Zum Tod des Dresdner Komponisten und Kontrabassisten Rainer Hrasky
Die musikalische Geschichte vom kleinen, hässlichen Vogel, der nur in der Nacht singt und dem die Gemeinschaft seiner Artgenossen diesen wunderschönen Gesang nicht zutraut, ist wohl das meist gespielte Stück des Komponisten Rainer Hrasky geworden. In der Erzählung des bekannten Leipziger Autors Werner Heiduzcek hört die Sonne fast auf zu scheinen, weil sie nicht herausfinden kann, wer in der Nacht so schön singt! Adler und Habicht geraten böse aneinander, während der Mond traurig ist, dass er im Moment des wunderschönen Liedes „nur halb“ ist. Hrasky hat das – damit an die Tradition von Prokofjews »Peter und der Wolf« anknüpfend – für Kammerorchester mit Sprecher gesetzt, später kam eine Fassung für Orgel hinzu, die der bekannte Dresdner Schauspieler Fiete Junge 2024 mit Torsten Göbel in Meißen vorgestellt hat.

Wie aus dem Kreis seiner Familie verlautet, ist Rainer Hrasky, geboren am 4. Februar 1943, am 18. September dieses Jahres in seinem letzten Wohnort Auerbach im Vogtland verstorben.
Die Biografie des durch seine Geburt und spätere Tätigkeit als langjähriger Solokontrabassist des Staatlichen Sinfonieorchesters vor allem mit Riesa sehr verbundenen Musikers ist eng mit der Ausbildung und dem Musikleben in Dresden verwoben. Bei Heinz Herrmann studierte Hrasky zunächst zwischen 1958 und 1963 Kontrabass. Gleichzeitig belegte er im Nebenfach das Fach Komposition bei Walter Bänsch und Johannes Paul Thilmann. Zwischen 1972 und 1975 studierte er Komposition bei Manfred Weiss, parallel bereits zu seiner Tätigkeit in Riesa, wo er zwischen 1963 und 1980 die Soloposition der Kontrabässe beim Staatlichen Sinfonieorchester bekleidete. In den Jahren danach schloss sich ein Studium im Fach Orchesterdirigieren bei Rudolf Neuhaus und Siegfried Kurz sowie ein Meisterklassenstudium Komposition bei Rainer Kunad an. Zunehmend leitete Hrasky Aufführungen seiner eigenen Kompositionen und wollte sich deshalb entsprechend qualifizieren.
Als Komponist hatte sich Hrasky da bereits einen Namen gemacht. Viele seiner Werke wurden in Riesa und auch in Radebeul uraufgeführt. Gotthardt Lienicke, Joachim Widlak, Gottfried Hellmundt und Jürgen Wirrmann, später auch Peter Fanger waren die Dirigenten der ersten großen Orchesterkompositionen, der »Toccata« von 1973, der »Gedanken der Liebe« nach Georg Maurer von 1984, des Paukenkonzertes »Valete« von 1986, der »Legenden I und II« von 1985 sowie weiterer Solokonzerte.
Neben verschiedenen Aufführungen kleiner besetzter Werke in der Kammermusiken der Sächsischen Staatskapelle und der Dresdner Philharmonie ragen insbesondere zwei große Uraufführungen heraus: Am 10. Mai 1983 erklang im 3. Aufführungsabend der Staatskapelle unter Wolfgang Wappler die 2. Sinfonie. Vier Jahre später dirigierte Hans Vonk am 17. und 18. November 1988 im 3. Sinfoniekonzert die »Chaconne für Orchester« zum Gedenken an den 50. Todestag von Ernst Barlach. Beide Aufführungen hatten in der damaligen Dresdner Presse ein lebhaftes Echo, unter anderem von Friedbert Streller, dem stetigen Begleiter des Neuen in den Dresdner Konzerten dieser Zeit. Beim heutigen Konzerthausorchester in Berlin erklang 1990 ein »Konzert für Orgel und Orchester«. Kurze Zeit später wurde in der Dresdner Lukaskirche und in einem Busdepot der Stadt Hof unter Peter Fanger das Oratorium »Mater terra« mit verschiedenen Chören und dem Riesaer Orchester uraufgeführt. Es wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. 1993 folgte die »Legenda III«, ein sinfonisches Poem zur Christophorus-Legende, diesmal unter Hraskys eigener Leitung. Seine Musik wurzelte in den Impulsen seiner Lehrer und der polnischen Avantgarde. Aleatorische Flächen und aufwühlende Orchestertutti prägten seine Sprache, die aber auch zu zarten Tönen fähig war, insbesondere in den beiden Märchen für Kinder »Der hässliche Vogel« und »Jana und der kleine Stern«. Neben Aufführungen bei vielen deutschen Orchestern erklangen Hraskys Werke auch in Polen, Tschechien, Ungarn, in der Schweiz, den USA und Japan.
