Der Anderthalb-Jahrhundert-»Ring« steht bevor, die Wagner-Städte Dresden und Leipzig haben ihren Anteil daran
Mathhias Wollong ist wieder mit dabei, ebenso Andreas Wylezol und zahlreiche weitere Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle (neben Kollegen aus Leipzig, Chemnitz sowie von diversen nationalen und internationalen Klangkörpern), um ein Wagner-affines Festspielorchester zu bilden und auch die diesjährigen Bayreuther Festspiele mit musikalischem Glanz zu versehen. So war es 1876, also vor 100 Jahren, so wird es seit 1886 erneut und fast durchgängig praktiziert. Musikerinnen und Musiker der besten Orchester strömen Jahr um Jahr zum Grünen Hügel, um an diesem einzigartigen Musikfest mitwirken zu können.

Der »Ring des Nibelungen« wird in diesem Sommer, genau ein Jahrhundert nach seiner Uraufführung, einmal mehr von Christian Thielemann dirigiert, dem vormaligen Chefdirigenten der Staatskapelle Dresden. Und mit Sängerpersönlichkeiten wie Christa Mayer (Erda in »Rheingold« und »Siegfried« sowie Waltraute in »Götterdämmerung«) und Georg Zeppenfeld (unverzichtbarer Gurnemanz im »Parsifal«), die beide zu den gefeierten Stars der Festspiele zählen, ist es einmal mehr Camilla Nylund, die von Dresden aus nach Franken reist.
Die in Finnland geborene Sopranistin lebt seit ihrem Engagement im Solistenensemble der Semperoper nach wie vor an der Elbe und blickt just zum 150jährigen Bestehen der Bayreuther Festspiele auf 15 Jahre persönlichen Mitwirkens in Bayreuth zurück. Dieses persönliche Jubiläum habe sie selbst überrascht, wie sie gesteht: »Ich habe das gar nicht gezählt, aber es sind tatsächlich 15 Jahre, ich habe 2011 das erste Mal dort gesungen Und es ist für mich jetzt der Höhepunkt, weil ich nun mit allen drei Brünnhilden wirklich etwas erreicht habe, das ich nie in meinem Leben hätte erträumen können.« Die einzige Rolle ihres Stimmfachs, die sie nicht in Bayreuth gesungen habe, sei die Senta. Dennoch hat sie dort im Grunde alles erreicht, so dass sie einräumt: »Ich denke, dass nach diesem Sommer meine Zeit in Bayreuth vielleicht auch zu Ende sein wird.«
Bayreuth sei für sie ein wichtiger Ort ihres Schaffens, den sie – schließlich blickt die gesamte Wagner-Welt auf diese Festspiele – zum richtigen Zeitpunkt ihres künstlerischen Lebens betreten habe. »Es haben ja wirklich alle große Wagner-Sänger in Bayreuth gesungen und Maßstäbe gesetzt. Für mich war es immer schwierig, das mit anderen Engagements zu verbinden, aber ich bin trotzdem sehr froh, als nicht mehr so die jüngste Sängerin dort angefangen zu haben.« Für sie sei es der passende Moment gewesen, da Bayreuth sie auch beruflich weitergebracht habe. »Ich konnte dort zum Beispiel Christian Thielemann näher kennenlernen und freue mich jetzt darauf, mit ihm diesen ‚Ring‘ zu machen.«
Camilla Nylund wird unter Thielemanns Leitung die Brünnhilden in der »Walküre«, im »Siegfried« sowie in der »Götterdämmerung« singen. Eine gewaltige Herausforderung, nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen vokalen Anlage dieser Partie insbesondere im »Siegfried«.
Die Künstlerin sieht es unter professionellem Aspekt: »Naja, ich bin schon ein wenig stolz und vor allem sehr dankbar, dass ich das machen darf und kann es eigentlich gar nicht fassen, obwohl ich jetzt auf eine Karriere von gut dreißig Jahren zurückblicke. Ich hätte mir das nie erträumen können, diese schweren Partien zu singen oder überhaupt in dieses hochdramatische Fach zu gehen.« Rückblickend sei sie sehr froh, all dies erst vergleichsweise spät in ihrer Karriere erreicht zu haben, denn es setze eine große Portion Erfahrung voraus, die sie sich im Laufe der Jahre erarbeiten konnte. »Daher gehe ich jetzt eigentlich sehr entspannt in diesen Sommer, weil ich gerade erst meinen dritten ‚Ring‘ in Wien gemacht habe und weiß, worum es geht.«
Im Gegensatz zu so manch jungen Sängerinnen und Sängern, die zu früh zu schwere Partien angehen und damit ganz schnell »verheizt« würden, hat Camilla Nylund als Mozart-Sängerin angefangen und dann peu à peu mehr dramatischere Partien gesungen. Ihre erste Begegnung mit Wagner erfuhr sie während ihres Engagements in Hannover als eine der Rheintöchter und eine Walküre. Inzwischen aber, und das können nicht viele Sängerinnen von sich behaupten, hat sie sämtliche Partien ihres Fachs in Wagners »Ring des Nibelungen« gesungen.
Dem Anderthalb-Jahrhundert-»Ring« mit Christian Telemann sieht Camilla Nylund voller Vorfreude entgegen: »Ich finde das fabelhaft, wenn man man mit einem Dirigenten arbeitet, dem man blind vertrauen kann. Wir kennen uns jetzt seit so vielen Jahren und haben wirklich sehr schöne musikalische Erlebnisse miteinander gehabt, da ist ein großes Vertrauen gewachsen. Was ich bei bei Herrn Thielemann sehr schätze, ist, wie er für den Text kämpft. Er ist absolut überzeugend in dem, was er macht. Er kreiert etwas, führt quasi Regie aus dem Orchestergraben heraus, breitet einfach den Boden aus für die Sänger, er übertönt sie nicht, denn ihm ist es sehr wichtig, dass man auch Piano singen kann, dass man sich nie verausgaben muss. Dauerforte wäre ja schrecklich und außerdem uninteressant. Das Interessante sind doch die wirklich leisen Momente, aus denen das Orchester mal richtig aufbrausen und dann wieder zurückgehen kann. Wer schafft sowas heute schon noch?«
Mitte Juli sang Camilla Nylund noch bei den Münchner Opernfestspielen die Leonore in Beethovens »Fidelio«. Vom 28. Juli an ist sie dann bis in die zweite Augusthälfte als Brünnhilde in Bayreuth quasi zu Hause, um in nicht weniger als neun »Ring«-Vorstellungen mitzuwirken.