Kultur als Lebensmittel für den Innenweltschutz

Die Quittung für all die Wird-schon-nicht-so-schlimm-sein-Ignoranten, Quer- beziehungsweise Nicht-mehr-Denker und Verschwörungsköchler in ihren verantwortungslos „freiwilligen Infektionsgemeinschaften“ haben landauf, landab die Gastronomen und Veranstalter auf dem Tisch: Null Spielbetrieb seit dem 2. November. Bis Ende November, hieß es erst. Nun heißt es: bis zum 20. Dezember. Und dann darf es ein paar Tage lang den Ausnahmezustand von der „neuen Normalität“ geben?

Familiäres Kuscheln im Kauf- und Geschenkerausch ist angesagt, vor allem das im traditionslastigen Freistaat offenbar unverzichtbare Abfeuern von Böllern, Raketen und anderem Umweltmüll wird ministerpräsidial unterstützt – so geht sächsisch?! Die chinesische Volksrepublik wird’s freuen, dass sich immer wieder mehr als genug Narren finden, die ohne Krach und Dreck offenbar kein neues Jahr beginnen können.

Wenn die Elbwiesen und Innenstädte dann so richtig zugemüllt sind, wird am 2. Januar alles wieder dichtgemacht, Sachsens Theater möglicherweise bis Ende Februar 2021. Während darüber noch diskutiert wird, macht das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz / Zittau schon Nägel mit Köpfen: Spielbeginn voraussichtlich am 1. März nächsten Jahres. Einen Lockdown light dürften sich viele Menschen anders vorgestellt haben. Doch sie ahnen schon jetzt: das geht noch bis Ostern, mindestens. 

Dann kann immerhin die Skiunterwäsche wieder abgelegt werden, die ein Oberhirte doch allen Ernstes seinen Schäfchen für winterliche Geistesstunden im Freien vorgeschlagen hat. – Sollten sich Kunst und Kultur ein Beispiel daran nehmen? Wintertheater im Filz, vielleicht mit geheiligtem Glühwein?

Zu schade, dass die Kultur hierzulande – ganz im Gegensatz beispielsweise zu Automobil-, Luftfahrt- oder sonstiger Rüstungsindustrie – keine wirkliche Lobby hat. Überforderte Verkehrsminister, selbstherrliche Militaria – und daneben lediglich mutlose „Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien“.

Wir wissen alle um die Bedeutung von Kunst und Kultur als Lebensmittel, in schwierigen Zeiten sogar als Überlebensmittel. Wer von Umweltschutz redet, sollte auch mal an so etwas wie Innenweltschutz denken; beides ist unverzichtbar für ein verantwortungs- und somit würdevolles Überleben der Menschheit. Dies alles jetzt als bloße Freizeiteinrichtungen abzustempeln, zeugt ebenso von politischem Unverständnis wie von der ökonomisch determinierten Dominanz eines konservativen Kleinkrämertums in den engen Grenzen von Legislaturperioden.

In vielen Museen konnte diesen Sommer der Luxus erlebt werden, die ausgestellten Kunstwerke quasi hautnah und somit ungestört durch die sonstigen Horden der permanent mit ihren Handys fotografierenden Besucher zu genießen. – Infektionsrisiko? Einen sichereren Ort konnte es beinahe nicht geben. Unverantwortliche Risikogebiete hingegen schon: Schöpfer „freiwilliger Infektionsgemeinschaften“ überrumpelten ihr Publikum und sollten für diese lebensgefährliche Nötigung verklagt werden. Was da verbrochen wurde, war ein Bärendienst für die Gemeinschaft!

Denn die weitaus meisten Theater, Konzerthäuser und Kinos haben hingegen viel investiert, um für ihre Gäste ebenso wie für die Beschäftigten einwandfreie Hygienekonzepte umzusetzen.

Warum werden diese Stätten geschlossen, Autohäuser und Baumärkte aber bleiben geöffnet?

„The answer, my friend …“ – Nobelpreisträger Bob Dylan weiß es sicherlich auch nicht.