„nicht immer adäquate tänzerische Gestaltung“

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„nicht immer adäquate tänzerische Gestaltung“

Ausnahmsweise gibt es heute mal nichts zu sehen, also kein »Ballett am Bildschirm«, dafür CD-Empfehlungen zum Hören, natürlich mit  Erinnerungen an Ballettaufführungen zu Musik von Dmitri Schostakowitsch, die in Dresden zu sehen waren – oder eben auch (noch) nicht.

Hätten nämlich in diesem Jahr die Internationalen Schostakowitsch Tage wie geplant im Kurort Gohrisch stattfinden können, hätte dort eine choreografische Uraufführung der finnischen Rakkaelio Tanzcompagnie mit dem Titel »op. 110« stattgefunden.

Kenner werden es wissen: bei der Opuszahl geht es um das Streichquartett Nr. 8 c-Moll, das Schostakowitsch 1960 in Gohrisch komponiert hatte. Der Komponist war hier wegen der Dreharbeiten zu dem Film »Fünf Tage – Fünf Nächte«, einer Gemeinschaftsproduktion der DEFA und der sowjetischen Mosfilm.

In diesem, von der Kritik als historisch ungenau, umständlich erzählt, schwach inszeniert und als zu vordergründig befundenen Film, geht es um die Rettung der Dresdner Kunstschätze vor den Bombenangriffen. Schostakowitsch widmete sein Achtes Streichquartett, aus dem auch Passagen für seine Filmmusik übernommen wurden, den Opfern des Faschismus. Hoffentlich kann die Uraufführung an diesem Ort im nächsten Jahr nachgeholt werden!

Schostakowitschs Ballettkompositionen, zu denen auch fünf Ballettsuiten gehören, die stark von tänzerischer Rhythmik geprägt sind, regen auch immer wieder Choreografinnen und Choreografen zu Kreationen an. Wahrscheinlich ist es ergiebiger, sie in choreografischen Dialogen zu erleben als pur zu hören, denn da genügt eigentlich eine der fünf Suiten, um zu ahnen, wie die nächsten klingen werden. Passagen und Motive dieser Suiten kann man aus anderen Kompositionen kennen. Schostakowitsch stellte gerne immer wieder neue Bezüge zwischen seinen Werken her; da verstand er es, musikalische Genres schmissig und publikumswirksam zu mischen. Da kann also schon mal eine deftige Polka auf die nachempfundene Melancholie des Scherzos aus Tschaikowskis Vierter Sinfonie folgen. Ein regelrechter »Scherzwalzer« wird abgelöst vom wilden Tempo der atemberaubenden Taxifahrt durch Moskau aus der Operette »Moskau, Tscherjomuschki«.  

Allerdings sollten sich Choreografinnen oder Choreografen hüten, hier zu schnell aufzuspringen, sonst landet der Tanz sofort ganz vorne an der Rampe – und das im marschierenden Gleichschritt der Musik, die sich schon mal ganz gerne als Geschmetter sozialistischer Estradenklänge präsentiert.

In Dresden, beim Ballett der Sächsischen Staatsoper, wählte die Choreografin Emöke Pöstényi für die Uraufführung ihrer Kreation »Ballerina« am 31. Oktober 1984 im Großen Haus der Staatstheater, Schostakowitschs Musik seines 11. und 13. Streichquartetts, in einer Aufnahme des Dresdner Krauß-Quartetts. 

Friedbert Streller hob in seiner Rezension in der Sächsischen Zeitung die Besonderheit dieser Musik des „späten, des reifen Schostakowitsch“ hervor und betont zudem das hervorragende Spiel des Krauß-Quartetts.

In der Zeitung »Die Union« ist Ursula Materni von der „sensibel auslotenden“ Interpretation der Dresdner Musiker sogar dermaßen angetan, dass sie betont, diese Interpretation weise durch die Faszination des Klanges in der Auslotung psychologischer Tiefen des in Schostakowitschs Klängen zu vernehmendem schmerzvollem Lebensgefühls sogar über das Libretto und die Choreografie, die sich vor allem der tänzerischen Vergänglichkeit widmet, hinaus.

