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Mehr als »Freischütz« und Wolfsschlucht

Gleich mehrere Gedenktage verbinden sich 2026 mit dem Komponisten Carl Maria von Weber (1786-1826).

Carl Maria von Weber hat nochmal Glück gehabt. Ganz so populär wie der dreißig Jahre vor ihm geborene Wolfgang Amadeus Mozart ist er nicht gewesen – und bis heute nicht geworden. Sonst hätten sich findige ARD-Verwurster womöglich auch an seiner Biografie vergriffen und ihn zum Deppen abgestempelt, wie sie es jüngst mit dem Salzburger Meister (»Mozart/Mozart«, Regie Clara Zoë My-Linh von Arnim) verbrochen haben. Eine telegene Schande, vom deutschen Feuilleton bissig kommentiert: „Die meistgehasste Serie des Jahres“ (Der Spiegel), „Mobbing von Hochkultur“ (F.A.Z.), „Ein Mozart zum Fremdschämen“ (Die Welt), „Die schlechteste Serie der Welt“ (Süddeutsche Zeitung). Zu den Produktionskosten dieser von einem Kritiker als „Hirnverrottung“ bezeichneten Gebührenverschwendung übt sich die ARD in beschämtem Schweigen. Als billig dürfte das sechsteilige Machwerk nur hinsichtlich seiner prollig bildungsfremden Herangehensweise bezeichnet werden.

[AI] Carl Maria von Weber | generiert mit DALL-E von Martin Morgenstern (Eingabe KI: Carl Maria von Weber in the style of Christian Bernhard Morgenstern)

Carl Maria von Weber also hat nochmal Glück gehabt – wohl, weil man ihn in den Büroetagen der Programmmacher nicht kennt. Er kommt im deutschen Fernsehen kaum vor und wird 2026 medial auch nur mild gefeiert. Anlass für lautere Lobhudeleien gäbe es genug: Sein Geburtstag jährt sich zum 240. Mal, sein Todestag liegt 200 Jahre zurück, kurz vor seinem der Tuberkulose geschuldeten Ableben kam es noch zur Uraufführung der Oper »Oberon«. Die Musikwelt wird den am 18. November 1786 in Eutin geborenen Musiker, der am 5. Juni 1826 in London verstarb, indes anständig würdigen. Ohne Proll, biografische Verfälschung und musikalische Klitterei.

Für Dresden gilt Carl Maria von Weber als „einer der wichtigsten Komponisten überhaupt“, davon ist die Sängerin, Autorin und Musikwissenschaftlerin Romy Donath überzeugt. „Er hat eine sehr große Rolle in der Musikgeschichte gespielt und von Dresden aus neue Entwicklungen angestoßen, die bis in die heutige Zeit fortwirken, also einen neuen Stil mit neuen instrumentalen Elementen. Aber auch das Thema Leitmotivik ist durch ihn wichtig geworden, das Dunkle zieht ein in die Musik, wie ja vor allem in seiner ersten großen Romantischen Oper sehr deutlich wird.“

Dresden sollte sich dieses Vermächtnisses bewusst werden; schließlich hat Weber hier eine neue Sitzordnung für das Orchester bewirkt, hat den Opernchor und das Ballett gegründet – viele Entwicklungen, die immer noch nachwirken und Dresden wieder zu jenem Opernstandort gemacht haben, der er bis heute ist.

Romy Donath leitet das Carl-Maria-von-Weber-Museum in Dresden Hosterwitz sowie das Museum der Dresdner Romantik im Kügelgen-Haus auf der Neustädter Hauptstraße. Sie weiß, wovon sie spricht, insbesondere im Hinblick auf den »Freischütz«, den sie als Schlüsseloper versteht – und eben als erste deutsche große Romantische Oper, die lange Zeit als Nationaloper gefeiert wurde. „Nach Weber kommt ja eine völlig neue Entwicklung in der Musikgeschichte. Wir haben dann Richard Wagner, der auf ihn aufbaut und ihn bereits als Kind kannte.“

