Kultur im Eigenbau

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Kultur im Eigenbau

Die Rituale unseres Kulturlebens, überhaupt unsere Vorstellung davon, was Kultur ist und zu leisten hat, haben sich in den letzten Wochen mehr verändert als in den letzten Jahrzehnten. Neue Zugänge und Angebote, neue Möglichkeiten der Teilhabe und des empatischen Austausches von Künstlern und ihrem Publikum befeuern aber auch die Frage, die in Leserbriefen der Tageszeitungen immer wieder gern spöttisch gestellt wird: brauchen wir eigentlich noch Musikkritiker?

Die Vorgeschichte ist bekannt. Aus dem Bedürfnis, sich anderen etwa in Briefen über kulturelle Erlebnisse auszutauschen, aus Konzertberichten und schöngeistigen Erörterungen („Neue Bahnen„, „Brahms, der Fortschrittliche“ etc. pp.) entwickeln sich in Deutschland und einigen anderen Ländern verschiedene Formen der Rezension (‚recensere‘ = erzählen, zusammenstellen bzw. ‚recensio‘ = Musterung, Bestandsaufnahme). Relativ fest ritualisiert im Ablauf, las sich das in den letzten Jahrzehnten folgendermaßen: aus Anlass eines bevorstehenden Konzerts bringen Tageszeitungen einen Vorbericht, ein Künstler-Interview mit „Info-Kasten“ oder eine ähnliche Form von Terminankündigung; am Konzertabend selbst eilen kurz vor Beginn des Konzerts die von den jeweiligen Redaktionen entsandten Kritiker an den Pressetisch, man begrüßt sich, nimmt eine kostenlose Konzertkarte und das gedruckte Programm entgegen, hört das Konzert, setzt sich am nächsten Vormittag an den heimischen Schreibtisch und gießt die Eindrücke in einen Bericht, der seinerseits recht starren inhaltlichen und formellen Vorgaben zu genügen hat. Dieser Bericht erscheint am darauffolgenden Tag (also meist zwei Tage nach dem Konzert) in gedruckter Form, wird von den Lesern mit mäßiger Aufmerksamkeit bedacht, vielleicht entspinnt sich in den Folgetagen noch eine schriftlich geführte Auseinandersetzung auf der Leserbriefseite („War ich im selben Konzert wie der Kritiker?“ etc.). Der Veranstalter heftet die vom Praktikanten ausgeschnittene Kritik intern ans schwarze Brett, die Künstler-Agentur pickt sich noch ein Zitat für die nächste Pressemappe heraus – fertig. Nächstes Konzert. Und das nächste. Und das nächste.

Der Musikkritiker Hans Heinz Stuckenschmidt (u.a. tätig für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ von 1956-1987). Foto: Fritz Eschen, Quelle: Deutsche Fotothek

Das Internet hat diesen Ablauf in den letzten zwanzig Jahren durcheinandergewirbelt, den Zeitdruck für alle erhöht und natürlich auch neue Kanäle geöffnet. Warum zwei Tage auf einen Bericht warten, wenn man noch am Konzertabend im Netz eine „Nachtkritik“ findet? Oder sich gar schon während des Konzerts in sozialen Medien über das Erlebte austauschen kann? Die Torwächterfunktion eines Kritikers, der ein selten zu erlebendes Ereignis für Leser nacherlebbar macht, die selbst nicht dabeisein konnten, erzählerisch in einen langen Strom ähnlicher Ereignisse einordnet und so auch das Gelingen oder Misslingen begründen, den Leser quasi über seine Rezension nebenbei auch weiterbildet – diese Funktion ist heute eigentlich weitgehend obsolet geworden. Wer will, kann sich vor oder nach einem Konzert ja gezielt selbst über die ausübenden Künstler, über das Werk und alle weiteren Parameter des Abends informieren, kann aus Dutzenden oder Hunderten von Mitschnitten, Aufnahmen und Trailern auswählen, Homestories von Künstlern lesen, in Online-Archiven nachsuchen, über clevere Algorithmen generierten Kauf- und Hör-Empfehlungen folgen oder auch nicht… Man kann dem Freundeskreis den beabsichtigten Konzertbesuch ankündigen und verabredet sich vielleicht gleich auf den Cocktail danach. Das Konzerterlebnis selbst ist also immer noch eins, bei dem der gemeinsame Kulturgenuss im Mittelpunkt steht. Aber es ist nicht mehr der lange herbeigesehnte Höhepunkt eines anderweitig vielleicht eher ein-tönigen Alltags. Es hat sich heute einzuordnen in einen ständigen Strom unablässiger kultureller Beschallung, ephemerer Ereignisse und eines unermüdlichen Austausches darüber. Was vielleicht auch unsere neue Sehnsucht nach ungehörten Stücken, nach ungewöhnlichen Konzertideen und wirklich, aber diesmal wirklich außergewöhnlichen Erlebnissen erklärt.

