Ein Lebenswerk im Zeichen der Improvisation

Kolumnen

Ein Lebenswerk im Zeichen der Improvisation

Jazzmusik und Dresden, da gibt es ganz echte Bezüge. Nicht nur Dixieland und Folklore. Weit mehr als nur klingender Kommerz und traditionelle Unterhaltung. Jazz lebt von Improvisation, von Neugier, Risiko und Wagnis. Das alles hat es auch hier tatsächlich gegeben.

Einmal Benny Goodman gehört, da war es um ihn geschehen. Jahre später stand er gemeinsam mit der Jazzlegende auf der Bühne. Als 15jähriger hat er mit Mary Wigman gespielt, einen »Hexentanz« ganz ohne Noten. Lass dir was einfallen, sagte die Grande Dame des Ausdruckstanzes zu ihm.

Er ließ sich was einfallen, schon in früheren Jahren, als er in Leipzig zu Begräbnissen aufgespielt hat. Ebenfalls ganz ohne Noten. Die Trauergäste haben ihm irgendein Thema vorgegeben, manchmal auch das nicht, und er musste spielen.  So hat er das Improvisieren gelernt. Drei Mark gab’s pro Bestattung. Wenn er nach seiner Musik mit anpackte am Sarg, dann sogar drei fünfzig. Bis zu sechs Beerdigungen pro Tag hat er bespielt.

So konnte er seine Familie ein klein wenig finanziell unterstützen. Die Mutter hatte ein kleines Geschäft, der Vater war als Artist und Akrobat europaweit und sogar in Südamerika unterwegs. Wegen der Rassengesetze des Deutschen Reichs wurde er in der Hoffnung, dies würde ihn retten, getauft. Gerettet haben ihn andere Umstände; mehrere Familienmitglieder, so auch die geliebte Tante Martha, wurden in Auschwitz ermordet. Geblieben sind Erinnerungen, schöne wie schmerzhafte Erinnerungen.

Inzwischen umfassen sie neun Lebensjahrzehnte! Und der Mann, um den es hier geht, ist weiter aktiv. Erinnert sich seines Lebens, das stets mit Musik zu tun hatte, erinnert sich zahlloser Begegnungen mit Musikerinnen und Musikern, die für ihn wichtig waren.

Geboren in Köln, aufgewachsen in Leipzig, wurde er von Berlin aus zum Weltbürger. Er lebte in New York in einem Haus mit Billie Holiday, stand mit seinem frühen Idol Benny Goodman gemeinsam auf der Bühne, holte seinen 15 Jahre jüngeren Bruder ebenfalls in den Westen – beide haben sie internationale Karrieren gestartet, den Jazz mit beeinflusst, geprägt, erweitert um Spielideen und Impulse, haben ihn lebendig erhalten, was einer steten Erneuerung gleichkommt.

Der Mann, um den es hier geht, ist ein Jubilar, am Sonntag feiert er seinen 90. Geburtstag, und auch Musik in Dresden schleicht sich in die Gratulantenschar. Denn wiederholt hat er auch Dresden besucht: Der Klarinettist, Komponist und Bandleader Rolf Kühn (dass es um ihn geht, haben Sie schon erraten?).

Er war sich nicht zu schade, gemeinsam mit dem Bruder Joachim Kühn in die Dresdner VW-Manufaktur zur Verleihung des Echo-Jazz zu kommen. Sie haben den Preis für ihr Lebenswerk erhalten. Rolf Kühn hat sich dem Feature-Ring-Trio im Festspielhaus Hellerau offenbart, gab mit ihnen ein Konzert; wer mit dabeigewesen ist, wird’s nie vergessen. Zu den runden Geburtstagen der beiden so unterschiedlichen Ausnahmekünstler hat Stephan Lamby den sehenswerten Film »Brüder Kühn. Zwei Musiker spielen sich frei« veröffentlicht. Beim renommierten Label MPS ist just zum 90. von Rolf Kühn eine neun (!) Vinyl-Scheiben umfassende Box erschienen, die unter dem Titel »The Best Is Yet To Come« auf 1.000 Exemplare limitiert ist.

Was nun noch aussteht, ist sein Auftritt im Dresdner Jazzclub Tonne, der 2011 leider storniert werden musste. Einmal Rolf Kühn hören!

27.09.2019Kolumnen