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Kommt ein Pferd in die Oper…

Sommertheater in der Semperoper: »Der Florentiner Hut« von Nino Rota. Im Bild: Piotr Buszewski (Fadinard), Maire Therese Carmack (Baronin de Champigny) © Semperoper Dresden, Foto: Mark Schulze Steinen

An einem Haus wie der Semperoper gibt es natürlich viel mehr als Mozart, Verdi und Wagner. Muss es an einem so großen Haus ja auch geben! Hin und wieder kommen dort selbst Raritäten auf die Bühne, also nicht nur ausgewählte Ur-, sondern auch Erstaufführungen wie jetzt zum Beispiel die 1955 am Teatro Massimo in Palermo uraufgeführte Oper »Der Florentiner Hut« des italienischen Komponisten Nino Rota. Diese auf einem frühen französischen Lustspiel basierende Oper war zugleich die letzte große Musiktheaterproduktion der zu Ende gehenden Spielzeit 2025/26.

Es war eine etwas überraschende Produktion, obwohl es sich ja keineswegs um einen unbekannten Komponisten handelt. Denn die Musik von Nino Rota ist sicherlich vielen Menschen im Ohr, er gilt aber vor allem als Filmkomponist und weniger als ein Mann der Oper. Nino Rota hat rund 150 Filmkompositionen verfasst und vor allem für Federico Fellini gearbeitet (u.a. »La Strada«, »La dolce Vita«, »8½«), für Lucchino Visconti (»Rocco und seine Brüder«, »Il Gattopardo«) sowie für Francis Ford Coppola (»Der Pate«) und viele andere. Neben diesen berühmt gewordenen Filmmelodien schuf er aber auch Ballett- und Bühnenmusiken, einige Konzertstücke sowie Kammermusik und nicht weniger als zehn Opern.

Eine davon ist »Der Florentiner Hut«, den Nino Rota auf ein gemeinsam mit seiner Mutter Ernesta Rota Rinaldo verfasstes Libretto komponiert hat. Semperoper-Intendantin Nora Schmid hatte das Stück vor etwa drei Jahren von Regisseur Bernd Mottl an ihrer vorherigen Wirkungsstätte Graz inszenieren lassen und diese beim Publikum wohl bestens angekommene Produktion nun als Übernahme (und Mottls Hausdebüt an der Semperoper) nach Dresden geholt.

Ein Remake also, das nicht nur dem Spardiktat einer Großen Aufrüstungs-Koalition Folge leistet, sondern auch in friedlicheren Zeiten dem Gebot der Vernunft gefolgt wäre, indem eine gelungene Opernproduktion durchaus an verschiedenen Orten gezeigt werden sollte. Hörens- und sehenswert ist »Der Florentiner Hut« in der Tat, obgleich der Inhalt dieser 1944/45 entstandenen musikalischen Farce, einer Farsa musicale, gar nicht so leicht zu beschreiben ist. Die Kurzfassung könnte so gehen: Kommt ein Pferd in die Oper und frisst einen Hut…

Wer aber versucht, etwas mehr in die Tiefe und ins Detail zu gehen, gerät rasch ins Schlingern. Bei diesem Hut geht es natürlich um einen Florentiner Hut, einen Strohhut, wie ihn der Originaltitel »Il cappello di paglia di Firenze« bezeichnet. Diesen Hut trägt eine verheiratete Dame just bei einem Stelldichein mit ihrem Liebhaber, einem frechen Offizier. Wie immer schon und immer wieder, so auch heute (wir sollten endlich daraus lernen!), ist an allem Übel der Welt das tumbe Militär schuld.Just dieser Offizier fordert auch noch Ersatz für den Hut, damit der durch ihn gehörnte Ehemann vom Betrug nichts merkt. Dummerweise hat der Besitzer des Pferdes (das in der Oper glücklicherweise gar nicht erst auftritt), ein Mann namens Fadinard, überhaupt keine Zeit, da am selben Tag seine Hochzeit bevorsteht. Dieser Mann aus Paris will ein Mädchen vom Lande heiraten, Elena, deren Vater ihn zwar nicht leiden kann, der aber trotzdem mit großem Gefolge in die Stadt kommt, vom Debakel um den Hut aber natürlich nichts wissen darf, da sich die betrügerische Dame – nun allerdings ohne Hut – mitsamt dem schuldigen Offizier in Fadinards Haus aufhält. Soweit alles klar?

Auf der Suche nach einem Ersatz für den angefressenen Hut wird es aber noch sehr viel krasser. Zum bösen Schwiegervater in spe kommen ein schwerhöriger Onkel, die Rachsucht des betrogenen Ehemanns, zudem ein Paar viel zu enger Schuhe, ein plötzlicher Regenguss in der Nacht, ein Aufenthalt im Gefängnis und um die ihren Schlaf gebrachten braven Bürger hinzu … Die ganze Florentiner Rota-Geschichte voller Geschichten kann gar nicht nacherzählt werden, man muss sie erleben. Und ein Besuch dieser Neuinszenierung sin unbedingt empfohlen! Denn die Semperoper hat damit eine Art Sommertheater auf die Bühne gebracht, das durchweg unterhaltsam ist, wenngleich manchmal albern, dann aber gleich derart überzogen, dass niemand pikiert davon sein sollte. Die Akteure spielen wunderbar mit, angetrieben vom Tempo der Musik, die von der Sächsischen Staatskapelle unter der Leitung des Italieners Daniele Squeo sehr mitreißend umgesetzt wurde.

Regie und Ausstattung – von Bühnenbildner Friedrich Eggert und Kostümbildner Alfred Mayerhofer – tragen mit dazu bei, dass diese Produktion zur Premiere so gut ankam. Die Bühne ist mit überdimensional großen Hutschachteln vollgestellt, die Gassen und Häuser sowie Salons und Schlafzimmer darstellen. Schade nur, dass niemand darauf geachtet hat, wie stark der Blick auf die Bühne von den Rängen aus eingeschränkt ist. Da helfen dann auch die Übertitel dieser italienischen Oper mit dem Spielort Paris nicht sehr viel.

Musikalisch aber hat diese Premiere umso mehr überzeugt: Piotr Buszewski, Fadinard, ist ein liebestoller Tenor par excellence, samtig und schneidig, spielerisch äußerst agil. Die wunderbare Rosalia Cid gilt als seine Elena das Mädchen vom Lande, spielt bewusst etwas tapsig und ist stimmlich absolt brillant. Ebenso Valerie Eickhoff als betrügende Anaide und Marie Therese Carmack als herrlich exaltierte Baronin. Großartig auch die beiden Buffo-Partien von Schwiegervater und gehörntem Ehemann, da werfen sich Alexander Grassauer und Neven Crnić tüchtig ins Zeug.

Sie werden zum Ende – nachdem in Nino Rotas Musik Anleihen aus Operette und Filmmusik, Zitate von Johann Strauß, Richard Wagner und anderen zu hören gewesen sind – ebenso gefeiert wie die weiteren Solistinnen und Solisten, die Damen und Herren der Opernchores sowie die Komparserie.

Alles in allem ist »Der Florentiner Hut« also ein vergnügliches, nicht gerade tiefsinniges, dennoch aber sehr unterhaltsames und kurzweiliges Opernereignis.

Termine: 6., 14., 19., 24. und 29. Juni. 

Der Filmkomponist Nino Rota ist in einem kleinen Begleitprogramm zu hören, wenn dessen Musik zu Federico Fellinis grandiosem Streifen »Amarcord« am 16. Juni im Dresdner Zentralkino erklingen wird.

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