
Der Dresdner Kammerchor feiert in dieser Saison sein 40. Jubiläum mit zwei Konzerten in Dresden und Lohmen. Lohmen? Ja, das ist erklärungsbedürftig… Wir haben die Mezzosopranistin Clara Bergert gebeten, mit dem Komponisten, Chormanager und Autor Alexander Keuk zu sprechen, der für die beiden Konzerte das Auftragswerk »Aeon Sophia« beigesteuert hat.
Du hast ein Auftragswerk für den Dresdner Kammerchor geschrieben – was bedeutet das für dich? Und wie hast du dich beim Komponieren gefühlt?

Mir bedeutet das sehr viel, da ich seit über 30 Jahren im Dresdner Kammerchor aktiv bin – als Sänger, Dramaturg, Manager und auch als Komponist. Ich kenne das Ensemble also sehr gut und es wurden schon mehrere Stücke von mir uraufgeführt. Besonders freue ich mich, wenn ich für einen Chor schreiben kann, bei dem ich was, was die leisten können und worauf die Lust haben.
Mich würde interessieren, ob du spezielle Routinen beim Schreiben hast. Besondere Rituale oder einen Ort, wo du gerne schreibst oder Zeiten, wann du gerne komponierst.
Das ist für jedes Stück unterschiedlich. Komponieren fängt bei mir immer erst im Kopf bzw. im Körper an. Ich höre Klänge, lese etwas, komme mit Themen in Kontakt – und dann setzt sich das innerlich zusammen. Der Prozess, wo alles auf Papier kommt, der kommt erst ganz zum Schluss. Und da habe ich keine Rituale, außer, dass ich Dinge nicht chronologisch komponiere. Bei „Aeon Sophia“ habe ich im zweiten Satz angefangen und wusste auch gar nicht, wie viele Sätze ich schreiben werde. Manchmal verwerfe ich Sachen. Dieses Hin und Her, das Einbeziehen von Fehlern und Scheitern – das gehört bei mir dazu.
Wie ist das beim Komponieren: sitzt du am Klavier, arbeitest du mit dem Notenschreibprogramm Musescore oder ist das alles in deinem Kopf? Also woher bekommst du deine klangliche Vorstellung?
Auch sehr unterschiedlich. Teilweise habe ich Dinge im Kopf, zum Beispiel eine Melodie oder einen Akkord. Das überprüfe ich dann am Klavier oder in Musescore. Besonders wichtig ist es mir aber, meine Kompositionen unabhängig vom Klavier oder digitalen Klängen zu entwickeln. Ich will einen Chorklang, und den stelle ich mir innerlich vor.
Dein Stück heißt „Aeon Sophia“. Wer ist denn Sophia eigentlich?
Das „Aeon“ selbst ist eine Art Emanation, also eine Gottgestalt, ein Gotteswesen. Und die „Sophia“ steht seit urchristlichen Zeiten für die Weisheit. Man bringt sie auch oft mit Pfingsten in Verbindung. Ich habe in einer Quelle gelesen, dass sie als die weibliche Emanation bezeichnet werden könnte. Sie schwebt oben in den Sphären und ist vielleicht ein Teil von Gott, aber vielleicht auch ein eigenes Wesen.

Und kam „Sophia“ erst beim Komponieren zu dir oder schwebt sie schon länger in deinem Kopf herum?
Die Thematik an sich schwebt mir schon länger im Kopf herum, da der Dresdner Kammerchor viel geistliche Musik singt und ich dadurch angeregt werde, mich mit biblischen Themen auseinanderzusetzen. Ich habe viel gelesen und bin irgendwann auf die Nag Hammadi Schriften gestoßen, die selbst erst 1945 entdeckt wurden. Das sind apokryphische Schriften, die die Zeit nach der Auferstehung Jesu beleuchten. Alles, was seine Jünger danach erlebt und sich erzählt haben, ist auf Papyrus aufgeschrieben worden. Und aus diesen fragmentarischen Schriften habe ich einzelne Texte benutzt, um die „Sophia“ einzukreisen.
