Die Schaller Jahre

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Die Schaller Jahre

Foto: Steffen Füssel

Dies ist mein sehr persönlicher Eindruck von sechzehn Jahren Intendanz Wolfgang Schaller an der Staatsoperette Dresden. Ich hatte seinen Weg von den Anfängen als Regisseur verfolgt, bis wir uns Anfang der achtziger Jahre häufiger in der Staatsoper Dresden trafen und in der spannenden Zeit im Herbst 1989 gemeinsam überlegten, wo unser Platz sei. Seinen fand er in Görlitz, einem heruntergekommenen Theaterbau, dessen gelungene Sanierung unter Mithilfe des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst über ein segensreiches Kulturbauten-Programm des Bundes gelang. Schaller bereitete die Sanierung mit den Denkmalpflegern gründlich vor, erlebte aber die Einweihung nicht mehr als Leiter, da er schon seiner Verpflichtung als Intendant am Würzburger Theater nachging. Da ihn dort sofortige tiefgreifende Kürzungen des Etats erwarteten, konnte er seine Spielplanvorstellungen nicht genügend realisieren und bewarb sich an der Staatsoperette Dresden. Mit Christoph Albrecht, dem damaligen Intendanten der Sächsischen Staatsoper, und Holk Freytag vom Staatsschauspiel Dresden waren wir uns in der Findungskommission einig, dass Schaller der geeignete Kandidat sei, und es gelang schließlich, den damaligen Kulturbürgermeister Dr. Vogel davon zu überzeugen.

Die Artikel der Kollegen sowie die Buchveröffentlichung „Danke, Dresden“ geben genügend Zeugnisse von Schallers Aktivitäten, so dass ich mir Wiederholungen sparen kann und nur auf einige einprägsame Momente dieser sechzehnjährigen Intendanz hinweisen will.

Foto: PR

2003 bat mich Schaller, die Wiederaufnahme-Vorstellung von „Hoffmanns Erzählungen“ mit einem neuen Dirigenten zu besuchen, den er in Österreich engagiert hatte: Ernst Theis. Ich dachte, ich traue meinen Ohren nicht: Ich hörte in dem Leubener Saal, in dem es trocken wie in einem Kartoffelsack klang, so etwas wie einen zarten Nachklang im Orchester. Theis zauberte Klangwelten, die es eigentlich gar nicht geben konnte. Folgerichtig entdeckte er die „Radio-Musiken“ (s. auch MiD 25.08.2010), die von den gleichen Komponisten in der Frühzeit des neuen Mediums bedient wurden, die auch neue Operetten komponierten. Parallel dazu hatte Schaller der Staatsoperette ein klares Profil zugedacht: Wiederentdeckungen der Operette jüdischer Autoren aus dem Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wie „Die Herzogin von Chikago“ von Kálmán oder „Viktoria und ihr Husar“ von Abraham, ferner die Wiederaufführung lange vergessener Offenbach-Operetten wie „La Péricole“, ein umfassendes Johann-Strauss-Repertoire oder einen ganzen Block von heiteren, komischen Opern vom „Wildschütz“ bis zu „Figaros Hochzeit“ sowie einige Uraufführungen, die der Konkurrenz der Erfolgsstücke ausgesetzt waren u.v.a.m. So entstand, zusammen mit den gängigen Musicals und den klassischen Operetten, ein heiterer, bunter Reigen anspruchsvollen unterhaltsamen Musiktheaters, das modernes Regietheater durchaus zuließ, allerdings nicht in provozierender Weise, sodass es vom Publikum dankbar angenommen wurde. Und das war nicht ausschließlich ein überaltertes Publikum, das in Klängen der Vergangenheit schwelgte. Es bestand nie die Gefahr, dass das Theater durch gewagte Produktionen leergespielt werden könnte. Dies wäre keine Empfehlung für einen Neubau gewesen.

