
Die 17. Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch spüren dem Einfluss jüdischer Musik im Werk Schostakowitschs nach
Die Cellistin Natalia Gutman hat den Preis bekommen, das Borodin-Streichquartett, der Geiger Gidon Kremer und eine Handvoll höchstrangiger Komponisten und Dirigenten. Diesen Sommer wird der 1945 in Tbilisi geborenen Pianistin Elisabeth Leonskaja der Gohrischer Schostakowitsch-Preis verliehen, wie das Team der Schostakowitsch-Tage heute in Dresden bekannt gab.
Viele weitere prominente Künstlerinnen und Künstler sind am diesjährigen Programm beteiligt: Gidon Kremer und seine Kremerata Baltica musizieren zur Eröffnung Werke von Schostakowitsch, darunter die Streichorchesterfassung des in Gohrisch entstandenen 8. Streichquartetts, Schnittke und dem lettischen Zeitgenossen Pēteris Vasks. Solistin in dessen Meditation „Einsamer Engel“ ist Vineta Sareika, ehemalige Primaria des Artemis Quartetts und bis 2025 Konzertmeisterin der Berliner Philharmoniker. In einem Kammerabend gastiert erneut das renommierte Quatuor Danel, diesmal mit Streichquartetten von Schostakowitsch, Weinberg und Mendelssohn.
Elisabeth Leonskaja selbst, die noch mit Schostakowitsch zusammenarbeitete, wird am Festivalsamstagnachmittag mit den vier Tausendsassas des Quatuor Danel musizieren. Am selben Abend wird sie ein weiteres Mal in der Konzertscheune zu hören sein: mit Schostakowitschs 2. Klaviersonate, auf die die Streichoktette von Schostakowitsch und Mendelssohn folgen. Hierfür wurde ein einzigartiges Ensemble zusammengestellt, das Vadim Gluzman (Violine), Nils Mönkemeyer sowie Mitglieder der Kremerata Baltica und der Sächsischen Staatskapelle vereint.
Am sächsischen Themenjahr TACHELES beteiligen sich die Internationalen Schostakowitsch Tage mit Schostakowitschs 13. Sinfonie „Babi Jar“ ebenso wie mit dem 2. Klaviertrio, dem 4. Streichquartett und dem Liedzyklus „Aus jiddischer Volkspoesie.“
Jüdische Zeitgenossen, Klassiker und eine Neuentdeckung
Von besonderer Bedeutung waren für Schostakowitsch die Werke Gustav Mahlers, den er als Vorbild verehrte, und die seines Freundes Mieczysław Weinberg, dem er nach dessen Flucht vor den Nationalsozialisten 1943 in Moskau dauerhaften Aufenthalt ermöglichte. Werke beider Komponisten stehen auf dem diesjährigen Programm – ebenso wie Kompositionen von Alfred Schnittke, der Schostakowitschs Erbe als Vertreter einer jungen sowjetischen Avantgarde weitertrug; von Erwin Schulhoff, dessen vielversprechende Karriere in Dresden begann und 1942 viel zu früh im Internierungslager Wülzburg (Bayern) tragisch endete; außerdem von Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen Wirken als Gewandhauskapellmeister von Leipzig aus weit in die Musikwelt ausstrahlte.
Der Weißrusse Lew Abeliowitsch (1912-1985) studierte in Warschau und floh 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen mit seinem Kommilitonen Mieczysław Weinberg über Minsk nach Moskau. Dort ließ er sich – wie Weinberg – durch das Umfeld von Schostakowitsch und David Oistrach inspirieren. 1951 kehrte infolge der Antisemitismus-Kampagne Stalins nach Minsk zurück, wo er bis zu seinem Tod 1985 kompositorisch tätig war. Anders als die Musik seines Freundes Weinbergs, dem er mehrere Werke widmete, harrt sein Schaffen jedoch nach wie vor der Entdeckung. Der Pianist Rostislav Krimer betreut den Nachlass und hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen vergessenen Komponisten ins Bewusstsein zu bringen. Gemeinsam mit Nils Mönkemeyer (Viola), Elli Choi (Violine) und Friedrich Thiele (1. Konzertmeister der Violoncelli der Sächsischen Staatskapelle Dresden) wird er einige Kammermusikwerke Abeliowitschs in Gohrisch als Europäischen Erstaufführungen vorstellen.
Ingo Metzmacher am Pult der Staatskapelle
Vadim Gluzman ist auch der Solist der Aufführungsmatinee der Sächsischen Staatskapelle Dresden, des Patenorchesters der Schostakowitsch-Tage, das diesmal unter der Leitung von Ingo Metzmacher musiziert. Metzmacher kehrt nach vielen Jahren ans Kapellpult zurück und dirigiert Werke von Schostakowitsch (Violinsonate op. 134 in einer Orchesterfassung von Krzysztof Meyer), Weinberg sowie den „Cantus in Memory of Benjamin Britten“ von Arvo Pärt – eine Hommage an den britischen Komponisten und Schostakowitsch-Freund, der vor 50 Jahren verstarb. Das Abschlusskonzert gestalten viele der genannten Künstlerinnen und Künstler gemeinsam mit Onute Gražinytė (Klavier), Paul Moosbrugger (Soloklarinettist der Sächsischen Staatskapelle) und den Gesangssolisten Sarah Gilford, Hagar Sharvit und Lukas Schmidt. Werke von Prokofjew, Mahler, Schnittke und Schulhoff sowie Schostakowitschs Vokalzyklus „Aus jiddischer Volkspoesie“ unterstreichen hierbei noch einmal das Festival-Motto TACHELES.
Buchvorstellung und Sonderkonzert
Teil des Programms in Gohrisch ist auch eine Buchpräsentation, bei der die Autorin und Filmemacherin Elena Yakovich ihr 2025 erschienenes Buch „Zu zweit. Irina Antonowna Schostakowitsch – Mein Leben mit Dmitri Schostakowitsch“ vorstellt. Dieses basiert auf raren Interviews mit der Witwe des Komponisten und Schirmherrin des Festivals. Der gleichnamige Dokumentarfilm kam bereits 2024 in Gohrisch zur Europäischen Erstaufführung.
Den Vorabend der Schostakowitsch-Tage gestaltet erneut die Sächsische Staatskapelle Dresden mit einem Sonderkonzert im Dresdner Kulturpalast (24. Juni 2026 – Tickets über staatskapelle-dresden.de). Philippe Jordan, designierter Chefdirigent des Orchestre National de France, leitet Aufführungen des 2. Violinkonzertes mit der Solistin Isabelle Faust sowie der 10. Sinfonie, die Schostakowitsch 1953 als musikalische Abrechnung mit dem Stalin-Regime komponierte.
(mit Material der Schostakowitsch-Tage)