Dennoch wurde es nach 1990 für Hrasky zunehmend schwer, weiter als freischaffender Komponist tätig zu sein. In einem Interview berichtete er von den großen Schwierigkeiten, weiterhin Musik aus Ostdeutschland zum Erklingen zu bringen und von seinen Bemühungen, nunmehr vor allem musikpädagogisch tätig zu werden. Im vogtländischen Auerbach fand er eine neue Aufgabe und gründete unter anderem eine Kompositionsklasse für Kinder und Jugendliche an der dortigen Musikschule.
Im Auftrag des Fördervereins des Riesaer Orchesters legte Hrasky 1993 eine Orchesterchronik vor, die dringend einer Fortsetzung bedürfte und insbesondere die vielen Windungen und Wendungen im Zuge der verschiedenen Orchesterfusionen beleuchten sollte.

In den Dokumenten, die Hraskys Tochter Christiane, selbst als Landeskantorin im Norden Deutschlands tätig, gefunden hat, ragen zwei Programmhefte besonders heraus, die viel von der Lebendigkeit gerade der neuen Musik an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber vor dem Mauerfall erzählen. In einem den Partnerstädten Dresden und Leningrad gewidmeten Kammerkonzert kamen am 4. Oktober 1989 Werke von Wolfgang Strauß, Rainer Hrasky, Rainer Lischka, Sergej Slonimskij und Anatolij Koroljow zur Aufführung. Und beim Konzert des Studios für Neue Musik am 27. Mai 1982 erklangen nicht weniger als sieben bedeutende Kammermusiken von Thomas Hertel, Juro Mĕtšk, Rainer Hrasky, Eckehard Mayer, Wilfried Krätzschmar, Christian Münch und Jörg Herchet. Die Ausführenden lesen sich wie das who is who der damaligen Dresdner und Leipziger Orchesterszene, die sich mit zeitgenössischer Musik auseinandersetzte. Von E. Haupt über A, Lorenz, H. Rucker. U. Vincze, M. Sannemüller, Th. Käppler, dem Siering-Quartett bis hin zu gleich zwei herausragenden Pianisten G. Erber und B. Caspar fehlt kaum jemand, der sich damals engagiert für seine Zeitgenossen eingesetzt hat. Nicht weniger als 31 Namen zieren die Besetzungsliste – was für ein wunderschönes Dokument der Förderung neuer Musik in Dresden!
Ich begegnete Rainer Hrasky im Rahmen unseres gleichzeitigen Studiums bei Siegfried Kurz. In den letzten Jahren kam es zu erneuten Begegnungen im Rahmen der Kinderkonzerte mit der Elbland Philharmonie Sachsen, in denen beide musikalische Märchen erklangen: Jenes von Prokofjew ebenso wie das über Hraskys und Heiduczeks Nachtigall, deren Schöpfer nun verstummt ist. Seine Musik erzählt eine Menge über die Zeit des Aufbruchs, auch des Widerstands in den 70-er und 80-er Jahren. Lassen wir diese Erinnerung nicht verstummen!