Von Clara Schumann bis Nina Simone: Susan Tomes stellt Schicksale von Pianistinnen vor. Einige Streifzüge führen nach Dresden und Leipzig
Klavier, das. Das Klavier ist neutral. Nicht männlich, nicht weiblich. Warum aber macht es dann einen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann an den Tasten sitzt? Dieser Frage ist die britische Pianistin und Autorin Susan Tomes nachgegangen, um in ihrem jüngst im Elisabeth Sandmann Verlag erschienenen Buch »Frauen am Klavier – Fünfzig Pianistinnen und ihre Geschichte« (original »Woman and the Piano – A History in 50 Lives«, Yale University Press 2024) sowohl der Historie dieses Instruments als auch dessen Bezug zu weiblichen Personen an den Tasten nachzugehen.
Fünfzig Frauen, eine absichtsvoll willkürlich vollzogene Auswahl. Eine einzige Frau ist darunter, die heute noch lebt, aber wohl nicht mehr aktiv am Konzertleben teilnimmt. Alle anderen stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, dem »Beginn des Klavier-Zeitalters«, wie die Autorin schreibt, sowie aus der jüngeren Vergangenheit, die bis hin zur 2003 verstorbenen Jazzpianistin, Frauen- und Bürgerrechtlerin Nina Simone reicht.

Da es in diesem reich bebilderten und ungemein informativen Buch (übersetzt von Sven Koch und leider nicht ganz fehlerfrei lektoriert) um herausragende Pianistinnen geht (ansonsten wird durchgehend das Gender-Sternchen verwendet), kommt man um die Musik in Dresden natürlich nicht vorbei. Eine zentrale Rolle nahm hier bekanntlich Clara Schumann ein, wie sie ihr ebenso von Susan Tomes eingeräumt wird. Mit fünfeinhalb Buchseiten nicht nur einer der umfangreichsten Beiträge (die kürzesten umfassen nicht einmal zehn Zeilen), fragt die Autorin dennoch zu Recht: »Was lässt sich noch über das Leben einer Frau erzählen, die als Wunderkind galt, Protagonistin in einem schlagzeilenträchtigen Kampf um die Ehe mit Robert Schumann war, Mutter von acht Kindern, eine der größten Pianist*innen des 19. Jahrhunderts, Freundin vieler herausragender Musiker, Muse von Schumann und Brahms, Herausgeberin und Arrangeurin der Musik ihres Mannes und nach dessen Tod einzige Ernährerin ihrer Familie, Klavierlehrerin für mehrere Generationen, Wegbereiterin der Aufnahme von „alter Musik“ in Konzertprogramme sowie eine der ersten, die in der Öffentlichkeit nicht vom Blatt, sondern auswendig spielte?« Puh, was für ein Satz und was für eine Fülle von Fragen!
Über die 1819 in Leipzig geborene Clara Schumann gibt es kaum Neues zu erzählen, dessen scheint sich Susan Tomes von vornherein bewusst gewesen zu sein. Wohl aber wird die tragische Geschichte von Claras Mutter Marianne einmal mehr verdeutlicht und auf mögliche Auswirkungen auf die vom Vater Friedrich Wieck am Klavier zum »Wunderkind« gedrillte Tochter hin gedeutet. Marianne nämlich, von einem als »eiserner Kantor« verschrieenen Kirchenmusikdirektor stammend, hat ihren nicht minder dominanten Gatten verlassen, als Clara gerade mal vier Jahre alt war. »Das sächsische Recht jener Zeit«, so steht hier zu lesen, »befahl Kinder ab dem Alter von fünf Jahren in die Obhut des Vaters.« Da Marianne bald darauf ins preußische Berlin gezogen ist, verlor sie alles Recht auf ihre Tochter und konnte deren spätere, von Vater Wieck europaweit betriebene Karriere nur aus der Ferne verfolgen.
