Ein Europäer aus Polen

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Ein Europäer aus Polen

Krzysztof Penderecki, 1996 (Foto: Klaus Morgenstern, Quelle: Deutsche Fotothek)

Unmittelbar nach unserer letzten Begegnung im Mai 2018 musste ich zu einem Begräbnis aufbrechen, zu einem Abschied für immer. Dass die freundliche Verabschiedung vom Komponisten Krzysztof Penderecki nun auch einen Abschied für immer darstellt, hätte damals niemand geahnt. Da stand sein 85. Geburtstag noch bevor, zu dem ihm seine Ehefrau Elżbieta Penderecka ein achttägiges Festival ausrichtete.

Dort trafen noch einmal wichtige Weggefährten des 1933 im Süden von Polen geborenen Komponisten aufeinander. Neben der engen und langjährigen Künstlerfreundschaft mit Anne-Sophie Mutter, die zahlreiche Kompositionen Pendereckis aufgeführt hat und der mehrere seiner Werke ausdrücklich gewidmet sind, war auch der Dirigent Marek Janowski in Warschau zugegen. Der Chefdirigent der Dresdner Philharmonie zeigt sich nun von der Todesnachricht erschüttert: „Krzysztof Penderecki kannte ich persönlich seit Ende der 1960er Jahre. Zweifellos hat er den Kompositionsstil einer ganzen Ära der zeitgenössischen Musik mitgeprägt. Und er ist einer der wenigen Komponisten der vergangenen Jahrzehnte, dessen Werke einem großen Publikum bekannt und vertraut sind. Sein Tod macht mich sehr betroffen.“

Foto: Klaus Morgenstern (Deutsche Fotothek, Datensatz 71216589)

Penderecki hat sich vom Avantgardisten zum Traditionalisten der Moderne entwickelt und in reichlich sieben Schaffensjahrzehnten – mit sechs Jahren begann er zu komponieren – ein so umfangreiches wie vielseitiges Werk geschaffen. Instrumental- und Vokalmusik, Kammerstücke und Sinfonien sowie mehrere Opern hat er geschrieben. Nur eine davon, »Die Teufel von Loudon«, ist in Dresden aufgeführt worden.

Das Orchesterwerk allerdings wurde hier umfänglicher gepflegt, sei es am Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik, sei es durch die Klangkörper des Mitteldeutschen Rundfunks oder bei der Dresdner Philharmonie, die Penderecki mehrfach dirigiert hat und bei der er 2017/28 Composer in Residence gewesen ist. Damals erklang seine 6. Sinfonie namens »Chinesische Lieder« als Erstaufführung in Europa, ein gemeinsames Auftragswerk von Philharmonie und dem Uraufführungsorchester in Guangzhou. Bemerkenswert: Die 7. sowie die 8. Sinfonie gab es da schon längst, doch Penderecki meinte mit dem ihm eigenen Humor, wer sage denn, dass Sinfonien chronologisch herauskommen müssten?

Auch die vorsichtige Frage, ob er sich vor einer 9. Sinfonie scheue, schob er mit einem Lachen beiseite: „Ich habe acht Sinfonien geschrieben, jetzt beginne ich die Neunte. Und ich will auch nicht ausschließen, dass ich noch eine zehnte oder elfte schreibe. Aber so viele wie bei Haydn werden es dann sicher doch nicht.“

Wie weit er wohl mit der 9. Sinfonie gekommen sein mag? Im Moment weiß das wohl niemand außerhalb seines ureigenen Umfelds.

Die Tradition sei ihm ebenso wichtig wie die Fortsetzung der Tradition, sagte er mal. In Donaueschingen hatte er seine ersten internationale Erfolge. Die spätere Hinwendung (die für ihn kein Zurück war!) zur Tonalität wurde ihm von selbsternannten Hardlinern der Moderne verübelt. Dabei hat Krzysztof Penderecki selbst im Rock- und Jazzbereich für Aufsehen gesorgt, spiegelte sich eine humanistische Grundhaltung in seinem gesamten Œuvre. Wiederholt bezog er Position zu Übeltaten der Menschheit und komponierte mahnende Musikwerke zu Auschwitz, zu Hiroshima sowie zum 11. September 2001.

In seinem »Polnischen Requiem«, das nach rund 25 Schaffensjahren Satz für Satz gewachsen ist, bezieht er sich auf einzelne Persönlichkeiten und Geschehnisse seines Landes. Wie kaum ein anderer Komponist des 20. Jahrhunderts füllte er sowohl Konzertsäle als auch ganze Stadien und machte sich mit Filmmusiken für Produktionen von Martin Scorsese, David Lynch, Stanley Kubrick, Andrzej Wajda und anderen einem weltweiten Publikum bekannt.

Krzysztof Penderecki war stets ein Mann ohne Grenzen, sowohl biografisch als auch kompositorisch. Er wirkte an der Universität in Yale, war ein umtriebiger Reisender und hatte doch einen wunderbaren Ort der Ruhe – sein Arboretum mit weit über 1.700 unterschiedlichen Baumarten. „Ich sammle Bäume“, hat er immer wieder gesagt; aus aller Welt hat er sie zusammengetragen zu einer umfänglichen, immer weiter wachsenden Partitur ganz in der Nähe des 2013 eröffneten Krzysztof Penderecki European Centre for Music im südpolnischen Lusławice. Diese – im heutigen Polen nicht unbedingt selbstverständlichen – Gedanken an ein gemeinsames Europa waren Krzysztof Penderecki zeitlebens sehr wichtig.

Am 29. März ist dieser große Europäer im Alter von 86 Jahren in Kraków verstorben.

(Titelfoto: Frank Höhler, „Krzysztof Penderecki 1994“, Deutsche Fotothek)

29.03.2020Interviews