Wenn Musik ruht

Kolumnen

Wenn Musik ruht

Bekanntlich sind ja selbst die Legendensammlungen der Bibel teuflisch verlogen: „Am siebten Tage sollst du ruhen.“ Wann aber hat es je einen geruhsamen Sonntag für die gemeinen Arbeitervölker gegeben? Mussten sie sich nicht immer schon abschuften, wenn es Prälaten, Priester und Bischöfe von ihnen verlangten? Deren Tempel gehören heute längst nicht mehr den himmlischen Heilsbringern, sondern kruden Konzernen, die ihre globalisierten Schäfchen gern mit mannigfaltigen Manna-Versprechen in die Warenhäuser hineinbeten wollen. Ob Weihwasser oder Wühltisch, die Leute greifen fanatisch hinein.

Zu dumm nur, dass die Woche bloß sieben Tage hat. Und ausgerechnet der siebente soll ein Ruhetag sein? Dass mag Adventisten und Katholen gefallen, kommerzgeilen Krämern allerdings nicht. Die plädieren in sprachlicher Reduktion auf 24/7 und fordern die totale Prostitution. Dass just im Märzen vor 1700 Jahren ein römischer Kaiser den Sonn- zum Feiertag erhob, ist Geschichte und interessiert heute nicht mehr.

In Dresden, wo religiöse Elastizität zugunsten von Machtstreben bekanntlich eine starke augusteische Tradition besitzt, wird bis heute um die (Ver-)Käuflichkeit der sogenannten Sonntagsruhe gestritten. Sie soll nun einmal mehr auf dem pandemischen Pest-Altar geopfert werden. Wobei es freilich nur um zwei Sonntage im Jahr geht. Denn die wirtschaftlich korrumpierte Weihnachtszeit ist ohnehin schon verraten und verkauft. Was mitunter noch immer als „Advent“ angehimmelt wird, ist längst dem schnöden Mammon geopfert worden. Einkaufssonntage im Dezember – mit dem Segen der Seligkeit. Die sollen nun just um Juni und Juli herum erweitert werden und am 16. Mai sowie am 22. August der Krämerei bessere Umsätze bescheren. Merkantile Begründung: Kaufkraft abschöpfen, um die in der Pandemie eingebrochenen Umsätze anzukurbeln und möglichst viel der zwischenzeitlich in den Lagern gehorteten Bestände zu verscherbeln. Heilige Einfalt!

Anstelle ehrlicher Worte muss die zusätzliche Ladenöffnung freilich musikalisch verbrämt werden, denn derartige Extra-Geschäfte benötigen einen amtlichen Grund: Belebung der Innenstadt! Dort wird die sommerliche Sonntagsruhe gestrichen, weil im Mai das Dixielandfestival sowie die Dresdner Musikfestspiele stattfinden sollen, also Publikum und vielleicht auch Tourismus erwartet werden. Und für den September ist das künstlerisch so wertvolle Stadtfest angesetzt. Deswegen dürfen auch nur die heiligen Hallen der Innenstadt dem Kaufrausch erliegen. Als würden Dixieland und Musikfestspiele nicht auch andere Teile von Dresden und darüber hinaus kunstvoll bereichern. Zu dumm nur, dass die Dixieland-Jubiläumsausgabe nun abermals gestrichen und um ein ganzes Jahr verschoben werden musste. Klingendes Dresden? – Perdu. Klingende Kassen? – Werden wir sehen. Bangen Auges schauen Musikliebhaber nun auch auf die Entscheidung des Cellisten-Intendanten Jan Vogler.

05.03.2021Kolumnen