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Wagner mit Aussicht

Götterdämmerung mit Weitblick (Alle Fotos: Michael Ernst)

»Die Götterdämmerung« unter freiem Himmel – Walhall im Land, wo die Zitronen blühen

Während sich in Bayreuth die Einsicht verstetigt, dass Richard Wagners »Ring des Nibelungen« auch im KI-Zeitalter vor allem von seiner Musik lebt, besinnt sich das als »The Wagner Cycle« bezeichnete »Ring«-Projekt der Dresdner Musikfestspiele auf die musikalischen Ursprünge der Tetralogie. Ein durch Modernismen möglichst unverfälschter Höreindruck soll das Ergebnis dieses 2023 mit dem »Rheingold« gestarteten Unterfangens sein. Wissenschaftliche Recherche, musikhistorisches Interesse und inspirierendes Engagement aller Beteiligten sind die Grundlagen dafür.

Neben Dresden als Nukleus dieser dank unfangreicher Förderung zustande gekommenen Aufführungen, die das hiesige Festspielorchester gemeinsam mit Concerto Köln unter der musikalischen Leitung von Kent Nagano betrieben werden, sorgen Gastspiele an ausgewählten Orten (insbesondere an solchen mit einem historischen Wagner-Bezug) für überregionale Strahlkraft dieses weltweit einmaligen Projekts. Neben Luzern, Paris und Prag zählt auch das pittoreske Ravello in Italien mit dazu.

Richard Wagner hat diesen hoch über der amalfitanischen Küste gelegene Örtchen schon 1880 besucht und soll im Garten der Villa Rufolo ausgerufen haben, „Ich habe Klingsors Zaubergarten gefunden“, den giardino magico also als die perfekte Kulisse für den zweiten Akt seines »Parsifal«. Und wirklich, noch heute verströmt diese romantische Anlage einen schier unvergesslichen Zauber, dem seit nunmehr 73 Jahren regelmäßig auch ein aus aller Welt stammendes Musikpublikum erliegt. Als 1953, zum 70. Todestag Wagners, das Ravello Festival ins Leben gerufen wurde, waren es natürlich auch touristische Hintergedanken, um zahlungskräftige Gäste zu diesem schon von Giovanni Boccaccio in seinem »Decamerone« gepriesenen und noch heute nicht anders als himmlisch zu bezeichnende Anwesen zu locken.

„Klingsors Zaubergarten gefunden“…

Der passende Ort also auch für Wagners »Götterdämmerung«? 

Nach dem Erfolg mit dem »Rheingold« hoch überm Tyrrhenischen Meer vor drei Jahren gastierten Dresdner Festspielorchester und Concerto Köln Ende Juli einmal mehr vor dieser einzigartigen Kulisse und boten in deutlich verkleinerter Besetzung Prolog sowie den ersten Akt der »Götterdämmerung« in einer bewegenden Zwei-Stunden-Fassung.

Der Auftakt dazu wurde passenderweise zur Dämmerstunde geliefert, als läge wahrhaftig der Walkürenfelsen vis-à-vis, als würde das verlöschende Licht der Sonne – von den Nornen fragend kommentiert „Welch Licht leuchtet dort? – Dämmert der Tag schon auf? – Noch ist’s Nacht.“ dem Lodern von Loges Heer entstammen.

Klimatisches Wagnis

Freilich hat der Rhein weder die Tiefe noch die Pracht des Mittelmeers, sind die Rheinhänge vom Zauber der Costiera amalfitana weit entfernt und bräuchte die Musik dort auch nicht gegen das becircende Großkonzert der Zikaden ankämpfen. Kent Nagano sowie die in historischer Aufführungspraxis geschulten Musikerinnen und Musiker focht das alles nicht an, sie brachten die Streichinstrumente zum Flirren, ließen die Blechbläser um Konsonanzen ringen, während Holz und Harfen für kammermusikalische Intonation erzeugten, auf dass die Pauken das Dunkel der Nacht einläuten konnten. Was allerdings, je dunkler, je doller, am Abend eines heißen Tags direkt am Meer mit enormer Luftfeuchtigkeit verbunden gewesen ist, die nachhaltig hörbar wurde. Mit dem Leuchten der ersten Sterne und dem Aufgehen eines Fast-noch-Honigmonds verweigerten sich die Darmsaiten der Stimmung, klangen manche Passagen unbeabsichtigt nach dem guten alten Grammophon. Unter diesen Bedingungen wurde der historische Wagner zum Wagnis.

Das Spiel ist aus, der Mond setzt das Finale

Kent Nagano realisierte dennoch, was er andernorts schon mehrfach bewiesen hat, eine hochdramatische, aus gewagtem Piano spannungsvoll aufbrausende Erzählung dieser »Götterdämmerung«, wobei er sich wiederum auf eine faszinierende, dieses Projekt mit profunder Hingabe unterstützende Besetzung verlassen konnte. So tragisch es war, aus Platz- und Zeitgründen auf Chor und Schlussgesang verzichten zu müssen, so brillant war auch diesmal die schwedische Sopranistin Åsa Jäger als betörende Brünnhilde. In gewohnter Weise impulsiv und textverständlich, schlichtweg mitreißend und vom Publikum lauthals gefeiert. Der koreanische Tenor Young Woo Kim stand diesbezüglich ganz auf ihrer Seite. Sein Siegfried machte sichtlich Freude, er legte unüberhörbare Gestaltungslust in seine mitunter etwas heftigen Timbre. Patrick Zielkes Hagen war einmal mehr der Bösewicht par exzellence, brauchte wenig Gesten, um seinen abgründigen Bass rollengerecht zu charakterisieren. Als Gutrune und Waltraute sowie als dritte und erste Norn haben Ania Vegry und Jasmin Etminan sehr lyrisch überzeugt und gemeinsam mit Marie-Luise Dreßen ein qualitativ stimmiges Trio abgegeben. Der noble Bariton Johannes Kammler schließlich wirkte als Gunther in körperlicher und vokaler Ausstrahlung beinahe ein wenig zu fein für das intrigante Ringen um den Ring.

Beste Aussichten also auf die geplanten Gesamtaufführungen dieses historischen »Rings« im kommenden Jahr in Wien, Hongkong und Shanghai. Zuvor jedoch gibt es die »Götterdämmerung« noch in Paris und Luzern.

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