
Selten begrüßt einen der Gefreite freundlich lächelnd am Schlagbaum mit den Worten: “Gehören Sie zur Band?“ Aber auch mir, dem gewöhnlichen Konzertbesucher, weist der Uniformierte heiter einen Parkplatz links auf der Rampe an. Mit einem Seitenblick auf den Libeskind-Keil geht’s vorbei an einem Panzer, auf dem in Neonbuchstaben WUNDERWAFFE blinkt und der die aktuelle Sonderschau des Militärhistorischen Museum ziemlich brachial bewirbt. Die musikalische Wunderwaffe des Abends ist der israelische Dirigent Omer Meir Wellber — frisch bestallter Musikdirektor der Oper in Hamburg. Aus der Hansestadt hat er sich vier seiner Staatsmusiker mitgebracht. Gemeinsam firmiert man als Blaues Ensemble – die Alster schippert im Namen.
Erstmal begrüßt uns jedoch der Hausherr Oberst Dr. Dr. Rudolf J. Schlaffer mit schwarzer Fliege und ordenbehängter, bundeswehrgrauer Galauniform. Ein Fan von Wellber auf dem Akkordeon, und auch auf dem Klavier, schiebt er schnell noch nach. Denn der Flügel steht deutlich sichtbar auf der Bühne. Das Akkordeon ist wohl noch auf der Reeperbahn. Für das Programm hätte es auch kaum getaugt: Kammermusik von Haydn, Schnittkes Klavierquintett und Ligetis legendärer »Poème Symphonique« für 100 Metronome. Wie der Libeskind-Keil das historische Arsenal-Gebäude zerschneidet, so zerstückelt Wellber auch die heiligen Werkzusammenhänge und wechselt nahezu satzweise zwischen den Komponisten. Libeskind dachte sich den Keil als gebaute Metapher für den Luftkrieg. Bei Wellber sind diese Nahtstellen zwischen Klassik und Moderne clever ausgetüftelte Übergänge. Und so erklingt eine fast durchkomponierte Form reizvoller Kontraste. Seit wann (und vor allem warum) stehen Haydn und Schnittke heutzutage so selten auf dem Programm?
Man konnte im Publikum also vielfach über den Sinn und Unsinn musikalischer Gewohnheiten nachdenken. Aber trotzt seiner zersplitternden Dramaturgie, der revolutionären Geste und einer Extraportion musikalischen Charmes blieb der Abend eher ein Versprechen, mehr eine Ouvertüre für den anschließenden Empfang mit “Kaltgetränk” auf Einladung der Armee. Musikalisch enttäuschend, eher Hausmusik als Konzert. Also lasse ich die vielen blinkenden Absatzschuhe im Foyer hinter mir – seit wann sind eigentlich Palettenpumps für erwachsene Prinzessinnen modern – laufe an ausgedientem Kriegsgerät vorbei in den Juniabend. Noch ist der Luftkrieg nicht hier.










