Scroll Top

Junge Wilde altersmilde

Das Hagen Quartett (nach der Pause mit Julia Hagen) spielte am 27. Mai im Palais Großer Garten im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele. Foto: Stephan Floss

Nicht ganz vierzig Jahre alt ist der Zeitungsartikel, den ich aus sentimentalen Gründen herausgekramt habe. Im Rahmen der „Oldenburger Meisterkonzerte“ wurde 1987 das „renommierte junge Hagen-Quartett aus Salzburg“ angekündigt, das „in kurzer Zeit Weltruhm erlangt“ habe. Namhaftester Mentor und Förderer sei der Geiger Gidon Kremer. Vorfreude!

Wer das Konzert ein halbes Jahr später besuchte, erlebte (so der Kritiker) „eine Sternstunde kammermusikalischen Musizierens“. Fast zehn Jahre hatten die jungen Wilden da schon zusammengespielt und „einen Gleichklang der Spielweise, eine geistige Übereinstimmung in der Auffassung, im Erahnen aller Nuancierungen reifen lassen.“ An der zweiten Geige hörte das Publikum allerdings nicht die angekündigte Anette Bik, die das Ensemble nach sechs Jahren frisch verlassen hatte, sondern den jungen Hannoveraner Geiger Rainer Schmidt, dem der Kritiker freundlich „großes Einfühlungsvermögen“ bescheinigte.

Nun, da die Karriere des Hagen Quartetts nach knapp einem halben Jahrhundert ihr Ende findet, spielte es in der seit 1988 unverändert gebliebenen Besetzung noch einmal im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele. Es waren lokalpolitisch aufgeregte Zeiten,als das Ensemble das letzte Mal zu Gast war: Die AfD war mit dem plakatierten Slogan „Kein Cent für politisch motivierte Kunst“ in den Wahlkampf gegangen und damit drittstärkste Kraft im Stadtrat geworden. Die Hagens hatten Schostakowitsch und Beethoven gespielt – beide Komponisten sind tief in die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche ihrer Zeit verstrickt gewesen! Der Exburschenschaftler und Bald-nicht-mehr-AfD-Stadtrat Gordon Engler tönte damals, man solle doch zukünftig „Randgruppenkunst gerne Leipzig und Berlin überlassen“ (womit er vor allem die Kunst meinte, die in Hellerau auf die Bühne kam).

Nun, auch die Musikfestspiele haben sich in den Folgejahren neben äußerst mainstreamigen Formaten dieses Jahr wieder der Randgruppenkunst verschrieben. Dazu zähle ich nicht nur die Glass-Oper in – ha! – Hellerau, sondern bewusst auch dieses Streichquartett-Konzert. Warum? Schauen wir doch bloß einmal die Popularität der Musikfestspiel-Musiker auf Instagram an: Jan Vogler hat knapp 20.000 Follower, Igor Levit hat die 100.000 geknackt, Philip Glass und Olaf Schubert die 200.000, Cateen die 500.000. Und das Hagen Quartett, nach fast fünfzig Jahren ihres Bestehens? Vierhundert Follower. Zehn Beiträge. Wenn das kein Randgruppendasein ist… Aber sie sind der beste Beweis, eine erfolgreiche Klassikkarriere geht auch ohne Social-Media-Gedöns – wenn man mit musikalischer und musikantischer Qualität punkten kann, wenn man kluge Programme baut. Wie lange noch?, mag man natürlich angesichts des schrecklich alten Publikums im Palais im Großen Garten leise fragen.

Den ersten Teil des Abends durchzog Altersmilde. Das späte Beethovenquartett wurde von Takt zu Takt getragen, bedächtig seziert, jede Phrase wurde gewogen, fotografiert und dann ins Regal gestellt. Wer nimmt sich heute sonst noch soviel Zeit für das Lento? Von der „Leichtigkeit des Seins“, dem überspannenden Motto der Festspiele, war hier kaum etwas zu spüren. Alles atmete Abschied. Schon glaubten wir, der Welt abhanden zu kommen…

Dann aber, am folgenden Abend, Igor Levit! Einer der politischsten Künstler unserer Zeit. Von Leichtigkeit war auch an diesem Abend nichts zu spüren. Im Gegenteil, Levit provoziert gern. Gerade hat er das Pfitzner-Klavierkonzert gespielt, „treudeutsch und bitterböse“ (Thomas Mann über Pfitzner).

Ich habe die Dramaturgie des Dresdner Abends nicht gleich verstanden. Ravels „Kaddisch“ aus den Deux mélodies hébraïques, danach Schostakowitschs 2. Klaviersonate (hier und jetzt leicht unterkühlt, während, wenn ich mich richtig erinnere, Trifonov sie zum Großen Schostakowitsch-Festival in Leipzig letztes Jahr wie mit unterdrückter Wut in brutaler Schnelligkeit herunterfetzte); nach der Pause Mendelssohns »Lieder ohne Worte« und Liszts »Après une lecture du Dante«. Warum diese Reihenfolge?

Schauen wir doch mal, was Levit in den nächsten Tagen auf dem Zettel hat: Am Mittwoch leitet Renaud Capuçon ihn in Lausanne durch Mozarts KV467 Beim Klavierfestival Ruhr spielt er dann mit Markus Becker das romantische Rheinberger-Arrangement der Goldberg-Variationen. Tags drauf – holla! – wiederum Mendelssohn, Liszt, Ravel und dann Schostakowitsch. Und in dieser Reihenfolge erschließt sich das Programm auch besser! Drei Tage später gehts dann nach Zürich, Brahms 2. Klavierkonzert. Tags drauf dann Schubert, Schumann, Chopin. Und weiter, weiter. Kissinger Sommer. Beethoven-Bearbeitung. Musiktage Hitzacker. Brahms Haydn-Variationen. Tonhalle Düsseldorf, Bartók Klavierkonzert. Kölner Philharmonie: Beethoven-Sonatenabend. Wann schläft dieser Mensch, wann übt er?


Empfehlungen im Rahmen der Musikfestspiele:

– 31. Mai Dresdner Kammerchor (mit einer Uraufführung von Alexander Keuk)
– 2. Juni Alexander Malofeev (statt Martha Argerich)
– 7. Juni Junges Musikpodium Venedig
– 11. Juni Nicolas Altstaedt und Jean Rondeau

Verwandte Beiträge