Opium für gefangene Völker

Rezensionen

Opium für gefangene Völker

Alle Fotos: Ludwig Olah

Das Theater macht die Welt nicht zum besseren Ort. Doch es lässt Menschen daran glauben und darauf hoffen. Genau diesen Anspruch eines politischen, eines menschenbildenden Theaters vertritt Intendant Peter Theiler an der Semperoper in Dresden.

Folgerichtig gelangen hier also auch eher unangenehme Gegenwartsbilder auf die Bühne. So geschehen zur Premiere von Giuseppe Verdis »Nabucco«, der ersten Dresdner Neuinszenierung dieses Bühnenklassikers seit der zeitkritischen Produktion von Peter Konwitschny 1996. Jetzt hat David Rösch inszeniert, der hier bereits »Die tote Stadt« von Erich Wolfgang Korngold herausgebracht hat.

Kein Schmuckvorhang, wie üblich, trennt das Publikum vom Spielbeginn, lediglich eine pechschwarze Kurtine. Vor jedem der vier Akte werden Bibelzitate darauf projiziert, alttestamentarische Allmachtsansprüche voller Blut- und Rachedurst. Abgründige Düsternis urzeitlichen Götterglaubens, dessen Wurzeln im alten Babylon wie zum Teil noch im Heute (und darüber hinaus?) unmündigen Menschenwesen entspringen.

Vitalij Kowaljow (Zaccaria), Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Sinfoniechor Dresden – Extrachor der Semperoper, Komparserie

Patrick Bannwart hat dazu eine Ruinenlandschaft auf die Bühne gezimmert, das Symbol einer zerschossene Stadt, die für Aleppo ebenso stehen könnte wie für den Handlungsort Jerusalem oder den unvollendeten Turmbau zu Babel. Von Menschen gemachtes Unheil, fortgesetztes Leiden im Namen vermeintlich einziger Wahrheiten. In diesem Chaos leben und leiden unschuldige Menschen. Die Bilder der täglichen Nachrichten nun auf der Bühne. Ist das noch die Geschichte von Nabucco, den Babyloniern und dem jüdischen Volk?

Aber ja, nur dass Verdi seine Oper so allgemeingültig orchestriert hat, wie sie nun von der Sächsischen Staatskapelle in den Saal geschmettert wird, auf dass sich niemand im Publikum der Klangmacht zu entziehen vermag. Was Omer Meir Wellber vom Pult aus hervorzaubert, hat die Regie mit etlichen Einfällen zu bebildern versucht. Zerschossener Wohnraum, darbende Menschen, ein getötetes Kleinkind, das von seiner Mutter in einen Brettersarg gelegt wird. Die vielleicht zehnjährige Schwester, die solch ein Unrecht einfach nicht fassen kann, berührt in ihrer stummen Verzweiflung bis unter die Haut.

Bösch und sein Team hatten also keinen vergnüglichen Ausflug für Freunde der italienischen Oper geplant. Hier werden Zustände deutlich, die auf religiösen Wahn und den Machtmissbrauch Einzelner zurückzuführen sind. Unter beidem hatten und haben stets die Massen zu leiden, mögen sie auch noch so fromm und folgsam sein.

Dramatisch zupackend wie die Geschichte des babylonischen Königs Nabucco (Nebukadnezar), der Jerusalem belagert, in seinem Machtrausch größenwahnsinnig wird, sich zur Gottheit erklärt, Intrigen zum Opfer fällt und schließlich, o Wunder, vor dem Gott der Hebräer auf die Knie – ist Verdis die Musik. Omer Meir Wellber, seit dieser Saison Erster Gastdirigent der Semperoper, durchpflügt die Partitur mit straff angezogenen Zügeln, kostet dennoch die feinen Cellosoli gründlich aus, lässt alles Schmettern der Bläser feurig klar aufscheinen und das Ziselieren im Holz kammermusikalisch schön erblühen; da wirkt nie etwas unmotiviert, ist alles durchdacht und in seiner Wirkung schier überwältigend. Ebenso bestechend sind die von Jörn Hinnerk Andresen exzellent einstudierten Chöre (Staatsopernchor, Sinfonie- und Extrachor), die szenisch (gemeinsam mit der Komparserie) als geschundene Massen agieren, von der Regie aber mit einiger Individualität versehen worden sind. Kostümbildnerin Meentje Nielsen hat Volk und Soldaten in diesem Bühnenbild des Schreckens zeitlos heutig gekleidet, teils auch martialisch, wie um das seit Jahrtausenden nicht endende Leiden des Menschen am Menschen konkret zu verorten. Der berühmte Gefangenenchor „Va, pensiero“ wird im Liegen angestimmt, nach und nach erheben sich die Geschundenen und halten plötzlich weiße Mohnblüten in ihren Händen. Sämtliche Gottheiten, unabhängig von deren Legenden und aller Symbolik, sind eben doch nur Opium fürs Volk.

