Ballett am Bildschirm 2

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Ballett am Bildschirm 2

Folge 2 von »Ballett am Bildschirm« wartet mit einer Seltenheit auf. Oder kennt jemand das Ballett »Excelsior«? Es handelt unter Anderem von der Erfindung der Elektrizität und davon, dass vergnügte Menschen an der Weser beim Anblick des ersten Dampfschiffes in großer Furcht fliehen, weil sie meinen, da käme der Satan selbst geschwommen…

Das Ballett »Excelsior«  feiert den Sieg des menschlichen Geistes und seine Erfindungen. Dieses Ballett-Spektakel aus Mailand, kennt man hierzulande so gut wie gar nicht. Und auch in Italien, wo es einst der Renner war, wird es nur noch an der Scala aufgeführt. Aber, wie gewohnt an diesem Haus, in höchster Qualität. Da lassen sich manche Banalitäten sogar regelrecht genießen.

»Excelsior«, ein Spektakel ungeahnten Ausmaßes mit 500 Mitwirkenden, Pferden und Elefanten auf der Bühne, wurde nach einem Libretto von Luigi Manzotti mit der Musik von Romualdo Marenco im Januar 1881 an der Mailänder Scala uraufgeführt: ein Riesenerfolg, über 100 Vorstellungen, weitere Einstudierungen, nicht immer mit gleichem Aufwand, an der Scala bis 1916. In Paris wurde mit »Excelsior« 1883 das Eden Theater eröffnet, damals das größte und modernste der Hauptstadt Frankreichs. Zwei Jahre später waren die Londoner hin und weg; das Stück wurde in Her Majesty’s Theatre aufgeführt. Aber dann, nach dem Ersten Weltkrieg, wurde es still um das große Ballett-Spektakel des Fortschritts und der hymnischen menschlichen Verbrüderung. Als Fassung für Marionettentheater wurde es in Italien zu einer Art Kultstück, aber das war 1956 vorbei, als das Marionetten-Theater in Mailand schloss. Doch dann, knapp zehn Jahre später, war es in Florenz in neuer Fassung von Fiorenzo Carpi und Bruno Nicolai zur 30. Auflage des berühmten Festivals Maggio musicale fiorentino wieder da und wurde als getanztes Dokument italienischer Kultur vom Ende des 19. Jahrhunderts gefeiert.

»Excelsior« gab es dann an verschiedenen Theatern Italiens, seit 1975 auch wieder an der Scala. Nach längerer Pause wurde es in der Saison 2001/2002 wieder aufgenommen; der Life-Mitschnitt einer Aufführung von 2002 aus dem Teatro Arcimboldo, das die Scala 2002 als Interimsstätte während Renovierungsarbeiten nutzte, liegt als DVD vor.*

Und worum geht es? Kurz gesagt, um den Kampf zwischen Licht und Finsternis, zwei allegorischen Gestalten, wunderbar getanzt von Marta Romagna und Riccardo Massimi in bester neoklassischer Manier mit ein paar Anleihen aus der Kunst des Ausdruckstanzes. Riccardo Massimi als eine Art schwarzer Orpheus, vom Kostüm her auch an Gevatter Tod erinnernd, versucht immer wieder, das Licht des Fortschritts zu behindern, auszulöschen, die Menschheit daran zu hindern, die großen Erfindungen zu feiern. Nicht schwer zu erraten, dass er in einer Lichtgestalt eine starke Gegnerin hat, die – auch das konnte man erwarten – am Ende siegt.

Was in der Dunkelheit der spanischen Inquisition beginnt, endet nach der Erfindung der Dampfschifffahrt, dem Bau der Brooklyn Bridge in New York, Alessandro Voltas Erfindung der Elektrizität, einem Sieg über die Naturgewalten eines Wüstensturmes, dem Bau des Suez-Kanals und der letzten Sprengung beim Bau des Tunnels durch den Censio, der Verbindung Frankreichs mit Italien – mit der Apotheose des menschlichen Geistes. Und weil es auch um die Befreiung der Menschheit geht, gibt es einen kraftvollen Sklaven, von keinem Geringeren als Roberto Bolle getanzt, der natürlich mit einer Lichtgestalt des Tanzes, wie sie die Romagna ist, einen Grand Pas de deux vom Feinsten präsentiert. Diese getanzte Hommage an den Fortschritt, getragen von pathetischen Idealen der Weltverbrüderung, bietet beste Anlässe für entsprechende folkloristisch geprägte Szenen in der Art üppiger Divertissements. Da nimmt man schon mal manche der unkritischen Banalitäten des Fortschrittsglaubens gerne hin, die uns aus heutiger Sicht geradezu blauäugig erscheinen mögen, aber am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts von großer Bedeutung gewesen sein müssen.

Getanzt wird in der choreografischen Einstudierung von Ugo Dell’Ara wie eigentlich immer an der Scala, nämlich hervorragend. Elefanten und Pferde gibt es nicht mehr auf der Bühne, dafür aber ein opulentes Bühnenbild und ebenso prächtige Kostüme. Die Aufzüge mit den Fahnen der Weltnationen erinnern aber doch ein wenig sehr an Großveranstaltungen des Sports. Die Musik strotzt nicht grade vor genialen Einfällen, schmettert und schmalzt gewaltig, erfüllt immerhin ihren Zweck mitunter wie ein üppiger Filmsound und wird unter der Leitung von David Coleman ansprechend und schon mal mächtig, gewaltig mitreißend gespielt. David Coleman gilt ja als einer der gefragtesten Ballettdirigenten weltweit, und da kann es gar nicht anders sein, dass er auch immer wieder gern in Dresden bei Aufführungen des SemperoperBalletts am Pult der Staatskapelle begrüßt wird.

Ich hatte mir damals diese Aufnahme wegen des Startänzers Roberto Bolle zugelegt, den die italienische Presse schon bald nach seiner Ernennung zum Primo Bellerino der Mailänder Scala im Jahre 1996 als „Stolz Mailands“, als „aufregendster Star der Scala“ feierte, nachdem ich diesen Ausnahmetänzer erstmals 1998 erleben durfte. In der Gala des Ballett Dresden, damals unter der Direktion von Vladimir Derevianko, tanzte er mit der Australischen Tänzerin Margaret Illmann, Erste Solistin beim Stuttgarter Ballett, den Pas de deux der Odette und des Prinzen Siegfried zum Adagio aus dem zweiten Akt des Balletts »Schwanensee« von Peter Tschaikowski. An diesem Abend dieser noch immer in meinen Erinnerungen so sagenhaften Ballett-Gala in Dresden ließ auch der junge Rex Harrington die damals schon weit über 60jährige Carla Fracci als Tatiana in John Crankos »Onegin« im Pas de deux aus dem 3. Akt über die Bühne der Semperoper schweben.

Um diese Ausnahmetänzerin, in Italien gerne in großer Verehrung „Carla nazionale“ genannt, wird es in einer der nächsten Ballettempfehlungen am Bildschirm gehen, nämlich um Aufnahmen des romantischen Balletts »Giselle«, u.a. in einer der großartigsten Aufnahmen mit Carla Fracci in der Titelrolle und Eric Bruhn als Albrecht. Bis dahin!

Luigi Manzotti/Romualdo Marenco: Excelsior
Label: Arthaus Musik
Veröffentlicht: 11.01.2010
Dauer: 120:00
Aufnahme: 2002

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14.04.2020Neue Aufnahmen