„Ich versuche, mit britischem Geschick zu agieren“

Interviews

„Ich versuche, mit britischem Geschick zu agieren“


Der Orchesterdirektor der Sächsischen Staatskapelle hielt sich, während sich Intendant Peter Thieler und Chefdirigent Christian Thielemann in den letzten Tagen öffentlich fetzten, leise zurück. Wie immer eigentlich: denn geduldig zwischen allen Parteien zu vermitteln und Probleme leise und schnell im Hintergrund zu lösen, ist der herausfordernde Alltagsjob von Adrian Jones. Martin Morgenstern hat mit ihm gesprochen.

„Man muss mit Volldampf eine Planung durchziehen; und wenn man damit komplett ausgebremst wird, muss man wieder etwas in petto haben“ (Foto: Markenfotografie)

Adrian Jones, vor einem Jahr habe ich das letzte Mal ein großes Konzert der Staatskapelle besucht, die »Gurre-Lieder« standen auf dem Programm. Können Sie uns einmal schildern, wie die Corona-Krise danach den Alltag der Staatskapelle veränderte?

Für die »Gurre-Lieder« hatten wir direkt vor dem ersten Lockdown 305 Personen auf der Bühne. Insbesondere beim letzten der drei Konzerte am 10. März herrschte fast so etwas wie eine Endzeitstimmung. Wir sahen die Welle ja kommen, Österreich hatte bereits den Shutdown verkündet. Damals konnten wir selbstverständlich noch nicht absehen, wie lange uns Corona beschäftigen würde. Alle ahnten: vermutlich würde das der letzte große Abend für längere Zeit sein. Dass wir ein Jahr später noch immer mit dieser Pandemie leben und agieren müssen, hätte kaum jemand gedacht. Wären wir dann anders damit umgegangen? Wer weiß. In der ersten Zeit, also im ersten Lockdown im Frühjahr 2020, wurden in jedem Fall enorme Kräfte freigesetzt, neue digitale, kreative Formate sind damals entstanden.

Auf der anderen Seite fingen zwei Tage nach den »Gurre-Liedern« auch die Absagen an, die komplette Dekonstruktion der laufenden Saison begann. Bei einem Orchester wie der Staatskapelle sind meist die nächsten drei bis vier Jahre im Voraus intensiv vorgeplant. Diese Planung wieder in ihre Einzelteile zerlegen zu müssen war und bleibt eine zermürbende Arbeit – aber immer in der Hoffnung, das nur einmal machen zu müssen. Heute wissen wir: das „Planen-Umplanen-Verwerfen-Neuplanen“ ist jetzt seit beinahe 12 Monaten unser Alltag.

Auch für Musiker natürlich. Für Freiberufler war 2020 das schwerste Jahr ihres Berufslebens überhaupt. Wie sind die festangestellten Musiker durch dieses Jahr gekommen?

Die Mitglieder der Staatskapelle haben natürlich zunächst mit Verständnis auf die vielen Absagen und die Einstellung des Spielbetriebs für Wochen reagiert. Den Ernst der Lage hat jeder unter anderem tagtäglich in den Nachrichten vor Augen geführt bekommen. Aber mit der Zeit wurden einige auch der Situation müde, dass sie sich nicht mitteilen können durch die Musik, durch das gemeinsame Musizieren. Sie wissen ja auch, welche hohe künstlerische Qualität es braucht, um überhaupt in diesen Klangkörper aufgenommen zu werden. Da ist es Teil des Lebens, sich musikalisch auszudrücken und andere daran teilhaben zu lassen. Viele unserer Musiker kommen derzeit ins Haus, um zu üben, das enorme Arbeitsethos der Kapelle ist trotz Allem nicht angetastet. Alle wollen konditionell „superfit“ sein, wenn es wieder losgeht.

Waren die Musiker 2020 in Kurzarbeit?

Nein. Die Verhandlungen mit den Gremien sind jetzt allerdings abgeschlossen, die Kurzarbeitsregelung wird wohl in den nächsten Tagen greifen.

