Mutmaßungen über Salzburg

Kolumnen

Mutmaßungen über Salzburg

Ob das Ergebnis wirklich überrascht hat oder nicht, sei dahingestellt. Fakt ist, Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle, die seit 2013 als Künstlerischer Leiter und festes Residenzorchester die Osterfestspiele Salzburg ausrichten, sind ab dem Jahr 2023 dort nicht mehr erwünscht. Einst waren sie die Retter dieses Elitefestivals, dann haben sie es Jahr um Jahr sehr erfolgreich bespielt. Jetzt unterliegen sie in einem politischen Ränkespiel.

Wie es heißt, plane man eine Neuausrichtung der Osterfestspiele und setze deswegen auf Nikolaus Bachler, der ab 2021 (mit dann 71 Jahren) Kaufmännischer Geschäftsführer und ein Jahr später auch Intendant werden soll. Christian Thielemann wird der Stuhl vor die Tür gesetzt. Klingt alles nach einigen Strudeln an der Salzach. Dass sich die Wogen nun nochmal glätten werden, steht nicht zu erwarten.

Dabei haben Thielemann und die Staatskapelle sehr gute Arbeit geleistet, neue Formate initiiert und sowohl ein zahlungskräftiges Publikum aus aller Welt als auch die Salzburger selbst fasziniert. Im Grunde genommen haben sie die jetzt apostrophierte Neuausrichtung bereits realisiert – das preisgünstige Konzert für Salzburg eingeführt, die Kapelle für Kids mitgenommen und sich inzwischen auch »Ohne Frack auf Tour« begeben, um Salzburgs Kneipengäste zu begeistern. Damit konnten die bisherigen Fans bei der Stange gehalten und neue Partner, auch im so wichtigen Sponsoringbereich, hinzugewonnen werden.

Aber offenbar soll nicht dauerhaft funktionieren, was bislang doch tatsächlich so gut funktioniert: ein preußischer Dirigent mit sächsischem Orchester im Herzen von Österreich. Klingt ja fast wie eine historische Analogie. Nur mit dem aktuellen Unterschied, dass nun zwei ÖVP-Politiker, Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer und Bürgermeister Harry Preuner, die probaten Brücken absichtsvoll einreißen. Nachvollziehbar ist das nicht.

In all den Jahren seit 2013 gab es tolle Produktionen, keinen Eklat, Koproduktionen sogar mit China und vor allem mit Dresden, da die Semperoper die meisten Salzburg-Inszenierungen ja übernommen hat. Künstlerisch war das durchaus gewinnbringend! Auch damit dürfte es dann wohl bald vorbei sein, denn offensichtlich sind den Entscheidern zehn gute Jahre genug. 2022 läuft der Vertrag von Thielemann aus, bis dahin soll es noch drei Opernproduktionen geben – Verdis »Don Carlo«, Puccinis »Turandot« und Wagners »Lohengrin«. Ob die aber noch so realisiert werden, steht in den Sternen.

Schließlich hat das Orchester, aus welchen Gründen auch immer, sich kürzlich erst noch berufen gefühlt, öffentlich bekanntzugeben, nötigenfalls auch ohne Thielemann in Salzburg bleiben zu wollen. Derartige Ansagen dürften das Liebesverhältnis zum Chefdirigenten der Kapelle auf eine herbe Belastungsprobe stellen.

Wenn Nikolaus Bachler, derzeit noch Intendant der Bayerischen Staatsoper, die künstlerische Gesamtleitung der Osterfestspiele Salzburg übernimmt, will er statt einem festen Residenzorchester jedes Jahr mit einem anderen Klangkörper arbeiten. Nicht auszuschließen, dass dann auch dieses 1967 durch Herbert von Karajan ins Leben gerufene Musikfest seinen exklusiven Charakter verliert.

19.09.2019Kolumnen