
HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden protestierte kürzlich gemeinsam mit elf weiteren Produktionshäusern und Spielstätten in Dresden, Leipzig und Chemnitz gegen die im Regierungsentwurf zum sächsischen Doppelhaushalt 2027/28 vorgesehenen Kürzungen bei der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Nach dem derzeitigen Entwurf sollen deren Fördermittel um rund die Hälfte reduziert werden. Für die Freien Künste in Sachsen hätte dies verheerende Folgen.
Für HELLERAU und die anderen Produktions- und Gastspielhäuser ist die Kulturstiftung eines der wichtigsten Förderinstrumente des Freistaates. Sie ermöglicht Künstlerinnen und Künstlern, freien Gruppen und Companys, neue Arbeiten zu entwickeln und zu produzieren. Zugleich bildet ihre Förderung häufig einen entscheidenden Baustein in Finanzierungen, an denen Kommunen, der Bund, private Stiftungen und weitere Partner beteiligt sind. Fällt dieser Baustein weg, steht deshalb vielfach nicht allein die Landesförderung infrage. Auch andere bereits zugesagte oder mögliche Mittel können nicht mehr abgerufen werden.
Die Größenordnung dieser Förderung ist erheblich. Die Kulturstiftung unterstützt derzeit jährlich rund 900 Vorhaben mit mehr als fünf Millionen Euro. Allein über ihre allgemeine Projektförderung wurden 2026 mehr als 370 Kunst- und Kulturprojekte in Sachsen mit insgesamt rund 3,6 Millionen Euro gefördert. Nach Angaben der Stiftung erreichten die von ihr unterstützten Projekte zuletzt rund 1,3 Millionen Besucherinnen und Besucher; etwa 16.000 Künstlerinnen und Künstler waren daran beteiligt.
Für ein Haus wie HELLERAU sind solche Förderstrukturen unmittelbar mit der künstlerischen Arbeit verbunden. Produktionshäuser stellen ja nicht nur Bühnen für bereits fertige Arbeiten bereit. Hier entstehen Produktionen, Künstlerinnen und Künstler recherchieren und proben, internationale Partner arbeiten zusammen, neue ästhetische Formen werden erprobt. Die Programme verbinden lokale und sächsische Akteurinnen und Akteure mit überregionalen und internationalen Netzwerken. Festivals und thematische Schwerpunkte entstehen dabei regelmäßig aus Finanzierungen verschiedener Partner. Mittel der Kulturstiftung helfen deshalb auch, zusätzliche Gelder nach Sachsen zu holen.
Eine Kürzung in der vorgesehenen Größenordnung würde diesen Zusammenhang empfindlich treffen. Weniger Förderung bedeutet nicht einfach weniger Projekte auf dem Papier. Sie bedeutet weniger Produktionsmöglichkeiten für freie Künstlerinnen und Künstler, weniger Gastspiele, weniger internationale Zusammenarbeit und letztlich ein kleineres kulturelles Angebot für das Publikum. Besonders schwer wiegt dies dort, wo alternative Finanzierungsmöglichkeiten ohnehin begrenzt sind. Betroffen wären deshalb nicht nur die großen Städte, sondern ebenso Kulturangebote im ländlichen Raum.
Die Freie Szene hat sich in Sachsen seit 1990 zu einem eigenständigen und wesentlichen Teil der Kulturlandschaft entwickelt. Produktionshäuser und freie Spielstätten ergänzen die kommunalen und staatlichen Theater und Orchester um andere Arbeitsweisen: Künstlerische Teams finden sich für einzelne Projekte zusammen, Häuser kooperieren über Stadt- und Landesgrenzen hinweg, Produktionen entstehen unabhängig von festen Ensembles und werden an unterschiedlichen Orten gezeigt. Gerade für diese Arbeitsformen ist eine verlässliche Projektförderung unverzichtbar.
Die geplanten Einsparungen treffen deshalb einen Bereich, dessen finanzielle Größenordnung im Landeshaushalt vergleichsweise klein ist, dessen Wirkung jedoch immens ist. Die Mittel der Kulturstiftung setzen weitere Finanzierungen in Gang, ermöglichen Kooperationen und halten ein Netzwerk von Künstlerinnen und Künstlern, Produktionsorten und Initiativen arbeitsfähig. HELLERAU hat deshalb gemeinsam mit LOFFT – DAS THEATER, villa\wigman, Societaetstheater Dresden, Zentralwerk Dresden, projekttheater Dresden, Schaubühne Lindenfels, Westflügel Leipzig, Cammerspiele Leipzig, Ostpassage Theater Leipzig, TANZ I MODERNE I TANZ Choreographisches Zentrum Chemnitz und der OFF-Bühne KOMPLEX den Sächsischen Landtag aufgefordert, die vorgesehenen Kürzungen im parlamentarischen Verfahren zu korrigieren.
Die Kulturstiftung ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass freie künstlerische Produktion in Sachsen möglich bleibt. Diese Struktur zu erhalten bedeutet, Künstlerinnen und Künstlern weiterhin Arbeit in Sachsen zu ermöglichen und dem Publikum im gesamten Freistaat eine vielfältige, gegenwärtige Kunst- und Kulturlandschaft zu sichern.
Für HELLERAU hat diese Entwicklung übrigens noch eine weitere politische Dimension. Seit Jahren fordert die Dresdner AfD, die öffentliche Förderung des Hauses zurückzufahren oder ganz einzustellen. In ihrem Kommunalwahlprogramm 2019 erklärte sie die „umfangreiche Förderung für das Festspielhaus Hellerau in seiner jetzigen Konzeption“ ausdrücklich für „nicht gerechtfertigt“; der damalige AfD-Stadtrat Gordon Engler sprach sich damals sogar dafür aus, die Finanzierung zu stoppen. Nun droht ausgerechnet der Haushaltsentwurf der Staatsregierung einen Teil dieses politischen Ziels Realität werden zu lassen – ohne dass die AfD dafür auch nur einen eigenen Beschluss durchsetzen müsste. Wenn die Förderung der Kulturstiftung um bis zu 50 Prozent gekürzt wird, verliert HELLERAU einen wichtigen Baustein seiner Projekt- und Kofinanzierung; zugleich werden genau jene freien Strukturen geschwächt, deren Arbeit die AfD seit Jahren politisch angreift. Es wäre eine bittere Ironie, wenn die demokratischen Parteien im Zuge einer Haushaltskonsolidierung selbst vollzögen, wofür die AfD in Dresden seit Jahren wirbt.
(mit Material einer von den Produktionshäusern gemeinsam veröffentlichten Pressemeldung)