
Die 49. Dresdner Musikfestspiele sind eröffnet. Zu DDR-Zeiten waren sie ein Fenster in die westliche Musikwelt, hatten vielleicht auch eine Art kulturelle Ventilfunktion. Zwischen dem offiziellen Beschluss des Zentralkomitees, das Festival ins Leben zu rufen, und der ersten Ausgabe mit Herbert von Karajan lagen die Ausbürgerung Wolf Biermanns Ende 1976 und Manfred Krugs Ausreise Mitte 1977…
Nach der Wende änderte sich die Ausrichtung natürlich, aber unpolitisch waren die Festspiele nie. Ich denke zum Beispiel an die späten Einladungen an Klaus Tennstedt, der die Dresdner Philharmonie nach der Wende im Rahmen der Musikfestspiele dirigieren sollte. Ehemals Chef der Landesbühnen, hatte Tennstedt 1966 bis 1971 auch sechzehn Konzertabende beim Dresdner Orchester dirigiert, bevor er von einem Schweden-Gastspiel nicht mehr in die DDR zurückkehrte. Sein Konzert 1994 mit dem städtischen Orchester sollte eine späte Wiedergutmachung werden, allein: die Gesundheit machte Tennstedt zu schaffen, er sagte ab, und auch die beharrlichen Wiedereinladungen für die Folgejahre der Musikfestspiele scheiterten.
Auch das aktuelle Motto der Festspiele, „Leichtigkeit des Seins“, ist laut Jan Vogler ein Kommentar auf die momentane politische Weltlage. Mit der Sehnsucht nach dieser verlorengegangenen Leichtigkeit erklärt der Intendant die große Kartennachfrage; wiederum haben die Musikfestspiele damit sozusagen eine Ventilfunktion erhalten. Und man erlaubt sich programmatisch auch politische Kommentare; man denke etwa an das Konzert mit dem Titel »Let’s all stand together« oder das Abschlusskonzert, das die derzeitigen Zustände in der New World subtil vorführt.
Das musikalische Programm des Eröffnungskonzerts war da nicht ganz so eindeutig zu lesen. Webers Ouvertüre zu »Oberon« geht sicher noch als Gruß aus der Dresdner Küche durch; aber das leicht sperrige, musikalisch ausfasernde Cellokonzert von Henri Dutilleux ließe sich nur mit Mühe auf das Festspielmotto beziehen. Die Philharmonie, die das Werk unter Marek Janowski vor 25 Jahren einmal mit dem Solisten Alban Gerhardt musiziert hat, schien sich unter dem recht mechanischen Dirigat von Tabita Berglund nicht völlig wohlzufühlen und tastete sich mehr durch die Musik, als dass sie sie gestaltete. Und auch Jan Vogler wirkte nach einem lyrischen, herrlich weltentrückten Beginn nicht immer völlig zuhause in diesem enigmatischen, für Rostropowitsch geschriebenen Werk.
Was das Hauptwerk des Abends, die »Bilder einer Ausstellung«, in dem Eröffnungskonzert der Festspiele zu suchen hatten, bleibt rätselhaft. Nach dem Dutilleux-Konzert wirkte es altbacken-anachronistisch. Interessant ist es allemal, in die Dresdner Aufführungsgeschichte dieses Mussorgski-Werks zu schauen. Das Orchester musizierte den Programmmusik-Klassiker in seiner Geschichte (wenn ich keine Aufführungen übersehen habe) nach 1930 – damals in der Orchesterfassung von Leo Funtek – seltener als vermutet, nämlich in nur dreizehn verschiedenen Konzertprogrammen. Einmal Ende der fünfziger Jahre (unter Romanus Hubertus), 1968 und 1974 unter Kurt Masur, 1976 und 1978 unter Herbert Kegel, Ende der Achtziger unter Ude Nissen, einem Bongartz-Schüler, und Olaf Henzold; in den Neunzigern unter Plasson, Gerd Herklotz und Juri Temirkanow und in den frühen Zweitausendern unter Günter Herbig und Mario Venzago. Aufführungen unter Rafael Frühbeck de Burgos führten die „Bilder“ dem Dresdner Publikum 2007, also vor nunmehr fast zwanzig Jahren, das letzte Mal vor Ohren. Zwar spielt das Werk nach wie vor eine Rolle im Musikunterricht und auch in der Hochschulausbildung (wovon nicht zuletzt Aufführungen Dresdner Jugendorchester und des Hochschulorchesters zeugen), aber im Konzertbetrieb scheint es sacht aus der Mode gekommen zu sein – obwohl ein hellsichtiger Mussorgski doch, wie es der Moderator des Abends Olaf Schubert, der selbsternannte „Karajan der Lommatzscher Straße“ formulierte, mit dem Ochsenkarren-Satz die Verkehrswende weg vom Verbrenner einhundertfünfzig Jahre vorweggenommen hat!
Wieder ernst: das Grußwort der Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch, das ein Bekenntnis der Landeshauptstadt zu seinem Klangkörper enthielt, sparte nicht die aktuellen Finanzprobleme der akut klammen Stadt aus. Wenn das also kein leeres Lippenbekenntnis bleiben soll, muss die Stadt das große 50. Jubiläum der Dresdner Musikfestspiele rechtzeitig, verlässlich (!) und substantiell mit Fördergeldern untersetzen. Andernfalls droht das Festival im dann schon zwanzigsten Jahr der Voglerschen Intendanz an Bedeutung einzubüßen. Die Konzerte im nächsten Jahr schlicht als politische Versammlungen anzumelden und damit der Stadt die Finanzierung zwangsaufzubürden, scheint mir kein tragfähiges Modell für die Zukunft zu sein.









