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Herbert Blomstedt 1927 – 2026

Herbert Blomstedt am Pult des Chamber Orchestra of Europe bei einem Konzert der Dresdner Musikfestspiele am 28. Mai 2023 im Kulturpalast (Foto: Oliver Killig)

Herbert Blomstedt, einer der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit, der ehemalige Chef und spätere Ehrendirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, ist heute in Göteborg verstorben.

Für das kommende Dresdner Gedenkkonzert war er im April als Dirigent vorgestellt worden. Stolz und glücklich gab die Staatskapelle dieses Engagement bekannt. Es wäre ein berührendes Wiedersehen mit dem ehemaligen Chefdirigenten geworden, so wie alle seine Konzerte in den letzten Jahren ja außergewöhnlich berührende Ereignisse waren. Wenn Christian Thielemann vielleicht der umworbenste, gar berühmt-berüchtigte Chef der jüngeren Orchestergeschichte war, wenn Giuseppe Sinopoli das Orchester vielleicht am weitesten voranbrachte, Ohren öffnete und Horizonte weitete, so hat das Dresdner Orchester doch Herbert Blomstedt, dem bescheidenen, selbstlosen, gütigen Menschen Herbert Blomstedt, am meisten zu verdanken. Wie der Dirigent nach Dresden fand, wie er schon als Kind den Klang der legendären „Kapelle“ bewunderte und wie er zu DDR-Zeiten hier herzlich aufgenommen wurde und zehn Jahre lang als Chef wirkte, ist unzählige Male erzählt und berichtet worden. Ja, wir Dresdner hatten diesen Dirigenten in unser Herz geschlossen wie natürlich unzählige Konzertbesucher weltweit.

Herbert Blomstedt hat immer gesagt, dass er bis zu seinem 100. Geburtstag und gern auch darüber hinaus zu dirigieren gedenke, dass das Arbeiten mit den Orchestern sein Lebensinhalt und sein Lebenszweck sei. Sein Bedürfnis, klassische Musik mit dem Publikum zu teilen, war legendär – und irgendwie hielt ihn sein Beruf, seine Berufung doch auch geistig-seelisch am Leben, nicht? Umso schrecklicher muss es für ihn gewesen sein, als er sich vor einem halben Jahr eingestehen musste, dass seine Gesundheit ein Weiterdirigieren nicht mehr zuließ. Bei einem Konzert in San Francisco war er schlicht zu schwach, die Seiten der Partitur umzublättern; Krankenhausaufenthalte und die Absagen aller weiteren Engagements folgten.

In den nächsten Tagen und Wochen werden sicherlich unzählige Orchester der Welt Nachrufe und Erinnerungen veröffentlichen. Gemeinsam werden wir seine Aufnahmen hören und an einen Menschen denken, der ganze Generationen von Konzertbesuchern (und Orchestermusikern!) geprägt hat, der in uns die Liebe zur Musik weckte und der seinen Ehrenplatz in der Musikgeschichte längst gefunden hat. Was für ein Glück, dass er Dresden für sich entdeckte! Wir haben ihm viel zu verdanken, so viel wie vor und nach ihm nur ganz wenigen Dresdner Kapellmeistern in der nun bald fünfhundertjährigen Orchestergeschichte.

In den USA im Jahr 1927 als Sohn schwedischer Eltern geboren, erhielt Herbert Blomstedt seine erste musikalische Ausbildung am Königlichen Konservatorium in Stockholm und an der Universität Uppsala. Später studierte er Dirigieren an der Juilliard School of Music in New York, zeitgenössische Musik in Darmstadt sowie Renaissance- und Barockmusik an der Schola Cantorum in Basel und arbeitete unter Igor Markevitch in Salzburg und Leonard Bernstein in Tanglewood. Am 3. Februar 1954 debütierte er als Dirigent mit dem Philharmonischen Orchester Stockholm. Sein fünfzigstes Bühnenjubiläum feierte Herbert Blomstedt am 24./25. Juni 2004 in Leipzig mit der Wiederholung seines Debütkonzerts aus dem Jahr 1954 (Bach, 2. Ouvertüre h-Moll/ Beethoven, 1. Klavierkonzert/ Hindemith, Sinfonie “Mathis der Maler”). Nach seinem Dirigenten-Debüt leitete er als Chefdirigent bedeutende skandinavische Orchester wie das Oslo Philharmonic Orchestra und das Dänische und Schwedische Radio-Sinfonieorchester. Von 1975 bis 1985 war er Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, mit der er neben verschiedenen europäischen Ländern auch die USA und Japan bereiste, und die er regelmäßig dirigierte. Nach einer Serie erfolgreicher Konzerte mit dem San Francisco Symphony Orchestra wurde Herbert Blomstedt ab der Saison 1985/1986 zum Chefdirigenten dieses renommierten Orchesters berufen. Nach zehn Jahren beendete Herbert Blomstedt seine erfolgreiche Tätigkeit in San Francisco, kehrte aber als Ehrendirigent alljährlich dorthin zurück. Von 1996 bis 1998 wirkte er als Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters in Hamburg. Sein musikalisches Schaffen ist auf unzähligen Tonträgern dokumentiert.

Herbert Blomstedts ehemalige Orchester in San Francisco, Leipzig, Kopenhagen, Stockholm und Dresden ernannten ihn ebenso zum Ehrendirigenten wie die Bamberger Symphoniker und das NHK Symphony Orchestra in Tokio. Von 2019 an war er außerdem Ehrenmitglied der Wiener Philharmoniker.

Herbert Blomstedt war ein gewähltes Mitglied der Königlich-Schwedischen Musikakademie, mehrfacher Ehrendoktor und Träger des Großen Verdienstkreuzes mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. 2011 erhielt Blomstedt die Bach-Medaille der Stadt Leipzig. Im April 2016 wurde er für sein künstlerisches Lebenswerk mit dem renommierten dänischen Léonie-Sonning-Musikpreis ausgezeichnet. Im Juni 2017 wurde er mit dem Brahms-Preis der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein e.V. geehrt. Noch im September 2026 wurde er mit dem japanischen Praemium Imperiale ausgezeichnet.

Eine Ausnahmeerscheinung in der Musikwelt war Herbert Blomstedt nicht zuletzt auch dank seines Ethos und seines besonderen Führungsstils, der auf Kompetenz statt Machtausübung gründete, sowie aufgrund seines breiten intellektuellen Horizonts. Neben seinem nie nachlassenden Interesse an aktuellen musikwissenschaftlichen Erkenntnissen – noch in den letzten Jahren hat er mit dem Gewandhausorchester einen Bruckner-Zyklus auf Basis der Neuausgaben von Paul Hawkshaw gestartet – verfügte er über ein legendäres Gedächtnis und eine umfassende, disziplinenübergreifende Bibliothek.

(mit Material des Leipziger Gewandhausorchesters und des Künstlersekretariats am Gasteig)

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