Ein Weltstar aus Meißen

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Ein Weltstar aus Meißen

Ein Weltstar aus Gauernitz bei Meißen? Er hat diesen Titel nie für sich beansprucht, er hat ihn sich mit seinem Gesang errungen. Gestern ist Peter Schreier, dessen musikalische Laufbahn im Dresdner Kreuzchor begann, der für seine Partien auf den Opernbühnen sowie im Konzert weltweit gefeiert worden ist und mehr als 300 Schallplatten eingespielt hat, im Alter von 84 Jahren von uns gegangen.

Die Kruzianer Jochen Schmidt und Peter Schreier während einer Einzelprobe mit Kreuzkantor Rudolf Mauersberger. Kreuzschule Dresden, Dezember 1945 (Foto: Erich Höhne, Erich Pohl, Quelle: Deutsche Fotothek)

Peter Schreier und der Dresdner Kreuzchor, das darf durchaus in einem Atemzug genannt werden. Auch wenn der Chor etwa zehnmal so alt ist wie der Tenor – die Musik verbindet beide, und das bis ganz zuletzt. Als Zehnjähriger ist Peter Schreier im Sommer 1945 zu den Chorknaben gestoßen, wenige Jahre später entstand eine erste Aufnahme von Bachs h-Moll-Messe mit dem Knabenalt. Eine unvorstellbar ferne Zeit. Er hat sie nie vergessen: „Das war die große Chance, im künstlerischen Beruf eine ganz gute Karriere zu machen. Ich hab dort sozusagen alles mit der Muttermilch bekommen, was man für den Sängerberuf braucht. Davon habe ich mein Leben lang gezehrt.“

Der Kreuzchor war für Peter Schreier nicht nur musikalisch bedeutsam. Er war ihm auch eine Schule fürs Leben. „Auf jeden Fall! Dass ich in einer Zeit in den Kreuzchor gekommen bin, wo alles zerstört war und von Null aufgebaut werden musste, das war insofern noch prägender, weil wir den ganzen Tag für den Kreuzchor gelebt und gearbeitet haben. Wir haben selbst die Noten geschrieben, die beim Angriff verbrannt waren. Wo Rudolf Mauersberger dann mit neuen Kompositionen kam, die er direkt für den Chor in dieser Situation geschrieben hat.“

Die Schule sei damals noch Nebensache gewesen, erinnerte sich Schreier. Das hieß natürlich, dass die Chorarbeit im Vordergrund stand. Der Dresdner Künstler war stets davon überzeugt, ohne den Kreuzchor wäre er nicht geworden, was er gewesen ist.

„Mein Kreuzchor-Ohr kann sich heut noch nicht mit der Harnoncourt-Aufnahme anfreunden…“

 

Die lyrische Klarheit seiner Stimme hat den Tenor unverwechselbar gemacht. Egal, welche Opernarie, welches Lied, welches Konzertstück – Peter Schreier war mit seinem hellen Timbre stets unverkennbar. Im Gespräch begründete er das einmal so: „Die Grundvoraussetzung für mich ist, dass man natürlich bleibt. Dass man nicht nach Mitteln sucht, etwas zu verändern oder die Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, das selbstverständlich ist.“

Foto: Evelyn Richter

Damit sowie mit seiner menschlichen Bescheidenheit ist dem bekennenden Dresdner eine weltweite Karriere gelungen. Ob Bayreuther oder Salzburger Festspiele, ob Mailänder Scala oder Met in New York, überall lag ihm das Publikum zu Füßen. Nach Jahrzehnten großer Erfolge war Peter Schreier klug genug, sich diszipliniert und planvoll von den Bühnen zurückzuziehen. Dem Abschied vom Musiktheater folgte fünf Jahre später der vom Konzertpodium. Seit den 70er Jahren war Peter Schreier auch als Dirigent aktiv und gefragt. Und auch in diesem Metier erwies er sich durch und durch menschlich.

„Das Dirigieren war für mich nie eine Machtfrage. Und das liegt vielleicht auch wieder in den Wurzeln meiner Erziehung im Kreuzchor. Dass man immer versucht, in einer Gemeinschaft was zu erreichen.“

Bis fast zuletzt kümmerte er sich auch noch um die allsommerliche Schumanniade, ein kleines und feines Musikfest vor den Toren von Dresden. Und als der Sänger einmal nach seinem Glauben befragt wurde, hat er frei nach Marcel Reich-Ranicki geantwortet: „Ich glaube an den Gott Johann Sebastian Bach.“

(Titelfoto: Frank Höhler)

26.12.2019Allgemein