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Die Semperoper gehört jetzt ins Museum

In den Staatlichen Kunstsammlungen wird der Beweis angetreten: Eine Brauerei gibt’s nicht mal hinter den Kulissen der Oper.

Die Semperoper ist vermutlich das meistfotografierte Bauwerk in Dresden, ach was, im ganzen tiefen Elbtal. Kaum ein Tourist geht daran vorbei, ohne die Kamera oder zumindest das Handy zu zücken. Auch drinnen bei Oper, Ballett und Konzert leuchten die Bildschirme auf, mitunter sogar vollkommen schamlos selbst während der Vorstellung, und sowieso in den Pausen sowie bei Führungen durchs Haus.

In besonderer Weise angetan von diesem Theaterbau zeigt sich die 1944 geborene Künstlerin Candida Höfer. Von ihr, der bei der Biennale in Venedig ebenso wie auf der documenta präsenten Grande Dame der deutschen Fotokunst, weiß man allerdings, dass es nie um Schnappschüsse geht. Ganz im Gegenteil: Candida Höfers Aufnahmen sind bestens geplante Projekte, bestechen mit absoluter Tiefenschärfe, denn die dem zugrundeliegenden Mehrfachbelichtungen sind ihr Markenzeichen. 

Großformatige Ablichtungen der Semperoper sind nun im Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in der Sonderausstellung »Candida Höfer: Kontexte. Eine Dresdner Reflexion« zu sehen. Eine Schau, in der die beiden wohl berühmtesten touristischen Anziehungspunkte der Stadt und sicherlich auch deren künstlerische Leuchttürme – eben Semperoper und Staatliche Kunstsammlungen – miteinander verbindet. Gezeigt werden 14 Aufnahmen aus den Innenräumen von Oper und Theaterwerkstätten, ausschließlich Bilder ganz ohne lebendes Personal. Die Fotografin mochte gar nicht viel dazu sagen, sie lässt lieber die Bilder sprechen: „Weil halt diese Semperoper in Dresden steht und ich nicht daran vorbeigehen konnte ohne zu fotografieren“, begründet sie den Auslöser dieser Bildserie.

Opernintendant Peter Theiler war sofort fasziniert von diesen menschenleeren Einblicken in sein Haus. Der leere Zuschauerraum, die nackten Foyers, die Bühne, die Werkstätten: „Ich bin begeistert. In der Regel kennt man die Semperoper ja als Repräsentationsbau, das meistfotografierte Haus von außen und von innen, aber meistens mit einer Publikumssituation. Also immer mit Menschen, ein Theater ist ja nur dann wirklich lebendig, wenn Menschen da sind. Das Faszinierende bei dieser Zusammenarbeit mit Candida Höfer ist, dass sie eine Spezialistin ist, sich für den Blickwinkel von leeren Räumen interessiert, die sonst bevölkert sind.“

Ein Theater ganz ohne Menschen ist normalerweise für jeden Intendanten der Horror, ein Graus. Peter Theiler fühlt sich sogar an die Pandemie erinnert, sieht aber einen gravierenden Unterschied: „In der Corona-Zeit war es leer und dunkel. Hier ist es leer und hell.“

Candida Höfer, ein Albrecht Dürer unserer Zeit?

Die Ausstellung im Kupferstichkabinett heißt nicht von ungefähr »Candida Höfer: Kontexte. Eine Dresdner Reflexion«. Denn die zum Betrachten einladend tief gehängten Fotografien mit ihrer enormen Detailschärfe sind in einer spannungsvollen Korrespondenz mit ausgewählten Holzschnitten, Kupferstichen und Radierungen zu betrachten. Den Hintergrund erläutert Kuratorin Doreen Mende, die Leiterin der Forschungsabteilung am Haus: „Die Praxis von Candida Höfer wurde zur Linse, in diese exzellente Sammlung des Kupferstichkabinetts zu blicken, ihre Arbeitsweise ist ja in eine Kulturgeschichte der Raum- und Weltwahrnehmung eingebettet. Künstlerinnen und Künstler haben sich seit Jahrhunderten damit beschäftigt, wie Welt in Form eines Bildes artikuliert werden kann.“

Reizvolle Kontraste und eben auch Kontexte werden durch Arbeiten beispielsweise von Albrecht Dürer, Jan van der Straet und Giovanni Battista Piranesi geboten. Die Ausstellungsmacher haben ausgehend von Candida Höfers Fotografien die Sammlung des Kupferstichkabinetts gesichtet und eine Auswahl von Werken getroffen, die sich in der Kulturgeschichte mit Bild- und Raumproduktion befasst haben. Drei kreisrunde Holzschnitte von Albrecht Dürer korrespondieren etwa mit einem famosen Blick zu den Deckengemälden der Semperoper. Andere Blätter beziehen sich direkt auf inzwischen historische Kunstproduktion, ein direkter Reflex auf die Ansichten der Bühne sowie der Theaterwerkstätten. Candida Höfer hat dieser Kontrast uneingeschränkt zugesagt: „Es freut mich immer wieder, Bilder von mir zu sehen. Vor allen Dingen, weil sie mir sehr, sehr gut gefallen.“

Die Semperoper in diesem Kontrast wiederzufinden, das gefällt auch dem Intendanten Peter Theiler. Er verweist auf Gottfried Sempers historische Bezüge zur Renaissance und meint, dass alte Kupferstiche im Kontrast zum Opernhaus von heute ebenfalls eine starke Verknüpfung der Inhalte und Themen darstellten. Kuratorin Doreen Mende fühlt sich durch die Wirkung dieser Kontexte ebenfalls bestätigt und gibt sich überzeugt, „dass Candida Höfer zu den ganz, ganz großen Künstlerinnen und Künstler einer europäischen Kulturgeschichte gehört. Und wer sind die Albrecht Dürers unserer Zeit? Die Ausstellung würde darauf antworten: Candida Höfer.“

»Candida Höfer: Kontexte. Eine Dresdner Reflexion«, bis 21. Juni im Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, täglich außer dienstags von 10 bis 17 Uhr.

Im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König erschien eine Publikation mit Höfers Fotografien und den begleitenden Kunstwerken. Zudem wurde eine Edition »Semper Oper Dresden« mit drei Motiven dieses Projekts aufgelegt. Informationen über den Verein Freunde der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (freunde@skd.museum).