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»Tabu Wagner?«

Tom Adler, Kurator Richard-Wagner-Stätten Graupa (Foto: Marko Förster)

In einer Sonderausstellung beleuchten die Richard-Wagner-Stätten Graupa »Jüdische Perspektiven« in Leben und Werk ihres Namensgebers

Wagner verbindet, Wagner spaltet. Das war zu seinen Lebzeiten so und ist heute kaum anders. Er verbindet die Wagnerianer überall in der Welt der Musik und er spaltet – alle anderen?

Rein musikalisch betrachtet gibt es ein immens großes Publikum, das insbesondere die Opern des Dichter-Komponisten regelrecht vergöttert, bei anderen wirkt die Musik polarisierend. Zu gewaltig, zu pompös,  manchen auch einfach zu lang und zu laut. Viel zu bombastisch! Und dann noch diese Texte, mintunter die reinste Worthuberei! Ja, Wagners Schaffen kann ebenso spalten, wie es zu binden vermag.

Heftig umstritten war und ist aber auch die Person Richard Wagner, bis heute. Zurückzuführen auf seine Prunk- und Verschwendungssucht, oft beglichen mit geliehenem Geld, das nie zurückgezahlt wurde, sowie auf seinen Umgang mit Frauen. Man denke nur an Mathilde Wesendonck, die der verheiratete Wagner ausgerechnet einem seiner finanzkräftigsten Gönner ausspannen wollte. Man denke ferner an die gebeutelte Minna, die er von der Magdeburger Bühne weg geheiratet hat und später häufig betrog, bis sie an gebrochenem Herzen verstarb.

Vor allem aber zog und zieht Richard Wagner berechtigterweise herbe Kritik wegen seiner antisemitischen Äußerungen auf sich. Dabei ist die Quelle für seinen Groll gegen die Juden noch immer nicht gänzlich ergründet worden. Waren es möglicherweise Zweifel an der eigenen Herkunft? Damit stünde er historisch nicht als Einzelfall da. All solche Fragen sind nun aber Grund mehr als genug, diesem Sachverhalt zum sächsischen Themenjahr der Jüdischen Kultur unter der Überschrift »Tacheles« auf den Grund gehen zu wollen. Die Richard-Wagner-Stätten Graupa haben sich eine Ausstellung ins Haus geholt, die unter anderem der Frage nachgeht, ob Richard Wagner aufgrund seiner Äußerungen für Jüdinnen und Juden tabu ist und dies auch bleiben soll?

Foto: Marko Förster

Hier gibt es weder ein klares Ja noch ein eindeutiges Nein, selbst in Israel nicht. Denn dort erklingt weder der opulente »Ring des Nibelungen« noch Wagners Frühwerk »Rienzi«, verboten ist seine Musik aber auch da nicht. Mit dem Erfolg des 1842 in Dresden uraufgeführten »Rienzi« lassen sich allerdings sowohl der Aufstieg des Komponisten als auch dessen Groll erklären, sein »paradoxes Verhältnis zum Judentum«, wie Graupas Schirmherr Christian Thielemann es nennt. Die Richard-Wagner-Stätten untersuchen in ihrer 30. Sonderausstellung dieses »Tabu Wagner?«. Kurator Tom Adler erkärt deren Hintergrund:

»Ich war im November 2023 das erste Mal in Luzern im Richard-Wagner-Museum, da haben wir uns über verschiedene Ausstellungsthemen unterhalten. Ich hatte schon länger im Hinblick auf das Themenjahr Tacheles in Sachsen eine Ausstellung zu jüdischer Wagner-Rezeption ins Auge gefasst, Franziska Gollusser, die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Hauses in Luzern, hat etwas Ähnliches im Sinn gehabt, und dann haben wir gesagt, warum machen wir das nicht einfach zusammen?«

Eine Zusammenarbeit mit durchschlagendem Erfolg. Die Ausstellung in Luzern ist jüngst um ein Jahr verlängert worden. Parallel dazu fragt »Tabu Wagner?« nun auch in Graupa nach den jüdischen Perspektiven in Leben und Werk des Dichter-Komponisten. Ausgangspunkt ist dessen fatale Schrift »Das Judenthum in der Musik«. Zuvor hat Richard Wagner mit der Ernennung zum Dresdner Hofkapellmeister einen gewaltigen Karriereschub bekommen, was wiederum durch den Erfolg seiner Oper »Rienzi« möglich geworden war. Später wurde dies übrigens die Lieblingsoper von Adolf Hitler.