Die Csárdásfürstin
Operette in drei akten
Text von Leo Stein und Béla Jenbach
Musik von Emmerich Kálmán
Musikalische Leitung: Peter Christian Feigel
Inszenierung: Axel Köhler
Ausstattung: Timo Dentler, Okarina Peter
Choreografie: Radek Stopka
Choreinstudierung: Thomas Runge
Dramaturgie: Heiko Cullmann
Technische Leitung: Mario Radicke
Die Csárdásfürstin
Elvira Hasanagić (Sylva) und Alexander Bersutsky (Zigeunerprimas)
Foto: Stephan Floß

Bei diesem Genre ist es immer eine Frage der Abwägung, ob man seinem Publikum, das seine Schlager und die Interpreten liebt, eine ungewöhnliche, von bisher Bekanntem abweichende Inszenierung zumutet oder sich für Lesarten entscheidet, die nicht verschrecken. Verschreckt wurde in den sechzehn Jahren tatsächlich niemand. Wenn allerdings eine „moderne“ Inszenierung angeboten wurde, fand diese meistens wenig Freunde. Vielleicht bestand die Kunst ja gerade darin, das oft durchaus kritische Potenzial der Stücke charmant und augenzwinkernd umzusetzen, ohne so gründlich anzuecken wie 1999 die „Csárdásfürstin“ in der Semperoper. Gewiss: die Operetten waren zu ihrer Entstehungszeit meist politisch sehr aktuell, doch nicht in der direkten Weise, wie es etwa das Sprechtheater sein konnte. Es ist nicht leicht, diesen aufrührerischen Geist nach heute zu transportieren, aber dort, wo es sich anbot, haben geschickte Textautoren ihren Teil dazu beigetragen.

Die Operette ist vermutlich die am stärksten von der NS-Kulturbarbarei beschädigte Gattung. Ab 1933 sind durch den Exodus der jüdischen Komponisten und Textautoren Entwicklungen einer zeitgemäßen Operette, die in Deutschland zweifellos zu ähnlichen Ergebnissen wie denen des amerikanischen Musicals geführt hätten, für immer abgeschnitten worden. Daher war die Wiederaufnahme deutscher Operetten wegen der NS-Bearbeitungen nach 1945 besonders belastet, wie auf einer der wissenschaftlichen Konferenzen „Operette unterm Hakenkreuz“, die die Staatsoperette 2005 veranstaltete, eindrucksvoll dargestellt wurde. Der Theorie folgte die Praxis: Offenbach- und Strauss-Operetten wurden in Originalfassungen gespielt, die von jahrzehntealter einschneidender Bearbeitung befreit worden waren.

Vieles hat Schaller in Leuben realisiert, jedoch unter teils erbärmlichen technischen Bedingungen und teils existenzbedrohenden politischen Verwerfungen in der Stadt Dresden, die zu bestehen viel Kraft gekostet hat. Da musste der Intendant immer aktiv bleiben und ein freundliches Gesicht zeigen, denn „wie’s drinnen aussieht, geht keinen was an“, heißt es bezeichnenderweise in der Lehar-Operette. Und statt neue künstlerische Herausforderungen suchen zu können, war es unabdingbar, taktisch kluge Entscheidungen zu treffen, um den Fortbestand des Ganzen zu sichern.

Axel Köhler (Foto: Stephan Floß)

Ein vorausplanender Intendant muss ferner darauf achten, jungen Sängerinnen und Sängern eine Chance zu bieten, sich künstlerisch zu entwickeln, ohne zu rasch verbrannt zu werden. Hier bewies Schaller immer eine sichere und ruhige Hand bei der Entwicklung des ganzen Ensembles. Ebenso erfolgreich war zum Beispiel das Engagement von Axel Köhler als Interpret und Regisseur, der mit langjährigen Erfahrungen im Musiktheaterbetrieb stets ansprechende Inszenierungen erarbeitete; ebenso Sebastian Ritschel, der etwa die „Dreigroschen-Oper“ als vollständige „Revue“ und nicht als Schauspiel mit Musik inszenierte.

Schaller erklärte gern, er sei nicht Intendant geworden, um Häuser zu bauen, und ebensowenig, um sich als Regisseur zu verwirklichen. Hinzuzufügen ist: er war 2003 nicht Intendant geworden, um die Staatsoperette aufzulösen, wie ihm das die städtische Finanzpolitik suggerieren wollte. Nein, es ist ihm gelungen, seinem Ensemble eine Perspektive in einem neuen Haus zu schaffen, und er übergibt ein wohlbestelltes Haus. Was kann man heute Lobenderes von einem Chef sagen?

16.07.2019Features