Neue Wege

Kolumnen

Neue Wege

Wer hätte das im Herbst 2010 für möglich gehalten: Die erstmals stattfindenden Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch sind zu einem unverzichtbaren Kontinuum angewachsen. Ein Musikfest mit magnetischer Wirkung, das seitdem alljährlich stattfindet, inzwischen ein paar Monate nach vorn gezogen, und sich eines permanent wachsenden Interesses erfreuen darf.

Zum zehnjährigen Bestehen haben sich die Schostakowitsch-Tage vorab nicht nur ein weiteres Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle geleistet, das mit der fulminanten 11. Sinfonie »Das Jahr 1905« unter Sakari Oramo den Dresdner Kulturpalast vor dem betörenden Hintergrund des Petersburger Blutsonntags erschütterte, sondern sich auch einen zusätzlichen Festivaltag gegönnt. Das traditionelle Wochenend-Ereignis startete somit schon an einem ganz normalen Donnerstag – und die geneigte Zuhörerschaft folgte, um in der Konzertscheune von Gohrisch den Auftakt durch das Quatuor Danel mitzuerleben.

Und was für ein Auftakt das war! Es erklang „eins der größten Werke der Menschheit“, das 1960 in Gohrisch komponierte 8. Streichquartett c-Moll op. 110 von Dmitri Schostakowitsch, der mutmaßlich einzigen von ihm im Ausland geschriebenen Musik. Daneben gab es Werke von Strawinsky, Prokofjew und Mieczysław Weinberg in französischer Eleganz mit einer kaum zu überbietenden Streichkultur. Damit war der dramaturgische Kontext der diesjährigen Schostakowitsch-Tage schon einmal abgesteckt.

Als Dankeschön für die Musik gab es in diesem Jahr keine Blumen, sondern kleine Fläschchen mit Ingwergeist. Der ist gewiss haltbarer als rasch welkende Buketts und stammt aus einer Privatbrauerei in Pirna. Solche Gesten machen den besonderen Charme dieses Musikfestes aus, das an den Sommer 1960 und das damals hier entstandene Streichquartett erinnern soll. Ohne Bürgersinn und privates Engagement wäre all dies nicht denkbar.

Dennoch war die Idee, just die Sächsische Schweiz Jahr für Jahr mit moderner Musik zu beglücken, zumindest gewagt und deren Umsetzung regelmäßig riskant. Inzwischen stehen die Internationalen Schostakowitsch-Tage durch eine institutionelle Förderung für die nächsten Jahre allerdings auf einer soliden Basis, was nicht nur für die vor Ideen sprühenden Initiatoren wichtig ist, sondern vor allem für das erwartungsvolle, aus aller Welt nach Gohrisch strömende Publikum. Da dem zum Jubiläum ein Tag mehr als sonst geboten worden ist, sorgte das größere Konzertangebot auch für höhere Einnahmen nebst einem Besucherrekord.

Nicht nur beim Publikum gab es zahlreiche „Wiederholungstäter“, neben dem Quatuor Danel sind auch das legendäre Borodin Quartet sowie das Raschèr Saxophone Quartet zum wiederholten Male in Gohrisch gewesen. Das Dresdner Streichquartett mit Musikern der Staatskapelle zählt ohnehin zu den Stammgästen und ist ebenso wie sämtliche anderen Künstlerinnen und Künstler erneut ohne Gage, nur für ein symbolisches Frackgeld aufgetreten.

All diese Ensembles vollzogen einen Streifzug durch die russische Kammermusik des 20. Jahrhunderts und setzten vorrangig Bezüge von Sergej Prokofjew und Igor Strawinsky zu Dmitri Schostakowitsch. Unterschiedliche Interpretationsansätze ließen differenzierte Betrachtungen dieser Komponisten zu. Insbesondere die aktuelle Borodin-Besetzung gestaltete Schostakowitschs 4. und 9. sowie Prokofjews 2. Streichquartett – dessen 1. geriet bei den Mannen um Marc Danel zu beinahe sinfonischer Größe – als schier akademische Präzisionswerke.

