
Der Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt vertritt in seiner Erzähltheorie die bedenkenswerte Hypothese, dass der Ursprung aller menschlicher Eigenart in der Ausrede liege. In dieser uns ureigenen Fähigkeit, alternative Versionen des Erlebten zu bieten, liege das schöpferische Potential des Erzählens. Anders als etwa die Anklage, die versuche, die Wirklichkeit festzunageln, eröffne die Ausrede narrative Mehrdeutigkeit. Die Ausrede sei humanes, kreatives Handeln: zum einen der Versuch, den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Zum anderen aber auch die Einladung zum Dialog, sich über Geschehenes neu zu verständigen.
Wenn die Regisseurin Nadja Loschky an der Semperoper nun Carmen vom Ende her erzählt, versucht sie sich an einem solchen kreativen Akt des Neuerzählens. Der Schauspieler Lasse Myhr verkörpert Don José, allerdings den Don José nach der finalen Tat. Blutverschmiert, Tatwaffe in der Hand, informiert er uns — zu Beginn der Ouvertüre — über den vom ihm begangenen Mord. In der linken ein blutiger Fetzen vom Kleid seine Opfers: Carmen. Wie eine schattenhafte Muleta schleppt er diese leere Hülle als gescheiterter Matador seiner selbst durch die gesamte Oper, deren Handlung als Rückblick, als Josés Erinnerungsbilder vor seinen Augen, vor unseren Augen, entstehen.
Die für Myhr geschriebenen Texte ersetzen dabei alle Dialoge aus Bizets opéra-comique, was eine wunderbar fragmentarische Textur der auskomponierten Passagen ergibt. Wachtraumartig geistern wir so durch die brüchigen Momente einer gescheiterten Liebesgeschichte. Da bleibt zwangsläufig vieles offen, unerzählt und unausgesprochen — eben wie im richtigen Leben. Leider fehlt den neuen Texten jede Entwicklung oder Mehrdeutigkeit. Vielmehr ergeht sich dieser Schauspieler-José als selbstmitleidiger Waschlappen nur immer wieder in denselben Behauptungen und Schuldzuweisungen. Die Teufelin Carmen habe ihn zur Tat getrieben! Dieser José klagt immer nur an, und kommt weder für sich noch für uns zu einer erhellenden Erzählung. Loschky lässt ihn einfach nicht ausreden. Er darf keine Rolle, sondern muss eine These darstellen, nämlich die von der toxischen Männlichkeit. Dabei bleibt Myhr zwangsläufig monoton, spielerisch wie stimmlich (und die Microport-Verstärkung macht das Ganze ziemlich unerträglich).
Die Oper als Erinnerungsbild bleibt dabei im kleinen schwarzen Bühnenbild von Etienne Pluss hübsch eindimensional. Nebenfiguren wirken blass oder werden ganz zu Karikaturen verzerrt. Am schlimmsten trifft es hier die Micaëla von Galina Cheplakova, die wahlweise als Backfisch im Puppenkleidchen mit übergroßen blonden Zöpfen oder als wandelnde Marienerscheinung über die Bühne geschoben wird. Dabei ist Cheplakovas Hausdebüt sängerisch eine Ohrenweide voller Schönklang mit geschickt geführten Legatobögen. Überhaupt ist das Ensemble ausnahmslos vorzüglich besetzt, mit Hauskräften wie Vladyslav Buialskyi, der gerade den »Tenor Viñas« in Barcelona gewonnen hat, oder auch Jasmin Delfs und Nicole Chirka, die in ihren Duetten kontrastreich harmonieren.
Myhrs wandelndes Memento des Mordes erzwingt allerdings einen geschärft analytischen Blick auf die beiden Hauptfiguren. Attilio Glaser — der singende José — zeigt eine stimmlich und darstellerisch beindruckende Wandlungsfähigkeit. In den szenischen Fragmenten kommt er einmal als verschüchterter, fast stotternder Junge, andermal als einfühlsamer Liebhaber mit feurig tenoralem Glanz oder auch als Gewalttäter mit berstender Aggression daher. Das Fehlen der Dialoge entbindet ihn dabei vom Zwang, diese vielfältigen Aspekte seiner Person erklärend verbinden zu müssen. Glaser gestaltet eine erstaunlich moderne Figur, deren Identität vielschichtig-erratisch scheint und sich schlicht nicht auf einen Nenner bringen lässt (und schon gar nicht auf eine These).
Die größte Offenbarung des Abends ist aber die Genfer Mezzosopranistin Eve-Maud Hubeaux. Sie beherrscht die Kraft der musikalischen Ausrede, obwohl sie das Regiekonzept zur puren Projektion Josés verkürzen müsste. Ihre Carmen ist so facettenreich, zugleich überirdisch und irdische real. Effektreich greift ihre mezza voce bis ins Mark, bis in die letzte Ritze. Ihre Stimmbänder fluchen, tanzen und schweifen ins Unendliche, und steigern sich en passant bis ins melodramatische Sprechen. Hubeaux ist die Carmen fürs 21. Jahrhundert—voller musikalischer Stärke und menschlicher Verletzlichkeit. Ihre Stimme läuft nicht nur, frei nach Nietzsche, wie alles Göttliche auf zarten Füßen, sondern steht auch mit beiden Beinen im Leben. Und wie einst der Philosoph möchte man, in Dresden allein für Hubeaux’ Vokalwunderkammer, gleich zwanzigmal in die Carmen laufen, um vielleicht ein besserer Mensch zu werden. Ein (musikalisch) schlauerer würde man bestimmt.
Dem Dirigat von Lorenzo Passerini fehlt es an dieser Exzentrik und Beredsamkeit. Er leistet solide Arbeit im Graben und verführt die Staatskapelle auch hier und da zu einem überraschend halsbrecherischen Accelerando, doch bleibt es im Orchester und Chor en gros ein wenig brav und breit. Gegen eine Göttin der Ausrede hat es wohl selbst eine Wunderharfe schwer.
Nächste Vorstellungen:
– 6. Mai (19 Karten von 18-140 EUR übrig)
– 9. Mai (16 Karten von 145-175 EUR übrig)
– 14., 17. Mai (ausverkauft)
– 23., 25. Mai










