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Was wir (nie) vergessen dürfen

Kreuzchor und Dresdner Festspielorchester am 7. Februar in der Kreuzkirche (Foto: Martin Jehnichen)

„Erinnern und Vergessen sind zwei Seiten derselben Frage: Was wollen wir bewahren – und was lassen wir hinter uns?“. So beginnt die Beschreibung einer Veranstaltung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums zu einem „Tag des Vergessens und der Erinnerung“, an dem es letztes Jahr um Bewahrens- und Vergessenswertes ging. Sie sind durch diesen Veranstaltungs-Teaser neugierig geworden? Nun, denn: Es ging „um persönliche Spuren und kollektive Geschichten, um das Gewicht der Vergangenheit und die Leichtigkeit des Vergessens.“ Der Tag lud ein „zum Innehalten, zum Erzählen und zum Fragen, was bleibt, was wir erinnern müssen – und was wir vergessen dürfen.“

Beim Lesen dieser Zeilen dürften sich die Sprachliebhaber des Leipziger Literaturinstituts, das die Veranstaltung mitorganisierte, leise geschüttelt haben. Abgesehen davon, dass „erinnern“ im Deutschen ein reflexives Verb ist: Die Überfrachtung des Textes mit leicht schiefen Bildern und Aufzählungen im immer gleichen Satzbau irriterte auch mich. „Das Gewicht der Vergangenheit, die Leichtigkeit des Vergessens“. „Was wir erinnern müssen – und was wir vergessen dürfen.“ Das sind bloße Hülsen von Wörten und Ideen, generiert wahrscheinlich mithilfe eines originär englischsprachig trainierten „LLM“, eines Large Language Models. Das ist eine Computersoftware, die lange Texte rein aufgrund von statistischen Häufigkeiten ausformulieren kann. Welches Wort folgt in von Menschen geschriebenen Texten oft auf welches andere? Durch große Mengen an Trainingstexten sind ChatGPT & Co. heutzutage in der Lage, halbwegs sinnvolle Texte zu erstellen. Es reicht, ein Thema vorzugeben, und dann macht die Maschine den Rest, kreist das Thema ein – es ist nicht dies, sondern das. Die künstliche Schreibintelligenz nutzt überhäufig Gedankenstriche und Doppelpunkte, zählt dreifach Synonyme auf, schmückt aus, baut Alliterationen.

So las ich denn am Wochenende auch im Programmheft zu einem der Konzerte des Gedenkwochenendes: „Die Musik führt in einen Zustand, in dem Erinnern und Hören ununterscheidbar werden. Vielleicht ist das die leise Übereinkunft des Abends: dass Trost nicht aus Worten entsteht, sondern aus der Fähigkeit, der Stille standzuhalten. Und dass ein schmerzhaftes „Herr, erbarme dich“ am Anfang sowie das Verstummen am Ende zwei Seiten derselben Frage sind.“

Zwei Seiten derselben Frage? Das ist eine Formulierung, die es nur im englischen gibt: eine „two-faced question“, das ist eine doppelzüngige Sache. Ein heuchlerisches Ding, eins ‚mit zwei Gesichtern‘ eben. Im Deutschen gibt es eine ähnliche Formulierung, die aber etwas anderes meint: „zwei Seiten einer Medaille“, das sind sozusagen die beiden Zugangswege zu einem Problem aus verschiedener Richtung („Zuwanderungskontrolle und Integration bildeten zwei Seiten derselben Medaille.“, FAZ, Quelle).

Gedenkkonzert unter Chefdirigent Daniele Gatti in der Semperoper. Foto: Oliver Killig

Die Neonazi-Aufmärsche in Dresden, deren „Trauer“ über aufgebrezelte Opferzahlen, die längst widerlegt sind und die von der TU Dresden organisierte Menschenkette, die für geschichtsbewusste Verantwortung, für gelebte Solidarität mit den Vielen steht – das sind, nun ja, zwei Seiten des alljährlichen Februar-Gedenkens in Dresden. Irgendwie sind diese Gedenkriten auch schon leicht verkrustet. Viele andere Städte schaffen es besser, mit der eigenen Geschichte aufrichtig umzugehen und beschränken Solidarität und politische Haltung nicht nur auf ein Wochenende pro Jahr. Solange wir indes keine passenderen Formen des Erinnerns gefunden haben, halten wir Dresdner alljährlich im Februar inne, wir erzählen – und wir fragen, „was wir erinnern müssen – und was wir vergessen dürfen.“ (Sollten Sie sich diese obskure Frage übrigens wirklich stellen: Nichts dürfen wir vergessen! Nicht die Opferzahlen des Luftangriffs am Faschingsdienstag 1945, aber auch nicht die deutschen Gräueltaten, die diesem Datum vorangingen…)