Fünfzig Jahre nach der Gründung durch Sigurd Raschèr hatte das nach ihm benannte Ensemble natürlich Alexander Glasunows lichthelles Saxofon-Quartett im Tour-Gepäck, fügte sich aber auch in den Orchesterklang der kapelle 21 um den komponierenden Dirigenten Petr Popelka ein, der im Hauptberuf Kontrabassist ist. Mit Prokofjews Musikmärchen „Peter und der Wolf“, das nachmittags ein ausdrückliches „Dankeschön, Gohrisch!“ an die einheimischen Helferinnen und Helfer aussprach, stand erneut ein szenisches Projekt im Programm der Schostakowitsch-Tage. In der Regie von Klaus Ortner führte die energiegeladene Schauspielerin Isabel Karajan als Selfies produzierende Sprecherin durch die Geschichte, um die Instrumente den Figuren und Tieren zuzuordnen und Handy-Bilder ihres bunten Kleides als Wiese und Ententümpel ebenso auf die Leinwand zu projizieren wie ihre drolligen Augen als Vogel und die Schneidezähne für den Wolf.

Für viele überraschend, ist die Aktrice auch im faszinierenden Film von Axel Brüggemann über die Entstehungsgeschichte von Prokofjews Welterfolg aufgetaucht, in dem sie Natalja Saz spielte, die inspirierende Leiterin des Moskauer Kindertheaters. Derartige Angebote sowie Gespräche und Wanderungen auf den Gohrischer Spuren von Schostakowitsch haben das Konzertprogramm auch in diesem Jahrgang begleitet.

Neu jedoch war ein Ausflug in den schmissigen Sound von Schostakowitschs Suite für Varieté-Orchester, was beim Publikum erwartungsgemäß bestens ankam – auch, weil diese Ohrwürmer eben nicht als Estraden-Stück missverstanden wurden, sondern in ihrer  Doppelbödigkeit von Schwermut und Lust erklungen sind.

Kontraste, bei den Schostakowitsch-Tagen Programm, erklangen auch in der Wiederbegegnung mit dem Cellisten Isang Enders in dessen berührender Sonntagsmatinee, die neben den drei Hauptkomponisten des Jahrgangs das „Grand Duet“ von Galina Ustwolskaja beinhaltete. Was für ein Pendant zu Strawinskys „Suite Italienne“ – und wie perfekt das Zusammenspiel mit dem Pianisten Yekwon Sunwoo!

Vergleichbaren Jubel heimste der Geiger Linus Roth für seine exzellente Spieltechnik ein, die absolut unaufgeregt eine mitreißende Wirkung zu entfalten vermochte. Er stellte zwei Uraufführungen von Weinberg vor (der wie Ustwolskaja vor 100 Jahren geboren wurde und Schostakowitsch eng verbunden war), verhaltene „Lieder ohne Worte“, exzellent begleitet von Florian Uhlig. Der Pianist hob wiederum mit der Sopranistin Ilona Domnich zwei nachgelassene Schostakowitsch-Romanzen aus der Taufe – zum dritten Mal in Folge Uraufführungen des Komponisten in Gohrisch. Dieser „Tradition“ werden die Schostakowitsch-Tage treu bleiben, versprach die akribisch forschende Musikwissenschaftlerin Olga Digonskaya. Diesmal hatte sie das Solostück „Im Wald“ mitgebracht, das der 13jährige Schostakowitsch schrieb und der aus Rumänien stammende Rubinstein-Preisträger Daniel Ciobanu aufgeführt hat, der die stets von Amselzwitschern umgebene Konzertscheune zudem mit Mussorgskis Zyklus „Bilder einer Ausstellung“, Teilen aus Strawinskys „Feuervogel“ und Prokofjews 2. Klaviersonate schier zum Flirren brachte.

Er blieb nicht die einzige Entdeckung der 10. Internationalen Schostakowitsch-Tage. Denn noch vor dem Abschlusskonzert, in dem Günter Baby Sommer am Schlagzeug und Johannes Enders am Saxofon jazzig über Themen des 8. Streichquartetts konferierten, stand ein Trompeter im Rampenlicht, den die Welt heute fast ausschließlich als Dirigenten feiert: Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons erhielt für seine Verdiente um das Werk von Dmitri Schostakowitsch den diesjährigen Schostakowitsch-Preis und bedankte sich nach einer feinen Laudatio von FAZ-Musikredakteur Jan Brachmann mit trompeteten Szenen aus Schostakowitschs Filmmusik zu „Podrugi“ (Freundinnen).

Im Herbst 2010 wäre all dies noch undenkbar gewesen. Inzwischen sind die Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch für ein stetig wachsendes Publikum zur unverzichtbaren Realität geworden.

12.07.2019Kolumnen