Arnold Schönbergs »Gurre-Lieder«: 305 Mitwirkende auf der Bühne und „fast so etwas wie Endzeitstimmung“… (Foto: Matthias Creutziger)

Die letzten Monate haben wir, das Publikum, viele verschiedene Angebote bekommen. Daniel Hope, der Musikdirektor der Frauenkirche, musiziert im Fernsehen. Die Philharmonie verteilte jüngst eine CD über die Tageszeitungen. Die Elbland-Philharmonie bietet musikalische Weinproben im Internet an. Wie versucht die Staatskapelle, die ja – nicht zu vergessen – zuallererst ein Opernorchester ist, ihr Publikum zu erreichen?

Wir hatten ab Dezember 2020 eigentlich einen dichten Plan: Nach dem Adventskonzert war mit ARTE/mdr die Aufzeichnung des 5. Symphoniekonzertes unter der Leitung unseres Chefdirigenten Christian Thielemann geplant, welches wir im Saal der Semperoper aufnehmen wollten, dann zum Jahreswechsel das traditionelle Silvesterkonzert mit dem ZDF. Es ist sehr traurig, dass diese beiden Fernsehproduktionen kurzfristig abgesagt werden mussten. Auch eine Fortsetzung der erfolgreichen Konzertreihe in den Staatlichen Kunstsammlungen vom Frühjahr hatten wir mit ZDF und ARTE angedacht, weitere zehn Folgen sollten in der zweiten Februarhälfte aufgenommen werden. Auch diese kamen leider nicht zustande. Von außen wirkt das eventuell etwas passiv, aber wir haben uns nicht zurückgelehnt. Das ist das Frustrierende. Glücklicherweise konnten wir in der vergangenen Woche unser Gedenkkonzert als Rundfunkübertragung halten, mit DLF Kultur als Partner, das war eine berührende Sendung. Unter der Leitung von Daniele Gatti und mit dem Solisten Frank Peter Zimmermann werden wir das 7. und mit Daniel Harding das 9. Symphoniekonzert ebenfalls als Rundfunkübertragung mit unserem Partner MDR Kultur für unser Publikum möglich machen.

Die Bemühungen um eine Normalität im Orchesterleben ist ja eine Gratwanderung. Wir alle wünschen uns wieder ein lebhaftes Konzertleben. Aber kann die Sicherheit der Orchestermusiker und des Publikums überhaupt auf absehbare Zeit garantiert werden? Wie sieht Ihre Strategie für den Wiedereintritt in die Kultur-Atmosphäre aus?

Es wird eine neue Normalität geben. Wir können nicht den Schalter umlegen und dann gleich wieder in voller Besetzung mit 1200 Gästen in der Semperoper spielen. Wir müssen uns da herantasten. Die Planung ist derzeit, ab Anfang April 2021 in den Modus mit 330 Personen im Haus zurückzukehren und bis zur Sommerpause die Konzerte und die Corona-Fassungen von Opern anzubieten. Wenn ich jetzt höre, dass Politiker über eine Öffnung erst nach Ostern nachdenken, könnte das bedeuten, dass wir wieder alles anpassen müssen. Ein neuer Bühnenplan muss her, wir müssen wissen, sollen die Musiker 1,20m, 1,50m oder 1,80m Abstand halten? Das hat natürlich Auswirkungen auf die Besetzungsgröße. »Schwanensee« kann man so nicht spielen. Und »Capriccio« funktioniert wahrscheinlich nur konzertant, also mit dem Orchester auf der Bühne, das ist einfach eine Platzfrage.

Die Semperoper musste den Opernchor und das Ballett in den letzten Monaten mehrfach komplett in Quarantäne schicken. Auch andere Dresdner Chöre und Orchester müssen ständig mit COVID19-Positiv-Fällen im Ensemble umgehen. Gab es auch in der Staatskapelle Mitglieder, die an COVID19 erkrankten?

Wir mussten glücklicherweise keine Termine oder Konzerte aufgrund von positiven Corona-Fällen in der Staatskapelle absagen, wie das zum Beispiel beim Staatsopernchor und beim Ballett der Semperoper der Fall war.

