Erinnerungen an eine Ära

Clementine von Schuch-Proska und Ernst von Schuch (Foto: Karl-August Teich, Quelle: Deutsche Fotothek)

Solch ein musikalisches Jubiläum gibt es nicht alle Tage: Am 23. November vor 175 Jahren wurde der Dirigent und einstige Dresdner Hofkapellmeister Ernst von Schuch geboren. Keine Frage also, dass sich dieses Orchester in seiner heutigen Form als Sächsische Staatskapelle etwas einfallen lassen wollte und musste, um Maestro Schuch gebührend zu ehren.

Bereits am 6. November gab es ein von Schuchs spätem Nach-Nachfolger Christian Thielemann geleitetes Sonderkonzert im Dresdner Kulturpalast, das ganz im Zeichen der Künstlerfreundschaft zwischen Richard Strauss und Ernst von Schuch gestanden hat. Die Sopranistin Camilla Nylund gestaltete »Vier letzte Lieder«, das Orchester legte mit der Tondichtung »Ein Heldenleben« nach.

Eine sinnvolle Verbindung, denn Richard Strauss und Ernst von Schuch sind durch eine Künstlerfreundschaft par excellence verbunden gewesen. Über vier Jahrzehnte lang prägte der 1846 in Graz geborene Schuch die Dresdner Oper und die damals noch Königliche Kapelle. Von Richard Strauss wurde Schuchs Meisterschaft als „diskreter Begleiter“ in höchsten Tönen gelobt, denn der Kapellmeister machte Dresden mit den Tondichtungen sowie mit mehreren Opern von Richard Strauss bestens vertraut. Ausgangspunkte für eine lebenslang währende Künstlerfreundschaft.

Bis zu seinem Tod im Mai 1914 war Ernst von Schuch Generalmusikdirektor des Hauses. Er muss eine Blütezeit in Dresden erlebt haben, meint der Historiker Jürgen Paul: „Dresden war damals eine der vier Kulturmetropolen im deutschsprachigen Europa. Dresden wurde gerühmt als die schönste unter den deutschen Großstädten.“

Es dürfte aber nicht nur die Schönheit gewesen sein, die den 1846 in Graz geborenen Ernst von Schuch als aufstrebenden Mittzwanziger an die Elbe gezogen hat. Denn auch die Stadt Dresden dürfte 1905, im Jahr der Uraufführung von »Salome«, durchaus Kräfte gehabt haben, die „die im Konservatismus erstarrte Kultur überwinden wollten, die erneuern, weiterkommen, zu neuen Zielen aufbrechen wollten“, so Jürgen Paul.

Die Staatskapelle unter Schuch (Foto: Guido Schubert, 1902; Quelle: Deutsche Fotothek)

»Salome« war freilich nur eine der insgesamt neun in Dresden herausgekommenen Opern von Richard Strauss. Vier davon konnte Ernst von Schuch aus der Taufe heben. Der Dresdner Musikwissenschaftler Matthias Herrmann kennt die Gründe dafür: „Der entscheidende Garant für diese zweite Dresdner Strauss-Uraufführung nach »Feuersnot« war selbstverständlich Hofkapellmeister Schuch. Seiner suggestiven Überzeugungskraft ist es zu verdanken, dass 1909 »Elektra« und 1911 »Der Rosenkavalier« folgen konnten.“ Letztgenanntes Werk sorgte damals für überregionales Aufsehen. Aus Berlin fuhren sogar sogenannte Rosenkavalier-Züge zu den Vorstellungen nach Dresden. Matthias Herrmann konstatiert: „Man kann sagen, es war das wohl nachhaltigste europäische Opernereignis vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges.“ 

Auch Peter Gülke, einst ebenfalls Kapellmeister der Dresdner Staatsoper, hat sich als Dirigent und Musikschriftsteller gründlich mit dem Jubilar beschäftigt. Er zitiert einen zeitgenössischen Rezensenten, den er sehr ernst nimmt: „Zwei Züge fielen an Schuchs Vortragsweise auf: Ein bis zum nervösesten Raffinement gesteigerter Esprit und ein triebhaft wildes Temperament. Aller Esprit und aller Elan hatten in Schuch einen Interpreten, mit dem sich keiner vergleichen konnte.“

Postkarte, herausgegeben zur Uraufführung des »Rosenkavalier« 1910. Fotograf: Martin Herzfeld (auch der Fotograf des Titelbildes), Quelle: Deutsche Fotothek

Dieser Kapellmeister und Generalmusikdirektor Ernst von Schuch dürfte also ein Unvergleichlicher gewesen sein, der vier Jahrzehnte lang Dresdens Musikleben geprägt hat und übrigens von seinem Wohnort in Niederlößnitz (heute ein Stadtteil von Radebeul)  aus mit einem Sonderzug der Bahn, dem sogenannten Schuch-Zug, zu den Proben ins Dresdner Theater fuhr. Dem Andenken dieses Dirigenten widmet sich heute eine höchst rührige Familienstiftung, die dazu einen mit 2.000 Euro dotierten Ernst-von-Schuch-Preis gestiftet hat. Jüngster Preisträger ist der 1994 geborene Johannes Marsovszky. Die ursprünglich geplante öffentliche Auszeichnung musste im pandemiebedingt im kleinsten Kreise stattfinden.

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