Es knarren die morschen Bretter – „Die Fledermaus“ in der Staatsoperette

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Es knarren die morschen Bretter – „Die Fledermaus“ in der Staatsoperette

Nicht nur die Eingangstür im Knast des Herrn Frank (sängerisch auch schon etwas angerostet: Herbert G. Adami) knarzt in Peter Kubes geistreicher Neuinszenierung bei jedem Öffnen. Die Bretter, die für das Ensemble der Staatsoperette die Welt bedeuten, sind schon seit langem morsch. Dem kann man sich natürlich auch inhaltlich nicht entziehen, zumal sich vor der Premiere der "Fledermaus" die Ereignisse in Dresden überschlugen: der Umzug an den Wiener Platz, hieß es aus dem Dresdner Stadtrat, scheitere an einer fehlerhaften Ausschreibung, dann sollte man in Leuben bleiben, dann wieder nicht; dann sollte man mit dem Staatsschauspiel zusammengehen, dann wieder nicht…

Eine eventuell fehlerbehaftete Kalkulation des Intendanten hin oder her: Im Endeffekt schadet diese Schlammschlacht (und das ist der Streit inzwischen, wenn sich Politiker und Kulturvertreter öffentlich herbe Schimpfworte an den Kopf werfen) dem Ansehen Dresdens erheblich. Die Laune der Premierenbesucher wurde denn auch zu Anfang herb gedämpft, als sich Intendant Schaller genötigt sah, in einer emotionalen Ansprache die Probleme und die Perspektiven des Hauses noch einmal aus seiner Sicht darzulegen. Die Lacher über die eingestreuten politischen Witze, über das "Vogelhaus am Wiener Platz", über diverse Vögel und das große Nichts "vor Johann", blieben dem Publikum im Hals stecken, und es ist dem Auftritt von Tom Pauls (als Gerichtsdiener Frosch) zu danken, dass der Abend nach einigen Längen im zweiten Akt am Ende noch einmal an Witz und Tempo zulegte.

Tatsächlich ist die Operette mit der jüngsten Inszenierung wieder knallhart im politischen Dresdner Alltag verortet; und nur so hat das Genre heutzutage eigentlich noch einen Sinn, eine Berechtigung. Klar, dass der Kabarettist Peter Kube da an süffisanten Querschlägern über die nichtvorhandenen Dresdner Brücken und natürlich die Kleine Hufeisennase nicht sparte; sein Kollege Tom Pauls mag ein Übriges aus dem Stegreif improvisiert haben. Für Kubes Regieleistung, die "Die Fledermaus" stellenweise nachtrabenschwarz komisch und nirgends zu platt erscheinen zu lassen, wie für die ideenreiche, insgesamt vielleicht ein wenig zu brave Ausstattung von Barbara Blaschke spendete das Publikum im ausverkauften Saal heftig Beifall.

Dennoch stimmt nachdenklich, dass der mit Abstand tosendste Szenenapplaus nicht etwa der brillanten sängerischen Leistung einer Jessica Glatte (Rosalinde), dem grandios agierenden und nicht minder herrlich singenden Ralf Simon (Alfred), der charakteristischen Darstellung der auch stimmlich sehr präsenten Svea Johnsen (Adele) oder dem galant und auf allerhöchstem Niveau musizierendem Orchester unter der umsichtigen Leitung von Ernst Theis galt, sondern einer ultrakurzen Revueeinlage des Leubener Balletts (Choreografie: Winfried Schneider), die sich dramaturgisch allenfalls holprig in die übrige Szenenabfolge einfügte. Den bitteren Beigeschmack der Szene mögen die wenigsten empfunden haben, wie wohl überhaupt der Fakt, dass die Fröhlichkeit der Ballbesucher allenfalls aufgesetzt schien, wohl nur eine kleine Anzahl von Zuschauern bewegte. Die psychologische Hintergründigkeit des Bühnenbildes, das mit Außen- und Innenwelten, mit mißtrauischer Beobachtung und ohnmächtigem Beobachtetsein spielte; die sensible Lichtregie, die die tagespolitischen Einsprengsel plötzlich in ein grauenhaftes Endzeitdüster stellte, oder das Bühnenbild, das die Rollen des Stücks während der Ouvertüre wie im Vorspann einer Daily Soap vorbeirollen ließ und auch sonst vorhandene Ausstattungsklischees klug zitierte, aber nie mißbrauchte; solche Feinheiten gingen an diesem Premierenabend im allgemeinen Lachen über die überspitzten Kostüme, über die durchs Bild fliegende Fledermaus (Ji Hoon Kim) und die grobe Überzeichnung der Figur des Prinzen "Alexandrowitsch Teresa Orlowski" (stimmlich an diesem Abend überfordert: Gritt Gnauck) eher unter. Vielleicht sollte die Operette ja in der nächsten Spielzeitpause des Staatsschauspiels erst einmal vorsichtig testen, ob sich solche und ähnliche Inszenierungen auch für ein Haus in der Stadtmitte eignen, und ob die regelmäßige Bespielung von eintausendvierhundert Plätzen überhaupt realistisch ist? Man hat das Gefühl, dass über dem kleinlichen Streit ums Finanzielle die inhaltliche Ausrichtung der Operette, die für eine zuverlässige Auslastung eines Hauses allesentscheidend ist, für die meisten Beteiligten schon zu weit in den Hintergrund gerückt ist. Ein solcher Lapsus wäre nicht nur für das bis dato so ungeheuer engagierte Ensemble fatal.

(Foto: Staatsoperette Dresden)

11.11.2007Allgemein