Konzentration und Knappheit in der Aussage

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Konzentration und Knappheit in der Aussage

Ohne ihre religiösen Hintergründe ist die Musik von Heinrich Schütz oder gar Johann Sebastian Bach vermutlich kaum zu verstehen. Beim Dresdner des Komponisten Manfred Weiss ist das kaum anders. Umso mehr muss es wie ein Kontrapunkt gewirkt haben, als der vor 85 Jahren in Niesky geborene und in einer Herrnhuter Missionarsfamilie aufgewachsene Musiker als eine seiner ersten offiziellen Ehrungen 1977 den Hanns-Eisler-Preis erhielt. Dem Jubilar ist über viele Jahre hinweg ein Spagat gelungen, die eigenen Wurzeln nie zu leugnen, ohne sich aber mit den Früchten je irgendwo anzubiedern. Ein Singulär unter den Komponisten.

Foto: privat

Dennoch wurde er für sein musikalisches Schaffen mit dem Kunstpreis der Stadt Dresden sowie dem der DDR geehrt, und auch heute ist eine Würdigung zum Jubiläum fällig. Manfred Weiss, der bei Rudolf Wagner-Régeny und anderen Größen seiner Zeit studiert hat, wird von der Hochschule für Musik mit einem Jubiläumskonzert geehrt. Was aus mindestens zweierlei Gründen unbedingt angezeigt ist, schließlich hat er als Prorektor der Hochschule den Erneuerungsprozess nach 1989/90 verantwortungsvoll und nachhaltig beeinflusst.  Zudem wurde dieser namhafte Dresdner Komponist durch sein beeindruckendes Œuvre weit über die Stadt hinaus bekannt, innerhalb derer seinem Schaffen jedoch mehr Aufmerksamkeit gebührt.

Mehr als 100 Kompositionen hat Manfred Weiss im Laufe seiner vielen Schaffensjahre geschrieben. Darunter Werke für Orchester (fünf Sinfonien), Kammermusik sowie immer wieder auch Lieder und zahlreiche Stücke für Chor. Ein besonderer Stellenwert kommt dem kirchenmusikalischen Wirken von Manfred Weiss zu, dem es immer mehr um Substanz statt um pure Schönheit gegangen sein dürfte.  Seine Musik ist von einer ungeschnörkelten Klarheit beherrscht, was wohl wiederum auf frühe Prägung durch Wagner-Régeny zurückzuführen sein dürfte. Er habe seinem geschätzten Lehrer „Konzentration und Knappheit in der Aussage“ zu verdanken, sagte er einmal.

Neben seinem kompositorischen Schaffen hat sich Manfred Weiss ausgiebig der Pädagogik gewidmet, war Professor für Komposition und Musiktheorie an der Dresdner Musikhochschule, die ihn in den 1990er Jahren zum Prorektor berief und 1998 emeritierte. Zu seinen namhaften Schülern zählen unter anderem Eckart Haupt, Jörg Herchet sowie Christoph Münch. Der Dirigent und Komponist Ekkehard Klemm war bereits als Jugendlicher Privatschüler bei Manfred Weiss, besprach frühe Kompositionsstudien und wurde durch ihn entscheidend geprägt: „Ich werde ihm immer dankbar sein, dass ich durch ihn eine Richtschnur und meinen kompositorischen Kompass erhielt.“ Klemm hat später mehrfach Kompositionen von Manfred Weiss dirigiert, so die 3. und 5. Sinfonie, aber auch zwei Oratorien, die unter seiner Leitung uraufgeführt worden sind.

Weiss’ Werke sind von Ensembles und Klangkörpern wie dem Dresdner Kreuzchor,  der Dresdner Singakademie, der Dresdner Philharmonie, dem Gewandhausorchester Leipzig und der Sächsischen Staatskapelle Dresden aufgeführt worden. Insbesondere Dirigenten wie Herbert Blomstedt, Herbert Kegel, Kurt Masur und Lothar Zagrosek haben sich diesem reichen Schaffen gewidmet, ebenso Kreuzkantor Roderich Kreile.

Manfred Weiss, der bereits in sehr jungen Jahren selbst musizierte, beizeiten Geigen- und Klavierunterricht erhielt sowie im Kirchenchor sang und später auch Orgel spielte, hat eine Reihe von Solokonzerten verfasst, beispielsweise sein Konzert für Orgel, Streicher und Schlagzeug, ebenso Konzerte für Violine (1979 uraufgeführt mit Ralf-Carsten Brömsel und von Teilen des Publikums offenbar miss- oder unverstanden) und Violoncello sowie 2002 das Orchesterwerk „Harry Potter und seine Welt“.

Das mit einer Ehrung für Manfred Weiss verbundene Jubiläumskonzert der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber ist vom Musikwissenschaftler Matthias Herrmann konzipiert worden und beinhaltet neben Musik für gemischten Chor a cappella auf Texte von Christoph Eisenhuth, einem 2018 entstandenen »Chortryptichon für den Frieden«, dem sich als Uraufführung das Stück »Altar in der Dresdner Dreikönigskirche« anschließt, auch zwei Lieder auf Gedichte von Heinrich Heine sowie ebenfalls als Uraufführung die Kammermusik »Neun Melancaprices für Saxophon und Klavier«.

Mitwirkende des Konzertes sind der Dresdner Motettenchor am Heinrich-Schütz-Konservatorium unter der musikalischen Leitung von Matthias Jung sowie bei den Heine Liedern Sinhu Kim (Bariton) und Eunshil Oh (Klavier) und Dorit Witt (Saxophon) nebst Torsten Reitz bei der Uraufführung.

Sonntag, 11. Oktober, 11 Uhr
Jubiläumskonzert
Konzertsaal der Hochschule, Wettiner Platz 13

Programm

Musik für gemischten Chor a cappella auf Texte von Christoph Eisenhuth

Chortriptychon für den Frieden (2018)
1. Krypta im Dom zu Speyer
2. Schlosskapelle in Dresden
3. Basel

Altar in der Dresdner Dreikönigskirche (Uraufführung)

Zwei Lieder auf Gedichte von Heinrich Heine für Bariton und Klavier
Weltlauf
Die Wanderratten

Würdigung von Professor Manfred Weiss (Prof. Dr. Matthias Herrmann)

Kammermusik
„Neun Melancaprices“ für Saxophon und Klavier (Uraufführung)
Duo für Altsaxophon und Klavier

08.10.2020Allgemein