Können Sie bitte einmal beschreiben, wie das Orchestermanagement momentan die Probenorte und Probenzeiten des Orchesters organisiert?

Nicht anders als in der üblichen Art und Weise bei der langfristigen Planung. Es gibt Planungsrunden mit dem Intendanten und allen künstlerischen Direktoren, bei denen Termine und Zeiten disponiert und auch zwischen den künstlerischen Ensembles verhandelt werden müssen. Das ist an der Semperoper eigentlich ein gutes Geben und Nehmen. Die Währung in so einem Haus ist ja die Bühnenzeit. Bei der kurzfristigen Planung der letzten Monate ist es letztendlich nicht anders. Da kommen weitere Fragen hinzu wie: Wie viel Bühnenzeit bekommen wir? Wie viele Arbeitsstunden fallen für das technische Personal an? Wieviel Zeit braucht man für den Luftaustausch im Saal? Wann kann man das Konzertzimmer aufbauen? Diese Disposition ist ständiger Neuplanung unterworfen.  

Wellber, Theiler, Thielemann Seite an Seite auf einer Spielzeitpressekonferenz. Momentan laufen die argumentativen Fronten quer durch die Oper (Foto: M. Creutziger)

Christian Thielemann beklagte sich öffentlich, dass sein Orchester nicht in der Semperoper spielen dürfe; ein Orchestervorstand spricht von „Kulturverhinderung“. Der Intendant antwortete, das käme einer Beleidigung gleich, er habe Proben abgesagt, da er „für Leib und Leben“ seiner Mitarbeiter verantwortlich sei… Wo stehen Sie als Orchesterdirektor in dieser aufgeheizten Diskussion?

Wie ich bereits wiederholt klargestellt habe: Es gibt immer einen Weg zwischen zwei Polen. Ich versuche da, mit britischem Geschick zu agieren. Wir wollen doch weiterkommen, unsere Projekte realisieren und für unser Publikum sichtbar bleiben. Ich frage also nicht, wie stehst du dazu, sondern: was bringt es der Kapelle? Die Rolle des Orchesterdirektors kann dabei ruhig eine Rolle sein, die im Stillen funktioniert. Das ist jedenfalls meine Art.

Wie schätzen Sie die Zusammenarbeit mit Herrn Theiler in puncto Raumplanung und Probenmanagement momentan ein? Wie stimmen Sie sich im Alltag ab? Haben die Musikerinnen und Musiker ein generelles „Recht auf Arbeit“?

Wenn ich Herrn Theiler diese Frage stellen würde, würde er sagen: natürlich! Er kann doch kein Interesse daran haben, der Kapelle zu schaden. Das ist die Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit. In Einzelfragen mögen wir da nicht ganz übereinanderliegen, aber bisher haben wir meist einen Konsens gefunden.

Ganz konkret: wie verhalte ich mich denn als Orchestermusiker am besten, wenn ich weiß, dass der Pultnachbar die Pandemie nicht ernstnimmt und sich im Alltag generell nicht an Hygienevorschriften hält? Wie sind da Ihre Erfahrungen aus den letzten Monaten und Ihre konkreten Empfehlungen als Orchesterdirektor?

Sicherheitsbelehrungen und Unterweisungen gehören mittlerweile schon zum gewohnten Alltag. Messproben auf der Bühne haben im November gezeigt, dass die Abstände zwischen den Musikern ausreichend sind, damit sich während einer Probe oder Aufführung keiner ansteckt. Wichtig ist mir, dass sich die Musiker untereinander mit Respekt begegnen, es ernst nehmen und achten, wenn jemand vielleicht vorsichtiger ist als man selbst. Und dass dabei die Hygiene- und Sicherheitsregeln der Semperoper strikt eingehalten werden, ist selbstverständlich.

„Kann man überhaupt Planungssicherheit haben momentan?“

Die Osterfestspiele Salzburg 2021 sollen stattfinden. Nun aber ist eine neue Virusmutante im Anmarsch, kontrolliert Deutschland die Grenzen zu Österreich, sagt das Gewandhaus sein Mahler-Festival ab, ist vor Mitte April eigentlich überhaupt keine Lockerung mehr absehbar. Wie sieht in so einer Situation Ihre Planung für dieses Event aus?

