Ein Traum

Rezensionen

Ein Traum

Fotos (2): Matthias Creutziger

Die Sächsische Staatskapelle hat eine neue Bratschistin. Das wäre beinahe nicht aufgefallen, wenn sich die junge Frau im jüngsten Sinfoniekonzert nicht als so vorlaut erwiesen hätte. Vom letzten Pult aus ergriff sie mitten in der Musik erst das Wort, ließ sich auch von einem zischenden Lars Zobel an der Posaune nicht einschüchtern, und dann sogar den Taktstock des Gastdirigenten Vladimir Jurowski.

Den himmelte sie zwar ehrfurchtsvoll als „Fürsten“ an, legte ihm gar ihr Instrument samt Bogen zu Füßen, doch den Konzertabend hatte sie da schon längst in ihre Hände genommen. In ihre Stimme gelegt. Und dennoch den Damen und Herren der Staatskapelle genügend Raum zur prachtvollen Entfaltung gelassen. Denn die Bühnenmusik »Ein Sommernachtstraum« von Felix Mendelssohn Bartholdy hält einiges an Raffinessen parat, um flirrenden Streicherapparat, feinst schnitzendes Holzensemble, schmetterndes Blech und wirbelndes Trommeln mächtig zu fordern. Da gerät der herausfordernde Anspruch an Chor und Gesangssolisten beinahe in den Hintergrund.

Drum holen wir die zum Ausgleich nach vorn: Tuuli Takala, Sopran, und die kurzfristig für die leider erkrankte Christina Bock (gute Besserung!) eingesprungene Mezzosopranistin Stepanka Pucalkova erfüllten ihre Aufgaben so gut, klar und brillant, dass es eine einzig Freude war – und ein Kummer, dass ihre Parts so kurz geraten sind. Dasselbe ließe sich von den Chorpartien sagen, die von den Damen des Dresdner Kammerchores (Einstudierung Michael Käppler) vorzüglich ausgeführt worden sind.

Doch dann war da eben noch diese neue Bratschistin. Sie spielte sich auf, als hätte William Shakespeare persönlich sie auf die Bühne gesetzt, macht sich Gedanken um dessen Handwerkerschaft, die Götterwelt und den musikalischen Fluss dieser Geschichten. Wandelbar in Gestik und Sprache, sprang sie mal als Puck und Oberon, mal als Titania und dann als lispelnde Thisbe und todesmutiger Pyramus über die Bühne, auf die sie auch Mond und Esel, ja sogar einen waschechten Löwen aus dem Geigenkasten gezaubert hat.

Na gut, von jeder neuen Bratschistin hätte man sich das nicht gefallen lassen wollen. Aber wenn Isabel Karajan den Bogen übernimmt und ihn gern auch mal ganz bewusst überspannt, dann überspannt sie ihn nur so weit, wie es Musik und Handlung dienlich ist. Dennoch hat sie – freilich im sichtbaren Einverständnis mit dem äußerst umsichtig agierenden Dirigenten – längst die Regie dieses Konzerts übernommen. Obwohl die szenische Einrichtung des »Sommernachtstraums« in den bewährten Händen ihres bestens erprobten Bühnenpartners Klaus Ortners lag. Der versicherte sich des Lichtdesigns von Sandro G. Frei, der eben nicht nur Frau Karajan, sondern auch die „verschlafenen“ Orchestermusiker gut ausleuchten ließ.

Ein derart freier Umgang mit musikalischen Vorlagen ist selten, zumal hier auch noch Mahlersche Totenthemen mit anklingen durften und die überzeugend bratschende Aktrice unaufdringlich Beispiele ihrer Gesangskunst beisteuern durfte. Alles in allem hat dieser Konzertabend nur die Vorfreude auf die 10. Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch bestärkt, die vom 20. bis zum 23. Juni stattfinden werden und ein Wiedersehen mit Isabel Karajan in Sergej Prokofjews »Peter und der Wolf« versprechen.

Im Sinfoniekonzert der Staatskapelle war sie bereits vor der Pause als Sprecherin in der Sinfonia N. 8 für großes Orchester von Hans Werner Henze präsent. Eine gelungene Hinführung zu Mendelssohn, zu jedem der sinfonischen Sätze wie präludierend von der linken Bühnenloge aus präsentiert. Was die Kapelle in diesem um 1992 entstandenen Werk an spezifischer Klangschönheit und Prägnanz aufzubieten wusste, war schlicht und einfach großartig, bestens koordiniert von Wladimir Jurowski.

Nach so viel Shakespeare und Sommernacht kann letztlich nur konstatiert werden, der Sommer kann kommen!

Vorher sollte aber, wer beim Donnerstagskonzert nicht mit dabeigewesen sein konnte, umbedingt auf dessen Wiederholung am heutigen Freitag (19 Uhr) sowie am morgigen Samstag (11 Uhr) hingewiesen werden. Denn dieses »Sommermärchen« war beileibe kein Traum.

10.05.2019Rezensionen