Und dann ging auch Jan Nast

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Und dann ging auch Jan Nast

Jan Nast zur jüngsten Jahrespressekonferenz der Sächsischen Staatskapelle Dresden (Fotos: Oliver Killig)

„Mit Bestürzung haben wir von der Entscheidung unseres Orchesterdirektors Jan Nast erfahren, Dresden und damit die Sächsische Staatskapelle zu verlassen“ – mit diesem Satz beginnt das Zitat des Orchestervorstands zur offiziellen Pressemeldung des Orchesters. In der Tat kann Jan Nast selbst erst seit Kurzem von seiner Berufung wissen; er hatte sich erst nach einer Ausschreibungsrunde, aus der kein geeigneter Kandidaten hervorgegangen war, auf den Posten beworben und wurde dann von einer neu eingesetzten Jury, der unter anderem Christoph Lieben-Seutter angehört, nach Wien bestätigt.

Die Bestürzung ist echt: das Dresdner Orchester dürfte momentan in Schockstarre sein. Es verdankt seinem langjährigen Orchesterdirektor viel. Angefangen bei vielen künstlerischen Entscheidungen über die letzten zwei Jahrzehnte, die nur durch die guten Kontakte und die beharrliche Arbeit von Jan Nast erreicht und manchmal gegen machtpolitische Interessen durchgedrückt werden konnten. Bis hin zu den Finanzen: die Musiker, grundsätzlich gut bezahlt durch ihren Arbeitgeber, den Freistaat Sachsen, haben seit Jahren die Möglichkeit, über ein Firmenkonglomerat, die „GbR Staatskapelle Dresden“ und die 2012 gegründete „S. D. Management & Media GmbH“, als deren Geschäftsführer Jan Nast fungiert, zusätzlich attraktive Konzerte, Reisen und Residenzen wahrzunehmen. So fallen in Jan Nasts Zeit bei der Staatskapelle die allererste China-Tournee (2000), die Anbahnung wichtiger Sponsoren und – mit deren Hilfe – Konzertformate wie »Klassik picknickt« oder »Ohne Frack auf Tour«, die den Orchesteralltag der letzten Jahre zusätzlich zu den symphonischen Konzerten und allen Verpflichtungen als Orchester der Sächsischen Staatsoper zunehmend bunter geprägt haben.

„In 22 Jahren seiner Tätigkeit hat er unermüdlich für das Orchester gedacht, gehandelt und sich stets für die Werte und Ideale der Staatskapelle eingesetzt“, fahren die Musiker in ihrem Statement fort. „Mit großem Ideenreichtum und oft unter Hintanstellung persönlicher Belange hat er das Orchester in Dresden und in­ternational weiterentwickelt.“ Tatsächlich hat Jan Nast immer das Äußerste gegeben, um „seinen“ Musikerinnen und Musikern die Begleitumstände ihres herausfordernden Berufs so angenehm und inspirierend wie möglich zu machen, sie durch fantastische Gastsolisten und interessante Gastdirigenten herauszufordern. Viele von ihnen, wie etwa der Geiger Nikolaj Szeps-Znaider, der im Herbst gar seinen Einstand als Operndirigent am Haus geben wird, sind inzwischen gute Freunde des Orchesters geworden. Ob zuhause im Orchestergraben oder im neuen Bühnenzimmer, ob auf langen, zehrenden Orchesterreisen oder bei außergewöhnlichen Sonderkonzerten – immer konnte sich das Orchester darauf verlassen, dass Jan Nast die planerischen Zügel in der Hand hielt und die Unternehmung ganz im Sinne des Orchesters steuerte. Es ist daher wenig überraschend, dass die Musiker, die erst heute vom Weggang ihres Direktors informiert wurden, „bedauern, dass er die Position des Orchesterdirektors der Sächsischen Staatskapelle verlässt. Wir danken ihm für sein starkes Engagement für das Orchester und wünschen ihm für seine neue Tätigkeit viel Erfolg und gute Bedingungen.“

Diese letzten beiden Worte sind vielleicht nicht ganz zufällig gewählt. Jan Nast verlässt ein Orchester, dessen personelle Organisations-Struktur hinter den Kulissen im Umbruch ist. Jan Nasts langjährige Assistentin Agnes Monreal war bereits 2016 nach Schleswig-Holstein gewechselt, die Orchestermanagerin Elisabeth Roeder von Diersburg wechselte vor kurzem zu Barenboim an die Berliner Staatsoper. Der langjährige Orchesterdramaturg Tobias Niederschlag und der Leiter der Kommunikation, Matthias Claudi, haben schließlich die Staatskapelle letztes Jahr verlassen. Die Nachfolge auf beiden Stellen gelang nicht geräuschlos; weitere Neubesetzungen sind in Kürze zu erwarten. Die Zukunft der Salzburger Residenz ist momentan, nach der erfolgten Berufung von Nikolaus Bachler als Osterfestspiel-Intendant, ungewiss. Das »Klassik picknickt«-Format ist nach der Verlegung in die »Junge Garde« ebenfalls in unruhigen Gewässern, so dass sich Nasts Team nach Publikumsprotesten jüngst zu einer Klarstellung via eigens angesetztem Pressegespräch genötigt sah. Und auch die persönliche Referentin des Chefdirigenten Maria Grätzel hat Dresden überraschend und sehr kurzfristig den Rücken gekehrt.

Womit wir beim Elefanten im Raum angelangt wären, von dessen Gnaden eine erfolgreiche Arbeit am Haus ja immer auch abhängt. Er, dessen Vertrag bis 2024 läuft, ließ sich nach all den Jahren der Zusammenarbeit mit den folgenden drei kurzen Sätzen zitieren: „Ich danke Jan Nast für seine großartige Arbeit für die Sächsische Staatskapelle Dresden. Insbesondere sein Einsatz für Konzertreisen hat das Renommee des Klangkörpers weltweit gestärkt. Für die Zukunft und die neue Herausforderung wünsche ich ihm alles Gute.“

01.07.2019Allgemein