Geradezu entlarvend singt auch der Hohepriester „Wer ging je zugrunde, der in Todesgefahr auf Gott vertraute?“ – angesichts des täglichen Tötens ein recht hohler Trostversuch. Vitalij Kowaljow hat diesem Zaccaria einen kraftvollen Bass verliehen, mit Verve ist Massimo Giordano als Ismaele präsent, zeigt aber auch Gefühle der Liebe und des Leidens in seinem farbreichen Tenor. Er liebt Nabuccos Tochter Fenena und gilt damit unter den Seinen als Verräter, ist verflucht und „hat keine Brüder …“ Christa Mayer stattet diese Fenena mit aller Wärme ihres Mezzosoprans aus, mit lyrischem Zauber und glaubhafter Menschlichkeit. Ihr Gegenpart, die vermeintlich erstgeborene Tochter Abigaille, strebt machtgeil zerstörerisch nach der Krone – und entlarvt sich als einstige Sklavin. Die Spanierin Saioa Hernández gab mit diesem Part ihr Deutschland- und Rollendebüt und überzeugte mit messerscharfem Sopran in einer Intensität, die im Bedarfsfall selbst Chor- und Orchestertutti überlagern konnte. Als augenfälliges Detail der Regie wurde mit ihrer Machtübernahme aus dem bisher muskelbepackten Wachpersonal eine weibliche Garde – kein Stück humaner.

Den Oberpriester des Baal zelebrierte zur Premiere der griechische Bass Alexandros Stavrakakis als blutrünstigen Rächer mit respektforderndem Organ. Jüngst sprang Sejong Chang vom Jungen Ensemble für ihn ein und wirkte kaum weniger gierig. Auch Simeon Esper, beim Einsatz verletzter Wachmann Abdallo, überzeugte mit sensiblem Tenor. Zaccarias Schwester Anna war zur Premiere mit der rumänischen Sopranistin Iulia Maria Dan ebenso überzeugend besetzt wie nun auch durch Tahnee Niboro.

Den Titelpart des Nabucco jedoch hat der polnische Bariton Andrzej Dobber mit einem stimmlichen Spektrum von Donner und Demut ausgefüllt, in seinem Auftreten geschmeidig bis gewaltig, als „Entrückter“ vielleicht nicht ganz alle szenischen Möglichkeiten ausschöpfend, doch selbst als ans Stahlbett gefesseltes Opfer ganz und gar Zentrum der Bühne. Für den Juni waren drei (bereits vorab ausverkaufte) Vorstellungen dieser Neuinszenierung mit Plácido Domingo als „Zweitbesetzung“ geplant – die erste davon geriet am 5. Juni zu einem Beinahe-Desaster. Als Staatsopern-Intendant Peter Theiler vor Vorstellungsbeginn zum Publikum sprach, klang er noch optimistisch und verwies lediglich auf eine nicht vollständig auskurierte Erkältung des einstigen Heldentenors Plácido Domingo, der seit gut fünf Jahren auf baritonalen Wegen gut unterwegs ist. Doch als Theiler nach der Pause erneut vors Publikum trat und die ärztliche Weisung an den »Löwen von Madrid« kundgab, nicht weiter zu singen, machte sich die Enttäuschung im Publikum breit. Viele waren schließlich nur wegen dem einstigen Mitglied der »Drei Tenöre« gekommen und hatten dafür stolze Preise gelöhnt. Aber alle zeigten Verständnis und durften beglückt die Voraussicht des Hauses genießen, flugs einen gestandenen Nabucco in Reserve gehalten zu haben. Markus Marquardt, tatsächlich ein Bariton, sang nach der Pause von der Seite aus die Titelpartie in seinem ureigenen Timbre, Abendspielleiter Bernd Gierke übernahm stumm die szenische Partie.

Theater ist eben auch nur ein Ort dieser Welt, mit allen Ecken und Kanten.

Nächste Termine: 9., 15., 21. Juni

06.06.2019Rezensionen