Fast genau zehn Jahre später, am 3. September 1994, zum Beginn der Ballettdirektion Valdimir Dereviankos an der Semperoper, feierte die Uraufführung der Choreografie »Erde« von Katarzyna Gdaniec zur Musik von Schostakowitschs Sinfonie für Streicher und Holzbläser op. 73a ihre Premiere, im Rahmen des Abends »Triptychon«. Bernd Hoppe befand damals im Magazin ORPHEUS, dass für ihn die beeindruckende Interpretation der Musik Schostakowitschs durch die Staatskapelle unter der Leitung von Hans-E. Zimmer in der Erinnerung blieb, wenn auch diese handlungslose Choreografie »Erde« im Gegensatz zu den anderen Kreationen dieses „Triptychon über das Leben“ – so die Dresdner Neuesten Nachrichten – am ehesten sich den musikalischen Dimensionen zu nähern vermochte.

Für Peter Zacher im Dresdner Stadtmagazin SAX wirkte das Ballett von Katarzyna Gdaniec zur Musik Schostakowitsch „kühl wie Stahl“, sie tanze „Phantasien subtilerer Erotik“. Zacher bemängelt aber insgesamt „tänzerische Ausflüge in die Beliebigkeit“. Offensichtlich konnte Schostakowitschs Musik die Choreografin nicht im rechten Maße anregen, denn auch im Hamburger Abendblatt kommt Monika Fabry zu dem Schluss: „Musikalisch war alles freilich im schönsten Lot“, aber in der Choreografie zu Schostakowitschs Musik, hier zu hören in einer Bearbeitung von Rudolf Barschai, die in Absprache mit dem Komponisten entstanden war, entdeckte sie „überlebt geglaubten russischen Stil“, und dies sogar, „dunkel, melodramatisch, bedeutungsschwanger und dennoch leer.“ Anders Dieter Zumpe in der Freien Presse, der durchaus in dieser Choreografie zu dieser „expressiven Sinfonie“ im „vom kalten Licht durchfluteten Raum, den Bert De Raeymaecker schuf“, sah, dass im „ständigen Ankommen und Weglaufen aus Situationen“, in dieser Choreografie große Gefühle und Facetten menschlichen Beziehungsreichtums aufgenommen werden, was ja nach seiner Meinung auch den Intensionen der Musik Schostakowitschs entspräche. Für Hartmut Regitz erschloss sich in der Stuttgarter Zeitung in dieser  „Schostakowitsch-Interpretation die Wandlungsfähigkeit eines jeden Gefühls: Ein Gang ins Innere des Ichs….wie eine Traumreise durch Raum und Zeit, von der niemand ahnt, wie sie endet.“ Gabriele Gorgas sieht in der Sächsischen Zeitung diese Choreografie zu Schostakowitschs Musik als „Konstellation rastlosen Suchens“. Und das, so die Autorin, „erinnert an Kafka: Abfahren ohne Ankommen, heimatlose Reisende, wo jede Bindung die Loslösung schon einschließt.“ In Dresdner Neueste Nachrichten betont Genia Bleier die „emotionsgeladene Musik“, zu der sie die Choreografin, die auch als Tänzerin selbst auf der Bühne steht, „als Reisende durch innere Welten und Beobachterin von Gefühlen“ sieht.

Und noch weitere Dresdner Ballett-Erinnerungen mit Choreografien zur Musik von Dmitri Schostakowitsch: 

Am 25. November 1967, anlässlich des 50. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, eröffnete das Leningrader Maly Theater, also das Staatliche Akademische Kleine Theater für Oper und Ballett, sein Gastspiel im Dresdner Großen Haus mit zwei Balletten zu Musik von Schostakowitsch.

Auf dem Programm zunächst das Ballett »Das Mädchen und der Rowdy« als choreografische Novelle in sieben Bildern von Alexander Belinski nach dem gleichnamigen Filmszenarium von Wladimir Majakowski, in der Choreografie und Inszenierung von Konstantin Bojarski. Gespielt wurde die Ballettbearbeitung der Filmmusik, die Schostakowitsch für den Stummfilm 1918 geschrieben hatte, übrigens nicht von der Staatskapelle, sondern vom Staatlichen Sinfonieorchester Thüringen aus Gotha unter der Leitung von Jewgeni Kornblit.