Dass es Konzertkritiken in Tageszeitungen, ja, dass es Musik in Dresden nach wie vor gibt, erklärt sich aus dem Wunsch des Bildungsbürgertums, über bestimmte kulturelle Erlebnisse und Ereignisse vor und manchmal auch hinter dem eigenen Erlebnishorizont informiert zu sein und sich darüber pointiert auszutauschen. Die ‚bildenden‘ oder wertenden Aspekte einer Rezension treten dabei aber zunehmend in den Hintergrund. Anders gesagt, der Leser fühlt sich durch seine Zugriffsmöglichkeiten inzwischen ermächtigt, sein eigener Programmmacher zu sein, nach Vorliebe eher zu entscheiden als nach Redakteurs- oder Dramaturgenempfehlung.

Ein Virus als Ohrenöffner

Den geschilderten Zustand brachte nun ein Virus zur Implosion. Die kulturelle Welt musste jäh reagieren. Festangestellte Musiker (in Deutschland allein zehntausend in den großen Orchestern), vor allem aber auch ihre freiberuflich arbeitenden Kollegen sind geschockt, Lebensentwürfe geraten ins Wanken. Und: man hinterfragt vieles. Angefangen ganz banal beim Geld. Wie konnten wir Freiberufler nur so naiv sein zu glauben, von Veranstaltern gezahlte Gagen (oder die Honorare für die Berichterstattung darüber) stellten langfristig tragbare Einkommensmodelle dar? Und wie absolut irre ist es eigentlich, der Künstlersozialkasse Ende November mitteilen zu müssen, wieviel man im kommenden Jahr verdienen wird, damit die Beitragshöhe berechnet werden kann? In einem Vordruck, in dem diese Prognose auf den einzelnen Euro genau anzugeben ist?

Foto: privat

Aber auch die anfangs geschilderten linearen Abläufe kultureller Ereignisse und der Berichterstattung über sie stehen nun auf dem Prüfstand. Warum veröffentlicht eine gedruckte Zeitung regelmäßig CD-Besprechungen? Warum diese schematischen Rezensionen von Anrechtskonzerten? Aber auch: wer kauft am „Eingang D“ ein gedrucktes Programmheft für 3,50 Euro? Und warum eigentlich? Um es während des langsamen Satzes des Solokonzerts durchzulesen, am nächsten Tag zuhause zu archivieren und dann nie wieder auch nur ein einziges weiteres Mal zur Hand zu nehmen? Hüstel.

So befinden wir uns in einer Übergangszeit, in der alles in Bewegung geraten ist. Konzertformate. Rezipiergewohnheiten. Finanzierungsmodelle. Absurderweise stehen auf einmal, da die Konzerthäuser geschlossen und die Spielzeiten vorzeitig beendet worden sind, mehr kulturelle Angebote zur Verfügung als je zuvor. Dankenswerterweise fast alle kostenlos. Welche ergänzenden oder alternativen Bezahlmodelle sich bei diesem Angebot im kulturellen Sektor etablieren werden, in dem bis vor kurzem die »Digital Concert Hall« der Berliner Philharmoniker relativ allein auf weiter Flur sendete (sogar die übrigens bis Ende April kostenlos), ist noch nicht klar.

Vorerst können wir, das Publikum, uns in kultureller Goldgräberstimmung durch die Offerten zappen: hinterfragen dabei vielleicht Igor Levits Tempowahl bei seinem Wohnzimmerkonzert, bewundern Teodor Currentzis‘ Lesart des Mozartschen »Requiems«, schauen vielleicht bei der „At-Home-Gala“ der MET vorbei und winken dort René Pape zu. Schalten zum »Mittwochsmitschnitt« von Staatskapelle und Unitel. Klinken uns in den Livestream der Philharmonie ein, durchpflügen die Online-Angebote von HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste oder bewundern die Dresdner Farben im »Arte Concert«-Kanal. Spitzen die Ohren bei Omer Wellbers »Parsifal« aus Palermo , schwelgen beim halb Dresdner, halb Salzburger »Pagliacci« in Erinnerungen oder schütteln das greise Haupt über Cameron Carpenter. Und auch die abgesagten Festivals versuchen, ihr Angebot wenigstens teilweise zu retten, sie streamen einzelne Konzerte oder werkeln an Ersatzkonzepten…

Daneben erschlägt einen schier das kulturelle Angebot diverser Streamingdienste. Allein über den Zugang der Städtischen Bibliotheken Dresden lassen sich beispielsweise 15 Millionen Musiktitel online kostenlos durchstöbern. Drei Stunden pro Tag kann man sich hier durchhören, drei Titel pro Woche kostenlos herunterladen. Vor allem ist das natürlich Rock und Pop, aber gerade höre ich über diesen Kanal die Johannes-Passion mit Peter Schreier und den Thomanern. Auf meinem digitalen „später unbedingt nachhören“-Zettel steht dort unter vielen anderen Anstrichen die »Glenn Gould Trilogy« von Michael Stegemann.