Jetzt heißt unser Konzert „ZentralVokal.DANKEN“. Gibt es eine Verbindung zwischen „Aeon Sophia“ und „Danken“? Also gibt es einen „Dankes-Gedanke“ in deinem Stück?
Ich glaube, das eine führt zum anderen – wenn wir die Weisheit haben, dann sind wir auch zum Dank fähig. „Danken“ kann eine hochkomplexe Sache sein. Jeder dankt anders.
Und in meinem Stück habe ich dem „Danken“ einen ganz besonderen Platz eingeräumt. Es gibt eine Stelle, an der berichtet wird, wie schlecht und grausam die Welt gerade ist. Und genau da kommt ein Gedicht von Rainer Maria Rilke hinzu, bei dem es um Dankbarkeit geht. Man zieht sich zurück und sagt sich: „Ich bin dankbar, dass ich hier bin. Ich bin dankbar, dass ich gesund bin. Ich bin dankbar, dass ich etwas geben kann.“ Und das ist der Wendepunkt in der Mitte des Stücks.
Was war denn aufregender für dich: der erste Ton deiner Komposition in der Probe oder die Uraufführung?
Beides in seiner Weise. Beim ersten Ton in der Probe bin ich sehr im Komponisten-Dasein, in einem kontrollierenden Modus. Ich versuche, den Chor zu unterstützen und zu erfassen, was da gerade klingt. Die Uraufführung selbst ist was anderes. Da musst du als Komponist völlig loslassen, weil du nicht mehr eingreifen kannst. Das Stück passiert auf der Bühne und kommt sowohl zu dir als auch zum Publikum zurück. Das ist ein künstlerischer Vorgang, der mich sehr bewegt und glücklich macht.
Bist du zufrieden mit dem Ergebnis bzw. hast du Rückmeldungen bekommen? Vom Chor direkt oder vom Publikum?
Ja, es waren verschiedene Rückmeldungen. Vom Publikum direkt nach dem Konzert habe ich wenig zurückgemeldet bekommen, da habe ich aber die Vermutung, dass die sich erstmal damit auseinandersetzen und es verdauen müssen. Mit fast 20 Minuten Dauer gehört es zu meinen längeren Stücken. Beim Chor habe ich sehr positive Rückmeldungen bekommen. Vor allem auch, dass es eine Herausforderung war. Das tut einem Chor gut: neue Dinge kennenlernen und an neue Grenzen stoßen.
Wir hatten ein Konzert in Dresden und jetzt wiederholen wir das noch mal in Lohmen. Warum gerade Lohmen?

Das geht auf die Geschichte des Chors zurück. Das kann Herr Rademann viel besser erzählen als ich, weil er damals den Chor gegründet hat und dabei war, im Gegensatz zu mir.
Es gibt verschiedene Versionen der Geschichte und trotzdem konzentrieren sich alle auf den Punkt, dass der Chor damals im Jahr 1985 ein Studentenensemble war und zu Ernte-Einsätzen abberufen wurde aufs Land. Das muss furchtbar langweilig gewesen sein. Da haben sich die Studenten gesagt: wir nehmen Notenblätter mit und singen zusammen. Und aus dieser Freizeitbeschäftigung ist der Dresdner Kammerchor entstanden. In Struppen, in Lohmen, um Dresden herum, wo damals die Äpfel und Kartoffeln geerntet wurden. Und eines der ersten Konzerte war damals in Lohmen in der Kirche. Da haben wir auch schon unser zehnjähriges Bestehen gefeiert.
Das Lohmener Publikum ist vielleicht ein bisschen anders als das Dresdner Publikum. Neben deiner Komposition singen wir auch Neue Musik von Erkki-Sven Tüür, die 13 Minuten geht – das kann vielleicht etwas ungewohnt sein, wenn man sonst eher nur Bach und Rheinberger hört. Hast du Bedenken oder bist du eher gespannt, wie es aufgenommen wird?