Im 200. Todesjahr des Komponisten wird der »Freischütz« natürlich an vielen deutschen und internationalen Bühnen zu erleben sein – allerdings nicht an der Semperoper in Dresden. Dabei hat das Werk in der Musikgeschichte der Stadt eine große Rolle gespielt. »Der Freischütz« stelle in gewisser Weise einen Mythos für Dresden dar, so Donath, denn dies war die letzte Oper, die in Dresden gespielt wurde, bevor die Semperoper am 13. Februar 1945 zerstört wurde, und mit dem »Freischütz« ist die Semperoper genau vierzig Jahre danach wieder eingeweiht worden. Eine Oper, die in Dresden komponiert wurde und wohl auch von der Natur und der Umgebung beeinflusst wurde.

„Man geht davon aus, dass die Wolfsschlucht-Szene, diese Schlüsselszene in der Oper, durch die Natur in der Sächsischen Schweiz oder den Keppgrund inspiriert worden ist“, erläutert die Sängerin und verweist auf Webers 1817 angetretene Tätigkeit als Hofkapellmeister in Dresden. Dieses Amt hatte er bis zu seinem frühen Tuberkulose-Tod 1826 in London inne. Dort leitete er wenige Tage zuvor die Uraufführung seines »Oberon«.

Wiewohl Carl Maria von Weber zehn Opern geschrieben hat, kennt man heute fast nur den »Freischütz« und »Oberon«, allenfalls noch die »Euryanthe«. Letztere hält Romy Donath „musikgeschichtlich gesehen für noch bedeutender, weil es die erste durchkomponierte Oper ist.“ Weber sei nach wie vor ein Komponist, den man noch entdecken könne. Seinen großen Reichtum an volksliedhafter Melodik, die düsteren, geheimnisvollen Themen, vor allem natürlich existenzielle Fragen wie Liebe und Tod in seinem Opernschaffen und darüber hinaus die instrumentale Musik: „Beispielsweise die tollen Klavierkonzerte, denn Weber wollte ja eigentlich Pianist werden, war ein großer Virtuose auf dem Klavier. All diese Werke werden jetzt langsam wiederentdeckt und auch auf dem Hammerflügel eingespielt, da kann man wirklich Weber nochmal in einer völlig neuen Art und Weise erleben.“

Carl Maria von Weber war somit weit mehr als Hofkapellmeister und Opernkomponist, hat großartige Klavier- und Klarinettenkonzerte geschrieben, ein fantastisches Fagottkonzert, zudem Bühnenmusiken, Lieder sowie auch geistliche Musik – ein großes Schaffenspensum in einem allzu kurzen Leben.

An den Landesbühnen Sachsen ist Webers »Freischütz« bekanntlich unverzichtbar, bleibt ein nahezu ewiger Publikumsrenner für die Felsenbühne Rathen. Unlängst kam im Stammhaus Radebeul auch der Versuch einer Wiederentdeckung der selten gespielten »Silvana« hinzu. Die Sächsische Staatskapelle hat immerhin die »Freischütz«-Ouvertüre für ein Sonderkonzert im Plan. Und Dresdens Musikhochschule, die so stolz Webers Namen trägt, zum 200. Todestag gar vielfältige Konzerte plant, hat den Internationalen Carl-Maria-von-Weber-Klavierwettbewerb nach nur drei (übrigens äußerst erfolgreichen!) Jahrgängen wieder abgeschafft. Wer Weber im Weber-Jahr erleben will, sollte also auch die Spielpläne auswärtiger Opern- und Konzerthäuser studieren. Allein der »Freischütz« wird von Hamburg bis München gegeben, unter anderem in Cottbus und Meiningen; die Staatsoper Berlin zeigt einen »Freischütz für Kinder« und in Sondershausen wagt man sich sogar an »Abu Hassan« als Familienoper. Mitte Januar soll das Programm sämtlicher Dresdner Vorhaben präsentiert werden, Ausstellungen etwa wie »Weber und die deutsche Oper« an der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek sowie eine romantische Spurensuche zu Weber und E.T.A. Hoffmann im Dresdner Kügelgenhaus gehören mit dazu.

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