Eine Sinfonie, die sich selbst begräbt

Rezensionen

Eine Sinfonie, die sich selbst begräbt

„Mahlers Sechste in der Frauenkirche?“ – „Neinneinnein, das geht doch nicht.“ – „Na vielleicht doch?“ So oder ähnlich könnte ein fiktiver Dialog von mir mit mir selbst vor dem Konzert am Dienstagabend bei den Musikfestspielen verlaufen sein. Und so oder ähnlich dürften sich auch immer wieder Musiker wie Zuhörer seit der Weihe der Frauenkirche im Oktober 2005 geäußert haben, spätestens nach dem 4. November, als vermutlich Fabio Luisi die Ohren nach der ersten Beethovenschen »Missa Solemnis« im Raum klingelten. Doch die kann man auch schlank und rank musizieren. Das geht mit dem Ungetüm der Sechsten von Gustav Mahler nunmal nicht.

Und so nahm man in Reihe 9 Platz, was dank ausgebauter Reihen beinahe mitten in den ersten Violinen ist, und sah den Altarraum regelrecht geschwemmt von nunmehr gut 100 Musikern der hehren Accademia Nazionale Di Santa Cecilia. Das ist so ziemlich das Allerbeste, was Italien (Rom ohnehin) an Orchesterkultur zu bieten hat, seit Jahren geleitet vom weltweit gefeierten Antonio Pappano, der mittlerweile mit seiner ebenso gefeierten Cheftätigkeit am Royal Opera House in London ein geteiltes Herz zwischen Insel und Stiefel besitzt. Das aber arbeitet mit vollem Einsatz für die Musik und auch der Restkörper des Dirigenten ist – das weiß man in Dresden auch durch seine im letzten Jahr gefeierte Rachmaninov-Zwei mit der Staatskapelle – permanent in der Hingabe begriffen.

Auf Tuchfühlung mit Antonio Pappano und der Accademia Nazionale di Santa Cecilia bei den Musikfestspielen (Fotos: A. Keuk)

Einen Tag zuvor war Pappano mit seinen Musikern schon im Kulturpalast aufgetreten, sozusagen eine kleine Residenz bei den Dresdner Musikfestspielen. In diesem Rahmen erklang nun Gustav Mahlers 6. Sinfonie  a-Moll, die bei aller Wörthersee-Sommerfrische ihrer Entstehung und inmitten einer unbeschwerten, arbeitsreichen Lebensphase des Komponisten trotzdem mit einem Fuß weit über allen Abgründen, die man sich um 1904 überhaupt erdenken kann, schwebt. Und um gleich alle Mahler-Statistiker am Weiterlesen zu hindern: das Scherzo war an zweiter Stelle und es gab keinen ominösen dritten Hammerschlag.

Damit wären die Fakten geklärt. Der Rest war Emotion pur, und natürlich auch die Beobachtung eines hochprofessionell an diesem Ort agierenden Ensembles. Denn obwohl die Pauken gefühlt einen Kilometer von Pappano entfernt waren, wussten sie genau, wann der Schlag zu setzen war, damit es ein Ganzes ergibt. Dass diese dann ausgerechnet in den die ganze Sinfonie dann wahrhaftig erschlagenden Takten vor dem Schlusshöhepunkt kaum zu hören waren – geschenkt. Wie man auch über vieles natürlich hinwegsah, was hier einfach bei einem einmaligen Gastspiel unter diesen Bedingungen nicht gutgehen konnte – so feine Dinge wie ein „Harfe (links) mit Kontrabass (rechts) Zupfen“ etwa mutierte zum Glücksspiel. Doch die Römer sind Kathedralen gewohnt, das hörte man und so war Durchlässigkeit und ein möglichst wenig bauchiger Klang in der Polyphonie oberstes Gebot.

Bilder im Kopf.

Die Rechnung hat man natürlich ohne Mahler und ohne Pappano gemacht, bei allem Schönspiel: hier werden alle Gesetze der Sinfonie ausgehebelt, und das mit voller Absicht. Denn diese Partitur ist eine Art gigantischer Hangrutsch und wollte man den aufhalten, müßte man ja die Erde in eine Schieflage bringen, was bei der Frauenkirche fatale Folgen hätte…aber in Pisa.. – nein, hier kommen wir vom Weg ab. Die Interpretation glich Pappano dem Raum nur unmerklich an, vielleicht war es ein minimal langsamerer 1. Satz als woanders, hier und da dämpfte auch die linke Hand etwas allzu forsche Hörner ab, die ansonsten aber wie überhaupt das Blech aus dem Altarraum fabelhaft klangen.

Am tollsten, ja skurrilsten ist diese Sinfonie in diesem Raum ja dann, wenn Mahler in die Klangzauberkiste greift und Pappano es tatsächlich schafft, auch trotz wildem Temperament einmal innezuhalten. Die Bilder (ÖSTERREICH!) vor dem geistigen Auge in der Herdenglocken-Stelle (Heiligster!) bekommt man trotzdem nicht hin. Im Scherzo fällt zunächst auf, dass das Ehepaar in Reihe 8 tatsächlich das Filmen eingestellt hat, sodann aber auch die Verbindung, die Pappano zwischen dem Gestus beider Sätze unnachahmlich zieht. Diesen Puls gehen alle mit, genauso wie die aberwitzigen Tempokontraste, die er hier messerscharf hinstellt, um damit den 3. Satz nur um so weicher wirken zu lassen: Ruhe kehrt hier ein, endlich, samt Englisch-Horn- und Horn-Solo. Ein echtes Pianissimo traut sich hier trotzdem keiner, zu untergründig schwelt schon, was im 4. Satz hammerfallend den Weltenbrand auslöst. Als die Geigen im 3. Satz das Thema bekommen, blitzen bereits wieder Klingen.

Der Höhepunkt der Sinfonie ist eigentlich der gesamte 4. Satz in seiner Gigantomanie, doch dieser Strudel, bei dem sich die Konzertmeister der 2. Geigen nach den letzten Tönen völlig erschöpft erstmal starren Gesichtes anblicken, bevor sie im Applaus wieder zu sich kommen, dieser Strudel ist um keinen Takt kürzbar und Pappano kennt hier auch keine Gnade der Zurückhaltung. In jeder anderen Sinfonie mag es Seitenblicke, Zweideutigkeiten oder unterschiedliche Haltungen geben. Dieser Finalsatz kennt nur einen Ausgang und auf diesem Weg (memo: Hangrutsch) ist auch keine Pause, kein Umkehren möglich. Zwei Mal geht einer der Schlagzeuger noch einige Meter nach hinten; da steht die große Holzkiste, auf die er partiturgemäß den Hammer niedersausen läßt. Nach der Bedeutung fragt niemand mehr, der Schlag geht ohnehin in diesem Raum jedem Zuhörer bis in die letzte Faser. Am Ende sinkt diese Sinfonie tief in die Erde, begräbt sich quasi selbst. Ein kurzes Staunen, dann tosender Beifall für dieses vor allem bei den Streichern extrem ausdruckswillige Orchester und seinen Zauberer Antonio Pappano.

21.05.2019Rezensionen