Dresden ist natürlich ein tolles Publikum in einer tollen Kulturstadt. Aber ich bin immer positiv überrascht, wenn ich aufs Land gehe. Und dabei würde ich den Satz formulieren: unterschätze nie dein Publikum! Sachsen ist ein hochmusikalisches Land, schon aus der Historie.
Ich glaube, das Verständnis von Musik und dieses Bedürfnis, Musik zu hören und in Konzerte zu gehen, das ist hier viel weiter und höher entwickelt als teilweise in westlichen Bundesländern. Und deswegen habe ich gar keine Bedenken, dass das in Lohmen irgendwie schwierig werden würde. Ich glaube, die Kirchgemeinden sind sehr offen dafür und das wird eine schöne Sache.
Jetzt bist du seit kurzem im Management tätig, fungierst also in diesem Projekt als Doppelrolle. War das kompliziert, dass das künstlerische und organisatorische miteinander einhergingen bzw. war das manchmal schwer zu trennen? Oder war das eher fruchtbar, diese Zusammenarbeit?
Es ist schwierig zwischen diesen Welten hin und her zu springen. Ich habe immer gesagt, dass ich beide Seiten der Bühne brauche. Ich kann die Musikwelt am besten verstehen, wenn ich die ganzen Mechanismen mitbekomme und weiß, wie ein Chor funktioniert. Wenn man nur im Publikum sitzt, weiß man gar nicht, was für eine Riesenarbeit dahintersteht. Diese ganzen Dinge ineinander wirken zu lassen, vertieft nochmal das Verständnis und auch den Respekt vor diesem Chor. Es ist ein Glücksfall, für diesen Chor arbeiten zu dürfen und ihn auf der ganzen Welt bekannt zu machen.
Mich würde noch interessieren, was du dir für die Zukunft wünschst. Also sowohl für den Chor, als auch ganz persönlich.
Das ist eine sehr große und schwere Frage. Wir sind gerade in einer Phase, in der ich eine große Angst habe, dass Kultur ihren Stellenwert in der Gesellschaft verliert. Und diesen Prozess muss man umkehren, indem jeder Einzelne aktiv wird und sagt: „Wir brauchen Kultur.“ Kultur ist ein Lebenselixier und beeinflusst unsere Gesellschaft, Bildung und Kommunikation. Wenn wir nicht mehr in Konzerte gehen und keine Konzerte mehr stattfinden, wird es einen Einbruch in der Kommunikation und Bildung geben. Dieser lebendige Austausch mit Kunst und Künstlern ist lebensnotwendig. Und diesen Austausch möchte ich wieder erleichtern – zu den Leuten sagen: „Kommt ins Konzert, wir machen da was ganz tolles.“ Also einfach mehr von dem, was jetzt immer weniger wird.
Eine letzte Frage: gibt es schon weitere Ideen für Kompositionen oder jetzt erstmal Pause?
Es geht immer weiter. Ich bin gerade mit einem Streichquartett fertig geworden für das Dresdner Collenbusch Quartett, welches 2027 uraufgeführt wird. Danach bin ich erstmal zurückhaltender mit Kompositionen. Es gibt allerdings noch einen weiteren Strang in meinem Künstler-Dasein: Ich bin Mitglied in einem Dresdner Kollektiv, welches sich mit performativer und bildender Kunst auseinandersetzt. Wir haben uns gerade für die Ostrale nächstes Jahr beworben mit einem Projekt, bei dem es ein bisschen um die Geschichte „5 vor 12“ gehen wird, also Endzeitgedanken. Da freu ich mich sehr drauf.
Vielen Dank für das Gespräch.
Jubiläumskonzert ZentralVokal.DANKEN mit dem Dresdner Kammerchor in der Dorfkirche Lohmen am 26. Juni 2026 um 19:00 // Leitung: Hans-Christoph Rademann, Programm: Bach, Tüür, Keuk, Rheinberger // Tickets hier