Christian Thielemanns Beethoven-Sinfonien oder das Neujahrskonzert 2019 mit den Wienern stehen in diesem digitalen Regal, daneben eine ältere Weihnachtslieder-CD des Philharmonischen Kinderchors unter Jürgen Becker. Wer sich in tiefere Schichten gräbt, findet etwa eine Platte des Dresdner Kreuzchors, »Ein Kind ist uns geboren«: die Aufnahmen stammen von 1963 und sind inzwischen von Sony Music lizensiert. Mauersbergers »Wie liegt die Stadt so wüst« daneben, erst letztes Jahr vom Vlaams Radiokoor eingesungen. Aufregende Zeitreisen sind auch mit dem Philip Glass Ensemble möglich, von der ersten bis zur letzten Scherbe. Igor Levit spielt hier Bach, Beethoven, Rzewski. Die Staatskapelle grüßt mit Bruckner unter Karl Böhm, das Gewandhausorchester unter Kurt Masur, mit Mendelssohn-Sinfonien oder einem konzertanten »Fidelio«.

Aber auch Abseitigeres wartet hier auf Hörer. Schostakowitsch spielt sein Klavierkonzert Nr. 2 (eine Aufnahme von 1957), oder reibt die Schultern mit Weinberg, für seine Fassung der 10. Sinfonie für zwei Pianisten. Also überhaupt Weinberg. Sein faszinierendes Achtes Streichquartett c-Moll von 1959 taucht hier auf, aufgenommen 1961… Oder, wir haben schließlich Beethoven-Jahr, ein Live-Mitschnitt der Beatles mit »Roll over Beethoven« aus dem Star Club, 1962 (!), an der nächsten Ecke Chet-Baker-Alben, ungarische Volkslieder und -tänze, das fantastische Album »Voces en Alcohol«. Wieder eine Ecke weiter spielt Woody Allen Klarinette auf »Wild Man Blues«, aufgenommen vor zwanzig Jahren. Und Allens Gespräche über Comedy, überhaupt alle möglichen Hörbücher… Wen wundert es da, wenn unsere Aufmerksamkeitsspanne kürzer wird, wenn unsere Bereitschaft sinkt, sich ein Konzert bis zu Ende anzuhören? Leise hinzufügen muss man auch, dass der gefühlte Wert von Kultur, so groß die Sehnsucht nach Live-Erlebnissen auch wird, in diesen Tagen insgesamt doch eher zu sinken scheint. Einen ganzen Monat lang hätte ich jetzt die digitale Konzerthalle der Berliner besuchen können, die so unendlich viele musikalische Sternstunden der letzten Jahre auf einen Klick bereithält. Geschafft habe ich zwischen Homeschooling und dem Ausfüllen diverser Förderanträge am Ende nur zwei Konzerte: Thielemanns Bruckner 8 (2012) und Blomstedts Bruckner 4 vom Jahresanfang. Eigentlich eine Schande.

Momentan ist es schwer vorstellbar, dass wir alle nach der Viruskrise in den gewohnten Kulturtrott zurückfallen werden. Denn die Reaktionen auf das Virus haben uns ja auch gezeigt, was mit heutigen Bordmitteln eigentlich schon seit Jahren möglich gewesen wäre. Welche Zugriffsmöglichkeiten wir auf unsere und viele andere Kulturen haben. Welche Kanäle uns offen stehen. Wie wir uns neu über Erlebtes austauschen können, untereinander, aber auch direkt mit den Künstlern und Veranstaltern. Und zugleich, wie schal und sinnentleert uns beispielsweise ein Opernmitschnitt als Konserve erscheint. Selbst mit einem guten Rotwein. Wie die geschilderte Gratiskultur wieder sacht eingefangen werden kann, wie man dem Publikum vermittelt, dass die Produktion von Kultur etwas kostet, müssen wir bedenken und dabei vielleicht auch ungewöhnliche Wege gehen. Musikjournalisten werden sich und ihre Rollen dabei neu erfinden müssen, werden neue Wege der Vermittlung auftun und sich auf andere Weise als bisher in den kulturellen Austausch einbringen. Klar ist: den gedruckten Konzertbericht, der sich via Programmheft am Ablauf des vorgestrigen Abends entlanghangelt und dabei die einzelnen Komponistennamen und Werktitel pedantisch abhakt, braucht kein Mensch mehr.


Apropos alternative Finanzierungsmodelle: Sie werden auf »Musik in Dresden« auch zukünftig keine Werbung für feine Konzertschuhe und edle Faltencreme sehen. Die Seite bleibt kostenlos: Abomodelle oder ähnliches haben bei unserer kleinen feinen Dresdner Zielgruppe eh keinen Sinn. Wenn Sie dem Redakteur allerdings nach der Lektüre gutgelaunt ein Glas Rotwein spendieren möchten, kehren Sie gern immer mal wieder zu dieser Seite zurück und klicken Sie auf diesen Link. Danke!

25.04.2020Allgemein, Features, Rezensionen