Auch in diesem Kapitel wird exemplarisch deutlich, worum es der Autorin in ihrer gründlich recherchierten Publikation vorrangig ging: Die Rolle der Frauen als Nebenrolle von starken Männern, was nicht selten zur Folge hatte, dass der frühen Ausbildung als Pianistin oder gar Komponistin mit dem Eintritt ins Eheleben ein Schlussstrich gesetzt wurde. Selbst bei Clara Schumann, deren Klavierstücke Robert nach der endlich per Gerichtsbeschluss durchgesetzten Eheschließung gern in seinen eigenen Kompositionen zitierte, war das nicht anders, wiewohl sie den kranken Mann später aufopferungsvoll betreute – und seine Beisetzung dennoch nur im Schatten seiner »liebsten Freunde« begleiten konnte. Mit dem eigenen Komponieren war es dann bald vorbei; um die große Familie ernähren zu können, musste Clara umso mehr konzertieren. Bemerkenswert Tomes’ Schlusssatz: »Noch zu Lebzeiten von Beethoven und Schubert geboren und fast bis ins 20. Jahrhundert auf der Konzertbühne aktiv, gelang Clara Schumann der schwierige Wandel vom Kinderstar zur Grande Dame, ohne zu straucheln.«
Vergleichbar, wenn auch völlig anders konnotiert, ist das Schicksal von Fanny Mendelssohn, die allzu lang im Schatten ihres Bruders stand. Felix, wiewohl er Fannys Kreativität schätzte, veröffentlichte gar einige ihrer Werke unter seinem Namen.
Eine Frau wie Teresa Carreño hätte dies wohl nicht zugelassen. Die 1853 in Caracas geborene Diplomatentochter, weitläufig verwandt mit Simón Bolívar, agierte beizeiten äußerst selbstbestimmt. Sie lebte von 1891 bis 1895 mit Eugen d’Albert, dem dritten ihrer insgesamt vier Ehemänner, in Coswig und später in Berlin. Die nach der 1917 in New York verstorbenen Pianistin und Komponistin benannte Villa Teresa ist heute (nicht zuletzt dank der Initiative des Dresdner Pianisten Peter Rösel) ein Ort des lebendigen Gedenkens an diese Künstlerin und ihren kosmopolitischen Gatten.
Ganz anders die russische Pianistin Tatjana Nikolajewa, die 1950 den ersten Leipziger Bach-Wettbewerb gewann, der anlässlich des 200. Todestages von Johann Sebastian Bach ausgerichtet wurde. Jurymitglied Dmitri Schostakowitsch war von ihrem Vortrag und insbesondere von Bachs »Wohltemperiertem Klavier« derart angetan, dass er wenig später seine 24 Präludien und Fugen komponierte, die 1952 von Tatjana Nikolajewa uraufgeführt worden sind. Eine Künstlerin, die ebenfalls komponierte, u.a. eine Sinfonie sowie zwei Klavierkonzerte und viel Kammermusik, deren internationale Karriere das sowjetische Regime aber lange behinderte. Erst mit über 60 Jahren konnte sie nach London reisen, wo sie bei den Proms gefeiert wurde. Ausgerechnet beim Vortrag einer Schostakowitsch-Fuge in San Francisco erlitt die Pianistin 1993 einen tödlichen Hirnschlag.
Susan Tomes hat für ihr Buch »Frauen am Klavier« fünfzig sehr unterschiedliche Schicksale aus gut drei Jahrhunderten zusammengestellt. Gemeinsam haben sie alle freilich die Liebe zur Musik und insbesondere zum Klavierspiel. Über die Zeiten hinweg mussten Pianistinnen aber immer wieder gegen patriarchale Hürden ankämpfen, die ihrer musikalischen Laufbahn zumeist im Weg standen oder sie gar gänzlich verhindern wollten. Warum wurden viele dieser Frauen nicht so berühmt wie ihre männlichen Kollegen? Insbesondere die Kompositionen vieler hier vorgestellter Künstlerinnen standen lange und stehen vielfach noch heute im Schatten des Vergessens. Susan Tomes hat mit ihrem lesenswerten Buch wertvolle Aufklärungsarbeit geleistet, der unbedingt die eine oder andere Neuentdeckung folgen sollte.
Susan Tomes: »Frauen am Klavier – Fünfzig Pianistinnen und ihre Geschichte«
Elisabeth Sandmann Verlag, 224 S., 26 Euro