Musik und Licht

Kolumnen

Musik und Licht

Es hätte so schön werden können. 2020 als Jahr der Einsicht und der Vernunft. Weniger Gegeneinander, mehr Miteinander. Doch hier gibt’s den Brexit, dort den Trump, irgendwo Erdoğan und Taliban, anderswo Populisten und Nationalisten, nur Ratio und Demut sind auf der Strecke geblieben.

Wir sind in den Zwanziger Jahren angekommen und werde fatal an die Zwanziger Jahre erinnert. Wollen wir das? Hatten wir nicht einmal bessere Ziele? Nun ja: Wer oder was ist schon „wir“?

Wir könnten und sollten uns erinnern, was Populismus und Nationalismus hierzulande und anderswo einst angerichtet haben. Das dürfte und müsste uns inspirieren, derartigen Dummheiten – nennen wir sie ruhig beim Namen und sagen Idiotie, Verrücktheit, Verbrechen dazu – ein für allemal abzuschwören und sie für immer zu überwinden.

Wer dazu einen Anreiz braucht, sollte in den kommenden Tagen die Doppelstadt Görlitz / Zgorzelec besuchen. Doppelstadt? Ja! Sie liegt beidseits der Neiße, ist polnisch und deutsch gleichermaßen, ist historisch geprägt und zugleich absolut europäisch. Seit nunmehr fünf Jahren gibt es am östlichen Stadtrand das Europäische Zentrum für Bildung und Kultur auf dem Gelände des einstigen Kriegsgefangenenlagers Stalag VIII A. Dort ist Anfang der 1940er Jahre gemeinsam mit Tausenden anderen Häftlingen aus vielen Ländern Europas auch der französische Musiker Olivier Messiaen festgesetzt worden. Inmitten von Krieg, Hunger, Krankheit und Tod komponierte er sein Quartett auf das Ende der Zeit (»Le Quatuor pour la fin du temps«) zu Ende. Am 15. Januar 1941 ist es in der sogenannten Theaterbaracke uraufgeführt worden.

Aus heutiger Sicht ist es unvorstellbar, wie diese Musik damals unter derartigen Bedingungen angekommen sein mag. Inzwischen wird Jahr für Jahr wieder daran erinnert, seit 2015 sogar in einer festen Spielstätte an diesem historischen Ort. Auf dieser Tradition fußen nunmehr die Internationalen Messiaen-Tage Görlitz / Zgorzelec, die in diesem Jahr zum vierten Mal stattfinden werden. Vom 15. Januar an, dem historisch verbürgten Datum der Uraufführung, bis zum 19. Januar wird nicht nur das ausschlaggebende Quartett zu erleben sein, sondern auch ein reichhaltiges Programm, das diesmal unter dem Titel »sounding colours« steht.

Da Olivier Messiaen (1908 – 1992) ein bekennender Synästhet gewesen ist, der eine wechselseitige Entsprechung von Klang und Farbe wahrgenommen hat, werden sich im aktuellen Jahrgang der Messiaen-Tage diverse Veranstaltungen genau diesem Thema widmen. »Farbklang | Klangfarbe« ist ein Workshop für Jugendliche überschrieben, Lichtspielklänge gibt es zu historischen Filmmaterial, ein »Performatives Konzert« widmet sich Arnold Schönbergs »Pierrot Lunaire«, in einer Kirche werden visuell-auditiven Fragen von Sonnenorgel und Glaskunst nachgegangen. Vorträge erhellen daneben die Verbindungen von Malerei und Musik. Ganz zum Schluss werden die vier Musiker des Ensembles Mirrorstrings einen »Farbklangspiegel« auffächern. Und sowieso verbinden die von Matthias Beier geschaffenen Metallplastiken auf dem einstigen Lagergelände das Hörbare mit dem Sichtbaren. Sein Ziel ist es, zu jedem der acht Sätze von Messiaens Quartett eine Skulptur zu schaffen, die sich thematisch der Vergänglichkeit von Zeit in einer Entsprechung zu den Kerngedanken des Komponisten widmet.

Den Auftakt zu den Internationalen Messiaen-Tagen setzt am 15. Januar wie gehabt das Quartett auf das Ende der Zeit, sozusagen der Nukleus von Meeting-Point und Festival, diesmal vorgetragen vom Ensemble White mit Sebastian Manz, Martin Klett, Sarah Christian und Julian Steckel.

Das Gedenken, also Denken und Nachdenken, sollte sich beim Besuch dieser Veranstaltungen von ganz allein einstellen. Vielleicht, nein: hoffentlich, bekommt 2020 so doch noch die Chance für Einsicht sowie einen Wandel zum Guten, zumindest zum Besseren.

12.01.2020Kolumnen