In diesem Ballett geht es um eine recht simple Geschichte von eben jenem eigentlich sympathischen Rowdy dem es durch die Liebe einer Lehrerin gelingt, sich von seiner schädlichen Umgebung abzuwenden, um am Ende geläutert in den Armen der Geliebten zu sterben.

Im Vorfeld des Gastspiels war man sich in der Dresdner Presse einig: zu erwartet sei „hervorragende Ballettkunst“, so frohlockte der Kritikerkollege des Sächsischen Tageblatts; für dieses Organ war dann auch in der begeisterten Rückschau das „Maly-Ballett ganz groß“. Die Sächsische Zeitung beschreibt den stürmischen Beifall nach der Eröffnungsvorstellung, bei der die sowjetischen Künstler herzlich begrüßt wurden von den „Veteranen der SED, den Räten des Bezirkes und der Stadt, natürlich, so in der Sächsischen Zeitung, „im Namen der Bevölkerung der Stadt Dresden“.

Zum ersten Teil des Abends, eben jenem Ballett vom geläuterten Rowdy, hielt man sich in dieser Zeitung zurück und begnügte sich mit einer Inhaltsangabe und der Anerkennung für den „tänzerisch kontrastreichen Stil“ der sieben Szenen. Kritischer Klingt es in den Sächsischen Neuesten Nachrichten, wenn es heißt: „Die wohlklingende, gefühlsbetonte und mit effektvollen Tänzen durchsetzte Musik kann das kolportagehafte, rührselige Sujet nicht überspielen.“ Gelobt werden männliche Sprungkraft und die weibliche Anmut der Leningrader Tänzerinnen und Tänzer sowie die musikalische Wiedergabe.

Karlheinz Ulrich in der Union, der ebenfalls die exakte, technische Beherrschung der Solisten hervorhebt, fragt sich aber, ob sein insgesamt eher zwiespältiger Eindruck der „wenig charakterisierenden Musik“ oder der choreografischen Einbindung in den klassischen Stil anstelle einer hier notwendigen „realistischen Interpretationsart“ geschuldet ist. 

Im Sächsischen Tageblatt heißt es sogar, dass die Musik nicht zu den besten Werken Schostakowitschs gehöre, aber „tänzerisch dankbar“ sei. Das Libretto sei zwar „ehrlich gemeint“, sei aber nicht frei von „Naturalismen und Sentimentalitäten“, auch die getanzten „Gaunerklischees“ werden erwähnt. 

Vielleicht interessant in diesem Zusammenhang, dass drei Jahre zuvor dieses Ballett von den Laienkünstlern der Tanzgruppe des Hermann-Dunker-Ensembles des FDGB getanzt wurde.

Waren die kritischen Stimmen zum ersten Teil dieses Gastspielabends aus Leningrad nicht zu überhören, so besteht Einigkeit im Hinblick auf den zweiten Teil mit dem Ballett in vier Bildern »Die Elfte Sinfonie« von Igor Belski; jener Sinfonie Schostakowitschs in g-Moll op. 103 mit dem Beinamen »Das Jahr 1005«. Mit diesem 1957 uraufgeführten  Werk setzt der Komponist den Opfern des „Petersburger Blutsonntags“ ein Andenken, als die Palastwachen am Sonntag, dem 9. Januar (nach julianischem Kalender), dem 22. Januar 1905, nach gregorianischem Kalender, auf friedlich demonstrierende Arbeiter schossen. Zu den vier programmatischen Sätzen der Sinfonie, »Der Palastplatz«, »Der 9. Januar«, »Ewiges Andenken« und finalem »Sturmgeläut« schuf Belski sein sinfonisches Ballett mit den Symbolfiguren der Freiheit, der Hoffnung, der Verzweiflung und dem Jüngling, der am Ende niedergeschlagen am Boden liegt und, so in der Sächsischen Zeitung zu lesen, „die Kraft hat, sich wieder zu erheben. Bald steht er mit zahllosen anderen in einer Front, gegen deren Geschlossenheit die Truppen des Zaren ohnmächtig anrennen.“

Gelobt wird zudem die tänzerische Ausdeutung eines Meisterwerkes, bei dem der Choreograf „alle Mittel des Balletts“ einsetze, „vom klassischen bis zum Ausdruckstanz und der Pantomime“, was der Choreografie „eine große Skala von Ausdrucksmöglichkeiten“ gebe.

