
Die majestätische Kaditzer Linde, der älteste Baum Dresdens, wird am kommenden Montag Besuch bekommen. Der britische Komponist Graham Fitkin macht bei ihr Halt auf einer musikalischen Fahrradtour, die ihn von Rumänien zurück in seine Heimat führt. Unterm Baum trifft er auf Musikerinnen und Musiker der Staatsoperette Dresden. Der Cellist Martin Borck erzählt, wie es zu diesem außergewöhnlichen Projekt kam, und was die Besucher erwartet.
Was bewegt einen britischen Komponisten, die Schreibstube zu verlassen und quer durch Europa zu radeln?
Mit seiner Tour möchte Graham Fitkin auf die letzten noch existierenden Urwälder Europas aufmerksam machen, unter anderem in Polen und Slowenien. Seine Frau, selbst Harfenistin und diesmal die Tour-Organisatorin, hat dafür im Vorfeld verschiedene Partner kontaktiert. In zehn Ländern und an zwanzig Orten sollten sich Gruppen bilden, die jeweils einen für ihre Region besonderen Baum auswählen und beschreiben würden. Wir Musikerinnen und Musiker der Staatsoperette haben entschieden, das „Orchester des Wandels“ zum Partner der Dresdner Station zu machen.
Das “Orchester des Wandels”? Von dem habe ich kürzlich in Berlin eine per Lastenfahrrad transportierte Schokolade gegessen, ein rühriges Projekt. Sind außer der Staatsoperette eigentlich noch andere Dresdner Orchester Mitglied in der Vereinigung?

Nicht, dass ich wüsste. Unter dem Dach dieses Vereins versammeln sich Musikerinnen und Musiker aus Deutschland, die sich für den Klima-, Arten- und Naturschutz engagieren. Wir engagieren uns zum Beispiel für verschiedene Naturschutzprojekte rund um das Thema der im Instrumentenbau verwendeten Edelhölzer, etwa den Anbau von Fernambukbäumen, um nachhaltig Holz für den Bogenbau zu gewinnen. Ich habe mittlerweile ein Enkelkind und dadurch wird mir immer klarer, dass ich in diesen Dingen aktiver werden sollte, nicht zuletzt um meinen Enkeln eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Das war dann auch der Antrieb dahinter, mich mit einigen weiteren Kolleginnen und Kollegen der Staatsoperette am Projekt »TREELINE« von Graham Fitkin zu beteiligen.
Was tragen die Dresdner denn konkret zu Fitkins Projekt bei?
Ich hatte bei unseren Planungsgesprächen zunächst verstanden, dass man versuchen sollte, den Baum und seine Geräusche aufzunehmen. Vielleicht, dachte ich, gibt es Geräusche im Inneren der Linde? Selbst mit Kontaktmikrofonen bekommt man da allerdings nur sehr wenig zu hören. Meine Kollegin hatte es wiederum so verstanden, dass wir uns mit der Geige unter den Baum stellen und dort etwas aufnehmen sollten. Graham Fitkin jedenfalls komponierte aus unseren Klanglieferungen ein Werk für Harfe, Klarinette und Streichquartett. Auch Daten wie der Stammumfang und die Größe des Baumes flossen in die Komposition ein, die wir am Montag aufführen werden. Außerdem spielen wir sein etwa zweieinhalb Minuten langes Stück „A Small Quartet“. Dieses Werk lebt davon, dass das Ensemble äußerst präzise zusammenspielt und sauber intoniert. Erst dann entsteht seine besondere musikalische Wirkung.
Das Konzert selbst findet in der Kirche statt – aber auch unter dem Baum gibt’s ein Zusammentreffen?
Ja, es gibt ein Lindenfest! Bei Kaffee und Wein steht ab 16 Uhr die Vernetzung im Mittelpunkt. Die Menschen sollen miteinander in Kontakt kommen. Bäume sind ja bestens miteinander vernetzt, wie Wissenschaftler herausgefunden haben. Davon könnten wir Menschen doch durchaus lernen! Um 17 Uhr hält dann der Tharandter Forstwissenschaftler Andreas Roloff einen Vortrag.
Weitere Informationen: https://www.orchester-des-wandels.de/unsere-konzerte/treeline-dresden/
Grahams Live-Standort: https://live.garmin.com/session/2fdcad2d-d0fe-811c-bc9d-049c1b344e01/token/6894F52F480A64386AD59EFFDC211BD
(Das Interviewtranskript entstand im Rahmen eines Workshops an der Hochschule für Musik Dresden)