Die Oper »Rienzi«, so erläutert es Tom Adler in Graupe, sei Wagners »großem Vorbild Giacomo Meyerbeer nachempfunden, und Meyerbeer war auch derjenige, der die Oper hierhin empfohlen hat. Also diesen großen Erfolg, eine der begehrtesten Kapellmeisterstellen Europas, hatte Wagner einwandfrei Meyerbeer zu verdanken, der ihn auch in seiner Pariser Notzeit unterstützt hat, auch persönlich.«

Wagners Aufschwung in Dresden folgte ein fataler Absturz. Denn aufgrund seiner revolutionären Umtriebe 1848/49 musste er Hals über Kopf in die Schweiz fliehen, wo er bald darauf vor dem Nichts stand. Wagner habe an diesem Tiefpunkt die erste Fassung von »Das Judenthum in der Musik« geschrieben und sei damit sicherlich auf einen »bewährten klischeehaft stereotypvollen Zug der damaligen Zeit aufgesprungen, nämlich für alles den Juden die Schuld zu geben«, so der Kurator. »Er bezichtigte sie, nicht fähig zu sein, originäre Kunst zu schaffen, er versucht das auch rhetorisch so einzubetten, dass es alles sehr schlüssig ist.«

Tom Adler und seine Schweizer Kollegin Franziska Gollusser vom Wagner-Museum Luzern haben in der gemeinam konzipierten Doppelausstellung allerdings auch auf Wagners Widersprüchlichkeit hingewiesen, denn Mendelssohns »Paulus«-Oratorium habe er ebenso geliebt wie Meyerbeers Oper »Der Prophet«. Nach Wagners Tod und der Übernahme der Bayreuther Festspiele durch seine Frau Cosima verhärteten sich antisemitische Haltungen. Der kundige Wagner-Experte Tom Adler erklärt dies so: »Ab diesem Zeitpunkt schält sich heraus, dass die Bayreuther Festspiele, die in ihrer ersten Auflage 1876 noch zur Hälfte von jüdischen Künstlern gestemmt wurden, zunehmend judenfrei sein sollten. Es ist in diese Festspielidee eine stark antisemitische Komponente eingeflochten, die durch Nachfahren und angeheiratete Schwiegersöhne intensiviert wurde und dazu geführt hat, dass das Dritte Reich, so hat es Thomas Mann formuliert, Hitlers Hoftheater werden konnte.«

Große Porträttafeln konfrontieren das Publikum auf Augenhöhe mit Richard Wagners sowie mit heutigen Zeitgenossen, um ein differenziertes Bild dieser Thematik zu erhalten. Insbesondere das in Israel heute noch geltende Quasi-Tabu von Wagners Musik ist ein wichtiger Punkt dieser Sonderschau. Selbst ein Theodor Herzl findet sich in dieser Ausstellung, der ja mit seiner Broschüre »Der Judenstaat«die Grundlagen für diesen Staat gelegt hat. Der zweite Zionistenkongress sei tatsächlich mit Wagners »Tannhäuser«-Ouvertüre eröffnet worden. In Israel wurde Wagner bis zum November 1938 gespielt. Seit der sogenannten Reichspogromnacht vom 9. November wurde davon abgesehen. Es sei nicht verboten, aber unerwünscht, diese Musik dort zu spielen, berichtet Kurator Tom Adler.

Die Ausstellung »Tabu Wagner?« zieht sich durch das gesamte Jagdschloss von Graupa. Neben den Schautafeln sollen Autografen sowie Tondokumente zu einem sachlichen Dialog mit dem Thema Wagner anregen. Dabei wird sicherlich auch der sehr informative und rund 110 Seiten starke Katalog helfen, in dem es um jüdische Perspektiven zu Wagner gestern und heute geht. Die Richard-Wagner-Stätten Graupa haben außerdem ein informatives Begleitprogramm erarbeitet, anlässlich der baldigen »Parsifal«-Premiere an der Semperoper auch mit einem Sonderöffnungstag am 21. März. 

Ausstellung »Tabu Wagner? Jüdische Perspektiven«

Sonderausstellung bis 17. Januar 2027
zum Themenjahr TACHELES,

Richard-Wagner-Stätten Graupa, Jagdschloss,
Tschaikowskiplatz 7, Pirna

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