Kulturgipfel, ein Traum?

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Kulturgipfel, ein Traum?

Ford, Opel, Golf sind sich gemeinhin so spinnefeind wie die noble Lufthansa und der irische Billigheimer namens Ryanair. Das ist beim durchdrehenden Ampelstart nicht anders als bei den teuren Vorfahrtsrechten im europäischen Luftraum. Die Vorstände derartiger Unternehmen würdigen sich gemeinhin keines Blickes. Ausnahmen dürfte es nur bei lobbyistischen Geheimabsprachen geben, über die sich alle Beteiligten umgehend einig sind, dass es sie nie gegeben haben wird.

Im Jahre C, so benannt nach einem fiesen Virus, das die Globalisierung im Weltumdrehen ganz neu definiert hat, gab es nun schon diverse hochkarätig besetzte »Gipfel«, in denen es um die darbende Auto- und Luftfahrtindustrie gegangen ist. Deutschland ist schließlich Autonation.

Von einem Kulturgipfel war indes noch nichts zu hören. Liegt das daran, dass sich Orchester und Chöre, Theater und Ballettcompagnien nicht gegenseitig zerfleischen? Und trotzdem noch immer nicht an einem gemeinsamen Strang ziehen?

Wer Ford verkauft, verkauft Ford. Wer Opel fährt, ist selber schuld. Wer Golf spielt, fährt zumeist teurere Autos. Und wer sowas fährt, unterstützt die Abgasbetrüger. Konzertbesucher hingegen gehen auch ins Ballett, ins Kino, lesen Bücher und besuchen Museen sowie Galerien. Theaterleute kannibalisieren sich nicht, auch wenn es da immer wieder und leider selbst jetzt noch gewisse Scheuklappen gibt, die nach wie vor zu Wahrnehmungsproblemen zwischen staatlich (also mit Steuergeldern von dir und mir und auch von Ihnen und Ihnen geförderten) und privat betriebenen Kultureinrichtungen führen. Doch eine wirkliche Neiddebatte kam da bislang nicht auf. Schließlich betreibt die eine wie die andere Einrichtung unterhaltsame bis aufklärerische Arbeit für die gesamte Gesellschaft. So ist es auch im Grundgesetz sowie in Staatsverträgen festgeschrieben.

Vom Recht auf Gasfuß und Vielfliegerei steht da hingegen nichts. Aus gutem Grund, wie anzunehmen ist. Da aber nach wie vor ein wachsendes Überangebot an immer größeren und immer schwereren und immer schnelleren, weil immer stärkeren Mobilen produziert wird, muss das den Leuten natürlich schmackhaft gemacht werden. Verschrottungsprämien sind zwar nicht gut für die Umwelt, subventionierter Kaufanreiz natürlich auch nicht, aber was soll’s. In diesen Punkten sind sich die Kanzel und ihre 16 Minipräsidenten ausnahmslos einig. Übrigens, verstörend genug, zumeist ohne parlamentarische Nachfrage.

Das Recht auf Kultur ist hingegen verfassungsrechtlich festgeschrieben. Und bei Kultur reden wir nicht von Unter-Haltung, sondern von Haltung und Lebens-Kultur. In diesen Tagen sogar von Überlebenskultur. Dummerweise wird das alles jetzt unter Freizeit und Hobby verbucht und also gestrichen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Wenn eine Pandemie den Kino-, Konzert- und Theaterbesuch gefährdet, müssen Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Aber wenn eine ganze Branche durch diese Maßnahmen auf der Kippe steht, muss ihr geholfen werden. Schnell und unbürokratisch. Schnell hieße etwa: eine Unterstützung, die „Novemberhilfe“ heißt, möglichst auch noch im selbigen Monat auszuzahlen. Und unbürokratisch? Hieße zum Beispiel, selbige Kulturschaffenden für die Auszahlung nicht erst ein Steuerzertifikat per Schneckenpost beantragen zu lassen, sondern in Härtefällen erst mal in Vorleistung zu gehen.

Unser sächsischer Mini übrigens? Der will im Januar die Gaststätten wieder öffnen. „Für den Bereich der Kultur werden wir sicher noch einen längeren Atem brauchen.“

04.12.2020Kolumnen