Wir planen die Osterfestspiele wie in jedem Jahr – jetzt vielleicht mit noch etwas mehr Vorfreude und Hoffnung. Natürlich mussten wir die inhaltliche Ausrichtung anpassen: »Heldenleben«, Mahler 7 und »Turandot«, da war uns bald klar, dass sich Nikolaus Bachler und Christian Thielemann hier Alternativen überlegen müssen. Relativ schnell hat Christian Thielemann die »Eroica« mit Grieg angeboten, ein schönes Programm! Statt der h-Moll-Messe kommt jetzt das Mozart-Requiem. Und es ist ein Arienabend mit Anna Netrebko geplant, denn natürlich möchte das Publikum sie unbedingt hören und erleben! So war alles relativ schnell umgeplant. Die Staatskapelle wird in der Woche vorher anreisen, dann in Salzburg proben. Die Politik sagt nun, „um Ostern herum“ solle wieder aufgemacht werden. Aber was bedeutet das? Kann man überhaupt Planungssicherheit momentan haben?

Osterfestspiele Salzburg: Ein Bild aus früheren Tagen (Foto: M.M.)

Ich stelle mir das unglaublich schwierig vor, allein die Hotels und Restaurants so plötzlich hochzufahren, von der Anreise der Gäste aus aller Welt ganz zu schweigen. Haben Sie denn einen Plan C, um die Osterfestspiele nicht wieder komplett absagen zu müssen?

Da spekuliere ich noch nicht. Man muss mit Volldampf eine Planung durchziehen; und wenn man damit komplett ausgebremst wird, muss man wieder etwas in petto haben.

Ich hoffe, Sie verstehen die Frage nicht als ketzerisch, aber: Wenn die Semperoper als Ort für Proben, Einspielungen und kleinere Konzertexperimente nicht zur Verfügung steht, wäre es für Sie denkbar, an anderen Orten als Klangkörper hörbar zu werden? Beispielsweise im Kulturpalast? Oder auf Jan Voglers „Dreamstage“ online?

Das ist auf jeden Fall wichtig und keine ketzerische Frage. Wir sind in der Semperoper zuhause, aber sehr gern im Kulturpalast oder in der Frauenkirche zu Gast und werden dort auch willkommen geheißen. Beim Thema Online- und Streaming-Kanäle sind wir mit vielen Partnern im Gespräch. Denn das ist doch die Zukunft; nicht nur, aber auch! Natürlich werden Livekonzerte immer etwas ganz Besonderes bleiben.

Haben Sie sich schon einmal diesen restaurierten Löwensaal angeschaut?

Das habe ich leider noch nicht geschafft, steht noch auf meiner Agenda.

Ja, was nehmen Sie persönlich und auch in Ihrer Rolle als Orchesterdirektor aus dieser Krise in die Zukunft mit? Wird sich das künstlerische Leben der Staatskapelle verändern?

Die Abonnements, die Formate, die Saisons, das bleibt uns erhalten. Das Tourneegeschäft wird zukünftig für alle Orchester ein Thema sein. Aber meine Erwartung ist, dass die Kapelle – und das ist auch die internationale Resonanz – als Gastorchester weiterhin überaus gefragt sein wird. Möglicherweise müssen wir zusätzlich zu unserem Konzertleben eine zweite, eine Digitalwelt aufbauen. Aber auch wenn man im Online-Streaming ein Feedback des Publikums bekommen kann, ist „live“-Publikum mit richtigem Beifall einfach etwas anderes.

Am Allerwichtigsten finde ich: wir haben wieder gelernt zu schätzen, was wir haben. In dem Moment, wo ich im Konzert sitze, spüre ich, was das für eine Kraft hat. Diese Selbstverständlichkeit ist uns abhandengekommen, und das ist auch gut so. Wir werden alle ganz anders Musik spielen und hören, wenn die Krise vorbei ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

20.02.2021Interviews