„Es ist wirklich Zeit, dass sich etwas ändert“

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„Es ist wirklich Zeit, dass sich etwas ändert“

»Der Nussknacker«: Jiří Bubeníček, im Hintergrund Istvan Simon und Anna Merkulova (Foto: Costin Radu)

Herr Bubeníček, Sie kamen gleichzeitig mit dem amtierenden Ballettdirektor Aaron S. Watkin 2006 an die Semperoper und blieben zehn Jahre lang. Man kann sicherlich von einer „Ära Bubeníček“ sprechen… Verfolgen Sie, welche Debatte die Dresdner Kollegen momentan umtreibt?

Natürlich! Ich bin mit einigen Tänzern in Dresden immer noch in gutem Kontakt und finde es ganz wichtig, dass diese Debatte endlich öffentlich geführt wird, nachdem Probleme hausintern bereits seit Jahren bekannt sind. Ich kann meinem Kollegen István Simon nur meinen allerhöchsten Respekt aussprechen für den Mut, den er gehabt hat, mit seinen Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Auch wenn es sich bei meinen eigenen Erfahrungen nicht um Probleme der Art handelte, wie sie István Simon jetzt öffentlich macht.

Probleme sind bereits seit Jahren da, sagen Sie. Warum werden sie erst jetzt öffentlich?

Lassen Sie mich vorausschicken: im Semperoper Ballett geht es zu wie bei vielen anderen Kompanien auch. Alle Tänzer arbeiten superhart und hochprofessionell. Aber der Druck, die Anspannung sind eben wahnsinnig hoch, und der Konkurrenzdruck ist immens. Wenn ein Solist das Ensemble verlässt, bewerben sich fünfzig Nachfolger um seine Position. Und Tänzer, die vielleicht ähnliches erlebt haben wie István Simon es empfindet, trauen sich mit Blick auf ihre Karriere nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen. Verständlich, muss man sagen, wenn man verfolgt, wie die Semperoper jetzt mit dem Problem umgeht.

Herr Simon beschuldigte den Ersten Ballettmeister letztes Jahr der sexuellen Belästigung und wurde daraufhin selbst von den Proben und Aufführungen „freigestellt“. Der Ballettmeister hatte bei einer hausinternen Befragung ausgesagt, an den Beschuldigungen sei nichts dran.

Mir sind einige Probleme mit dem besagten Ballettmeister bekannt, und sie betrafen mich auch persönlich, wenn auch in anderer Form. Ich möchte betonen, dass es sich bei meinen Erfahrungen in der Arbeit mit dem Ballettmeister nicht um sexuelle Übergriffe handelte, noch um Probleme, die sich so deuten lassen. Es handelte sich nach meiner Erfahrung um nicht zu akzeptierende Formen des Umganges im Rahmen der künstlerischen Arbeit. Viele, viele Male habe ich erlebt, wie er sich mit ersten Solisten auf sehr unprofessionelle Weise gestritten hat, was bei denen zu Tränenausbrüchen und zum  psychischen Zusammenbruch führte. Es gibt ja auch Tänzerinnen und Tänzer, die das Ensemble daraufhin verlassen haben.

Sie aber haben immerhin sieben Jahre mit ihm zusammen am Haus verbracht. Es war also doch eine konstruktive Zusammenarbeit möglich?

Um ehrlich zu sein – nein. Wir hatten unzählige Meinungsverschiedenheiten, bis ich Aaron (S. Watkin, den Ballettdirektor, d. Red.) bat, nicht mehr mit ihm arbeiten zu müssen. Das wurde mir auch erlaubt! Warum es István jetzt nicht erlaubt wird, mit anderen Ballettmeistern des Hauses zu arbeiten, weiß ich nicht.

Für Außenstehende ist es um so unerklärlicher, warum das Haus seit Jahren an diesem Ballettmeister festhält und intern Aufklärungen offenbar erst nach István Simons Hinweisen begannen.

Das kann ich mir auch nicht recht erklären. Warum der Ballettdirektor sich bis jetzt immer vor ihn gestellt hat und auch jetzt offensichtlich der Stand des Ballettmeisters unangefochten bleibt, weiß ich nicht. Allerdings kann ich nur nach meinen Erfahrungen in der Rückschau argumentieren. Aktuelle Erfahrungen habe ich nicht; die enden mit meinem Abschied 2016 als erster Solist beim Semperoper Ballett.

Was sollte nach Ihren Erfahrungen, bezogen auf die Zeit bis zu Ihrem Abschied, aus Ihrer Sicht und Kenntnis der internationalen Ballett- und Tanzszene jetzt am Semperoper Ballett geschehen?

Ich wiederhole das noch einmal: grundsätzlich ist es absolut wichtig und gut, dass wir diese Debatte jetzt führen, und István Simon ist allerhöchster Respekt zu zollen für seinen Mut und seine Rolle in der Debatte! Eigentlich hätte sie viel eher geführt werden müssen. Wenn die Semperoper sich jetzt professionell verhalten und ihre angestellten Tänzer schützen möchte, sollte sie die angekündigten Untersuchungen ehrlich und vor allem ergebnisoffen führen. Sie kann damit Vorbild sein für viele vergleichbare Häuser und Kompanien. Weltweit würden Tänzer dem Haus und seinem Ballettdirektor Aaron S. Watkin für diese offene Debatte dankbar sein.

Es ist wirklich Zeit, dass sich in unserem Beruf etwas ändert. Dresden kann hier mit gutem Beispiel vorangehen. Diese Kompanie und ihre fantastischen Tänzer müssen ihre Arbeit störungsfrei und vor Belästigungen und seitens der Leitung geschützt ausführen können. Und das gilt im Prinzip für alle Kompanien, für alle Tänzer weltweit. Da haben wir noch viel Arbeit und sicher einige schmerzhafte Erkenntnisse vor uns.

Abschließend muss ich allerdings betonen, dass ich zu den aktuellen Problemen keine Aussagen eigener Erfahrungen beitragen kann; denn wie schon gesagt, ich gehöre dem Semperoper Ballett seit 2016 nicht mehr an. Übergriffe sexueller Art habe ich bis zu meinem Abschied nicht erfahren; auch habe ich bis dahin nicht erfahren, dass Kolleginnen und Kollegen davon betroffen gewesen wären.

Vielen Dank für das Gespräch.

18.03.2018Interviews