Vom Kontrabass zum Chefdirigenten

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Vom Kontrabass zum Chefdirigenten

Viel Zeit, ihn zu vermissen, war ja noch nicht. Dazu gab es jüngst einfach zu wenig Konzerte in Dresden. Wir erinnern uns aber gern an „alte Normalitäten“, als die Sächsische Staatskapelle in voller Schönheit und Besetzung zu großer Sinfonik und nicht minder großer Oper in die Semperoper lud. In der Gruppe der Kontrabassisten war dann sehr oft ein junger Mann mit schwarzem Haar zu erleben, der sich mit einer Art Inbrunst über sein Instrument beugte, mit ihm eine klingende Partnerschaft einging, um – ganz im Dienst der Musik – dessen Klangfülle auszuloten.

Als stellvertretender Solo-Kontrabassist stach er aus seiner Stimmgruppe heraus und übernahm die Leitung der kapelle 21, einem Zusammenschluss engagierter Kapellmitglieder, die sich neuer und neuester Musik verpflichtet haben. Ein Experimentator?

Foto: Matthias Creutziger

Sein Name: Petr Popelka. Er ist vom Kontrabass ans Dirigentenpult gegangen, das war schon überraschend genug. Der Prager Musiker ist aber auch ein unterhaltsamer Gesprächspartner, ein unentwegt Interessierter, der sich mit Musikgeschichte ebenso wie musikalischer Entwicklung befasst, und nicht zuletzt komponiert er auch selbst. Neugierig, suchend und schaffend.

Zur Saison 2020/21 wird Petr Popelka nun Chefdirigent des Norwegischen Rundfunkorchesters Oslo (KORK). Das ist ein heftiger Sprung – vom Kontrabassisten zum Chefdirigenten -, den ihm das Orchester nach einer gemeinsamen Norwegen-Tournee im Herbst vergangenen Jahres angetragen hat. Zu seinem nun baldigen Amtsantritt in Oslo wird Petr Popelka an zwei Abenden Werke von insgesamt zehn Komponisten dirigieren – von Johann Sebastian Bach bis hin zu Pierre Boulez. In weiteren Konzerten widmet er sich dem derzeitigen Jubilar Ludwig van Beethoven und dirigiert etwa ein Programm mit allen Scherzi aus dessen Sinfonien. Zudem soll es eine Einspielung sämtlicher Orchesterlieder von Jean Sibelius geben.

Obendrein wird Petr Popelka, der in der vergangenen Saison Conductor Fellow des NDR Elbphilharmonie Orchesters gewesen ist, Erster Gastdirigent der Janáček Philharmonie Ostrava. Außerdem wird er bei namhaften Klangkörpern wie dem Bergen Philharmonic Orchestra, dem Aalborg Symphony Orchestra, den Stuttgarter Philharmonikern und der Deutschen Radio Philharmonie debütieren. Zum Leipziger Gustav-Mahler-Festival soll er mit Mitgliedern des Gewandhausorchesters eine Kammerfassung von Mahlers »Lied von der Erde« leiten. Ganz vom Musiktheater will und wird Petr Popelka aber nicht lassen; so plant er an der Ungarische Staatsoper Budapest George Bizets »Carmen« und an der Semperoper die Wiederaufnahme von Peter Eötvös’ »Der goldene Drache« sowie die Neuproduktion von Aribert Reimanns »Gespenstersonate«.

Mit der kapelle 21 hat Popelka wiederholt zu den Internationalen Schostakowitsch-Tagen Gohrisch sowie mit Porträtkonzerten zu Arvo Pärt, Peter Eötvös und Aribert Reimann in der Dresdner Schlosskapelle sowie im Festspielhaus Hellerau für Aufsehen gesorgt. Bereits seit 2016 widmet sich der Musiker aus Prag verstärkt dem Dirigierhandwerk und gewann schon ein Jahr später den Neeme-Järvi-Preis der Gstaad Menuhin Festival Academy. Wichtige dirigentische Impulse erhielt er von Vladimir Kiradjiev und Alan Gilbert sowie bei Meisterkursen von Peter Eötvös, Jaap van Zweden und Johannes Schlaefli. 

Petr Popelka war 2015 Composer in Residence beim PODIUM festival Mödling, wo er die Uraufführung seines Auftragswerks »Labyrinth des Herzens« leitete. Seine »Szenen« für Klavierquartett wurden im Gläsernen Saal des Wiener Musikvereins uraufgeführt. Auch in seinen Konzerten mit dem Norwegischen Rundfunkorchester und der Deutschen Radio Philharmonie werden eigene Arrangements von diesem leidenschaftlich vielseitigen Künstler erklingen.

17.07.2020Allgemein