Die drei traditionellen Musikensembles der Stadt, Staatskapelle, Philharmonie und Kreuzchor, haben dieses Jahr im zeitlichen Umfeld des Gedenkdatums in kluger Gegenüberstellung alter und neuer Werke zum Zuhören und zum Nachdenken eingeladen. Der Kreuzchor eröffnete die Gedenkwoche mit Rudolf Mauersbergers »Wie liegt die Stadt so wüst« in einer eindringlichen Wiedergabe, die die Zuhörer stumm vor Schreck und vor Bewunderung machte. Auch die im Konzert folgende h-Moll-Messe (letzte Aufführung vor zehn Jahren unter Kreuzkantor Kreile, heuer erstmals mit dem Dresdner Festspielorchester, was sehr gut harmonierte) passte gut in das Dresdner Gedenken mit ihren erhabenen, der Welt und jeder Zeitlichkeit entrückten Topoi von Schmerz und Trost. Die das Werk beschließende Friedensbitte erschütterte tief.

Die Staatskapelle musizierte eine seltener zu hörende Messe von Igor Strawinsky mit dem Opernchor und leider ohne die in der Partitur vorgeschriebenen Knaben- bzw. Kinderstimmen, die dem Werk eine ganz eigene, archaische Klangfarbe geben. Fast zu schön klangen die Soli (Eunjung Kwak, Brynne McLeod, Alexanded Schafft, Holger Steinert), bevor Chefdirigent Daniele Gatti den Abend mit einer rundum überzeugenden 9. Sinfonie von Anton Bruckner krönte. Wer die Thielemannsche »Neunte« von den Salzburger Osterfestspielen (KM auch damals: Matthias Wollong) noch im Ohr hat, die jenseitigen Passagen, die schroffen Felsformationen, die nebelverhangenen Schlüchte dieses Riesenwerks…, der sah sich nun mit einer strafferen, mutig voranschreitenden, sanglicheren (!) und genauso schlüssigen Lesart konfrontiert. Das lange Schweigen des Publikums, die Totenstille im Semperopernrund – sie dauerte dieses Jahr noch etwas länger als sonst. Tiefe Erschütterung auch hier.

Konzert und Film von William Kentridge namens »Oh to Believe in Another World« mit der Dresdner Philharmonie unter Michael Sanderling am 13. Februar im Kulturpalast. Foto: Oliver Killig

Die interessanteste Werkkombination durfte dieses Jahr die Philharmonie für sich verbuchen. Nein, nicht die mit Mozarts A-Dur-Violinkonzert mit einem blassen Benjamin Beilman als Solisten, über den das Programmheft nur die an Banalität nicht zu unterbietende Agentur-Biografie mit der üblichen Aufzählung an bisherigen Verpartnerungs-Highlights zu bieten hatte. Warum er überhaupt in Dresden auftrat? Unklar, vielleicht durch seine Kollaborationen mit Tabita Berglund, die ja seit dieser Saison als Erste Gastdirigentin der Philharmonie fungiert. Das Programmheft verriet danach in vertrautem Duktus über das Konzert: „Es steht für Leichtigkeit, Klarheit und spielerische Eleganz – für eine Musik, die nicht aus politischer Bedrängnis heraus entsteht, sondern aus dem Vertrauen in Form, Ausdruck und kommunikative Schönheit. Gerade in diesem Kontrast öffnet es den Raum für das, was folgt.“

Was dann folgte, war eine fantastisch ausgemalte 10. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch, dirigiert vom ehemaligen Chefdirigenten Michael Sanderling, der bekanntlich einst mit dem Orchester sämtliche DSCH-Sinfonien in Kopplung mit Beethoven auf CD gebannt hat. Diesmal kam zur Ton- noch eine komplexe Bildspur hinzu, live mit dem Orchester synchronisiert von einer Bildregisseurin am Schnittpult. Gezeigt wurde der vom Luzerner Sinfonieorchester in Auftrag gegebene Film »Oh To Believe in Another World« von William Kentridge, der in Ausschnitten in der Kentridge-Ausstellung im Albertinum zu sehen war. Die Kombination der Sinfonie mit den hintergründigen und manchmal zum Lachen grotesk überzeichneten Bildern und doppelbödigen, dadaistisch angehauchten Texttafeln Kentridges war faszinierend und öffnete noch einmal gänzlich andere Assoziationsketten zu dieser Musik, die wohl viele im Publikum in- und auswendig zu kennen glaubten.

Zum Weiterhören: Daniele Gatti, Bruckner 9, Royal Concertgebouw Orchestra, RCO 2019 (kombiniert mit Auszügen aus »Parsifal«).

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