischer Aufführungspraxis das Projekt The Wagner Cycles nach vier Jahren seinen Abschluss. Das Dresdner Festspielorchester und Concerto Köln bringen den letzten Teil von Wagners Opern-Tetralogie »Der Ring des Nibelungen« unter der Leitung von Kent Nagano in historischer Aufführungspraxis auf die Bühne im Kulturpalast, bevor sie damit durch Europa touren. Das Eröffnungskonzert spielt einen Abend später erstmals die Dresdner Philharmonie unter der Leitung von Tabita Berglund mit Jan Vogler als Solist.
Ein neues Konzept gibt es für das traditionelle »Dresden singt«: Erstmals wird die Dresdner Band Manina das Publikum am 30. Mai dabei auf dem Schlossplatz dazu einladen, miteinzustimmen. Kombiniert mit dem beliebten Mitmachprojekt »Klingende Stadt« öffnet sich an dem Nachmittag die Bühne für jeden, der Freude daran hat, die »Leichtigkeit des Seins« musikalisch zu zelebrieren.