Und in einem Beitrag der Union heißt es: „In ihrem Weltanschaulichen Optimismus gehört die szenische Umsetzung der 11. Schostakowitsch-Sinfonie durch Igor Belski zweifellos zu den bedeutendsten interpretatorischen Leistungen, die in der Vorbereitung des 50. Jahrestages der Oktoberrevolution in der Sowjetunion entstanden.“ Dazu ist auch anzumerken, dass schon zwei Jahre zuvor, beim Gastspiel des Akademischen Großen Theaters S.M.Kirow in Dresden, Belskis choreografische Interpretation des ersten Satzes der 7. Sinfonie op. 60 in Dresden zu sehen war.

Nun war für den Rezensenten der Sächsischen Neuesten Nachrichten die Wirkung der Choreografie Igor Belskis zur Elften Sinfonie „bedrückend und eindringlich“. Vor allem, „wenn am Schluß die rotleuchtenden Freiheit mit erhobenen Armen vom Jüngling über alle Köpfe weg getragen wird und die Soldaten vor einem unüberwindlichen Menschenwall machtlos stehen, weht uns der Geist der künftigen siegreichen Revolution ahnend an.“

Das sah Karlheinz Ulrich in der Union etwas anders. Für ihn gab es sie zwar, diese Szenen von „dramatischer Verdichtung“, um dann doch festzustellen: „Aber der weit gespannte musikalische Bogen der Sinfonie mit breiten epischen Partien erlebt nicht immer adäquate tänzerische Gestaltung.“ Was für den Autor „ohne weitere Konzentration des musikalischen Werkes gar nicht möglich“ ist. Er bemängelte auch, dass die Gruppenführungen nicht immer kraftvoll und wuchtig genug seien. Und so fragte er sich, ob nicht die Mittel des künstlerischen Ausdruckstanzes, so sie denn „konsequent gestaltet“ seien, „dem dramatischen Geschehen des musikalischen Bildes nicht doch größere Dichte, geballtere Kraft, dramatischere Bewegung verleihen können.“ Im Sächsischen Tageblatt werden sogar „Elemente „der Mary-Wigmanschen Gruppentänze“ vermisst. Bemängelt werden hier auch „tänzerische Notlösungen“, die „nicht immer im Einklang mit der Musik stehen.“ Insgesamt aber, es bleibt dabei, würdiger als mit diesem Gastspiel konnte man des 50. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution nicht gedenken.

Eigentlich käme jetzt noch ein Ballettgastspiel, nämlich das des Bolshoi-Theaters aus Moskau, anlässlich der Tage der Kultur der UdSSR in der DDR, im Mai 1985, in der kurz zuvor wieder eröffneten Semperoper.

Weil es aber von diesem damals gezeigten ersten Ballett Schostakowitschs, »Das goldene Zeitalter« in der Fassung und Choreografie von Yuri Grigorovich eine Aufnahme vom Oktober 2016 mit dem Bolshoi.Ballett als DVD gibt, und weil es ursprünglich in diesem Ballett um eine Fußballmannschaft ging, in einem anderen mit dem Titel »Der Bolzen«, auch als DVD erschienen, alles weitere demnächst in einer neuen Folge von »Ballett am Bildschirm«: Fußball, Frühsport, Spitzentanz und Schostakowitsch!

Und nicht zu vergessen, wieder einmal, großen Dank für die Hilfe bei dieser Erinnerungsarbeit an die Leiterin des Historischen Archivs der Staatstheater, Janine Schütz!

10.10.2020Neue Aufnahmen