Salzburg sollte sich freuen

Rezensionen

Salzburg sollte sich freuen

Dreihundert Mitwirkende im XXL-Konzertzimmer… (Fotos: Matthias Creutziger)

Die Osterfestspiele Salzburg werfen in diesem Frühjahr ihre Schatten nicht nur voraus, sie werfen mit Schatten geradezu um sich.* Was da aus dem Schrift-Wechsel zwischen aktuellem und Nachfolge-Intendanten öffentlich kolportiert wird, ist schon längst keine Schattenwirtschaft mehr, sondern gleicht einer Schlammschlacht und sollte eigentlich mit dem (Loden-)Mantel des Schweigens bedeckt werden.

Aber nichts da. Laut tönen die Fehlformulierungen und orthografischen Schwächen des impulsiven Nachfolgers, wird die zurückhaltende Noblesse des Amtsinhabers bekrittelt – ein Fest für Kolumnisten und Kolporteure, Feierstunden für Sargträger und Schwarzseher; ganz gewiss aber auch ernsthafte Fragerunden für Sponsoren und Sympathisanten.

Wie konnte das nur geschehen? Sind die Alphatierchen von Salzburg denn ganz außer Rand und Band geraten? Tanzen jetzt Totentänze auf den Scherbenhaufen, die sie sich selbst eingebröckelt haben!

Dabei dürfte sich Salzburg doch freuen – auf einen »Don Carlo« von Giuseppe Verdi, den Vera Nemirova inszenieren und Christian Thielemann dirigieren wird, auf »La piccola Cubana« von Hans Werner Henze, der als späte Uraufführung eine Mutprobe darstellen dürfte, und nicht zuletzt auf Arnold Schönbergs »Gurre-Lieder«, die soeben in der Semperoper ihre mehr als bravourösen General-Konzerte erlebt haben.

Nach reichlich aufwändigen Proben beziehen 305 Musikerinnen und Musiker das plötzlich geradezu eng wirkende Konzertzimmer in seiner größtmöglichen Ausbaustufe, beschallen Saal und Ränge mit einer derart fein ausgewogenen Klangfülle, dass am Sonntag schon vormittags ein Beifallsturm einsetzt, den Dirigent Christian Thielemann wohl gerne noch ein klein wenig eingebremst hätte, um die Wirkmacht der Musik nachklingen zu lassen.

Am Montag ist dies gelungen, das Publikum hielt den Atem an, wagte sich nach der Opulenz des Schlusschores kaum zu rühren – wie schön wäre es gewesen, wenn der eifrige Herr mitten in der 8. Parkettreihe dies auch schon während der Aufführung beherzigt und sein penetrantes Papierrascheln unterlassen hätte! Ein ranghohes Husten just an einer der leisesten Stellen im dritten Teil des gut zweistündigen Oratoriums kommentierte der sichtlich um Konzentration bemühte Chefdirigent mit einem unmissverständlich harschen Seitenblick. Das hätte tödlich ausgehen können, wurde aber zumeist mit verständig stillem Schmunzeln bedacht.

Hier hätte niemand und nichts stören dürfen. Es ging um die uneingeschränkt lebensbejahenden Werte der Liebe. Mit farbenprächtiger Fülle und ausgewogener Opulenz gestalteten Staatskapelle und zahlreiche Gäste des Gustav-Mahler-Jugendorchesters diese spätromantische Klangkunst. Was da an Wagner und Strauss tönte, wie mittendrin aber auch das wienerisch Komatöse erscholl – Siegmunds Professoren-Couch hätte ihre wahre Freude gehabt (um bis heute daran zu knabbern). Da flirrten die größtmöglich besetzten Streicher, tönten die feinst austarierten Bläser, sengten die Harfen (vier an der Zahl!) Gänsehaut-Effekte in den Saal, in die von den fabelhaft gestaltenden Gesangssolisten dann nur mehr hineingestochen werden musste, um auf allerhöchste Berückung zu zielen.

Neben dem in voller Gewalt rötenden Tenor von Stephen Gould als liebender Waldemar sind dies vor allem Camilla Nylund mit ihrem wohlig runden Sopran als angehimmelte Tove sowie Christa Mayer mit lichtvollem Mezzo als Waldtaube gewesen. Nach der Pause traten der gar nicht bäurische Bass von Markus Marquardt (kurzfristig für den erkrankten Kwangchul Youn eingesprungen) und der ohne Notenvorlage spielerischen den Narren gebende Wolfgang Ablinger-Sperrhacke in Erscheinung, zudem Altmeister Franz Grundheber als Sprecher sowie die Damen und Herren von MDR-Rundfunkchor und dem Sächsischen Staatsopernchor (einstudiert von Jörn Hinnerk Andresen und Jan Hoffmann, und zwar tatsächlich in dieser Reihenfolge).

Ein Gesamtereignis, bei dem ältere Konzertbesucher an frühere Aufführungen der »Gurre-Lieder« gedacht haben dürften. Erstaunlicherweise deklariert das Programmheft das Sinfoniekonzert vom August 1995 unter Giuseppe Sinopoli als Dresdner Erstaufführung des Werkes – und hat Herbert Kegels bereits 1986 erfolgte und somit wesentlich frühere Entdeckung zu den Dresdner Musikfestspielen dabei offenbar übersehen.

In Dresden nur noch einmal heute, am 10. März.

*[UPDATE 12. März 2020] Die Salzburger Osterfestspiele, bei denen die »Gurrelieder« erneut erklungen wären, wurden heute abgesagt.

10.03.2020Rezensionen