Minderheitenschutz

Kolumnen

Minderheitenschutz

Die Jubiläen liegen schon einige Monate zurück, aber das hindert die Dresdner Musikhochschule nicht, zwei „Ehemalige“ zu würdigen, die im vorigen Jahr 75 Jahre alt geworden sind. Professor Matthias Herrmann vom Institut für Musikwissenschaft hat den Freitag als »Ein Tag für Udo Zimmermann und Lothar Voigtländer« ausgerufen und konzipiert, denn die beiden durch ihre Zeiten im Kreuzchor geprägten Musikerpersönlichkeiten waren durch Studium und Lehre auch eng mit der Hochschule verbunden.

Dass die beiden Künstler des Jahrgangs 1943 im deutschen Osten aufgewachsen und ausgebildet worden sind, hier auch ihre Prägungen erfahren haben, spielt vordergründig keine Rolle. Allenfalls eine gewisse Widerständigkeit – bei Voigtländer und Zimmermann sehr unterschiedlich ausgeprägt – mag sich im Verhalten sowie im Werk beider Komponisten gespiegelt haben. Wahrzunehmen sind sie aber längst als Künstler mit einer Geltung weit über deutsche Grenzen hinaus.

Ihrer künstlerischen Wirkmacht haben sie es zu verdanken, beizeiten in Ost und West unterwegs gewesen und wahrgenommen worden zu sein. Diese biografischen Stationen nebst wesentlichen Ämtern referierte Matthias Herrmann gleich nach einer den Tag eröffnenden Generalprobe des Hochschulsinfonieorchesters, das zu diesem Anlass natürlich Werke von Zimmermann und Voigtländer erarbeitet hatte. Bevor diese am Abend dann im Konzertsaal der Musikhochschule aufgeführt worden sind, gab es Vorträge und Diskussionen zu beiden Komponisten und deren OEuvre.

Regisseur Michael Heinicke reflektierte ausführlich das Musiktheater-Schaffen Udo Zimmermanns, dessen Oper »Weiße Rose« nachmittags von der für ihre Regiearbeiten mehrfach ausgezeichneten Anna Drescher noch einmal explizit unter die Lupe genommen worden ist. Dirigent Ekkehard Klemm hingegen widmete sich der »Kreativität und Emotionalität« im Werk von Lothar Voigtländer, der sich von diesem Tag äußerst angetan zeigte.

Krankheitsbedingt war Udo Zimmermann nicht vor Ort, beide Komponisten durften aber eine mehr als verdiente, ja eine überfällige Würdigung an Dresdens Musikhochschule erfahren.

Das abendliche Abschlusskonzert des Hochschulsinfonieorchesters geriet unter Ekkehard Klemm zu einem nachhaltigen Höhepunkt mit Zimmermanns »Mutazioni per orchestra« von 1973 und Voigtländers »Orchestermusik III« von 2005. Die beiden von den Studierenden mit enormer Konzentration und hoher Präzision wiedergegebenen Werke rahmten Krzysztof Pendereckis »Concerto per flauto et orchestra da camera« mit dem südkoreanischen Flötisten Juhyung Lee und Wolfgang Amadeus Mozarts 4. Violinkonzert D-Dur KV 218 mit der spanischen Geigerin Roxana Wisniewska Zabek.

Sowohl die Vorträge als auch die Orchesterprobe und das Konzert hätten weit mehr Publikum verdient. Wer aber zu diesem Tag gekommen ist, kam ganz bewusst und zielstrebig, dürfte ihn mit Genuss verlassen haben. Udo Zimmermann hätte den spärlichen Besuch als „Minderheitenschutz“ apostrophiert. Auch das ist die nicht zu unterschätzende Aufgabe einer Musikhochschule.

14.06.2019Kolumnen