
Hayato Sumino ist unter dem Namen Cateen auf Youtube ein Superheld. Seine virtuosen Variationen über „Twinkle Twinkle Little Star“ (13 Mio. Aufrufe) rekurrieren auf die Variationstradition des 19. Jahrhunderts; sie zitieren Mozart, Rachmaninow und Scott Joplin, aber man kann sie eben auch einfach als technische Herausforderung lesen im Geiste von „Guitar Hero“. Ähnlichen Geistes sind Videos, in denen er die originalen Tempobezeichnungen klassischer Werke durch aktuelle Wechselkursverläufe Euro vs. Yen ersetzt, das Jahr 2025 musiko-mathematisch seziert, die »Appassionata« auf einem Spielzeugklavier mit 32 Tasten spielt oder sich mit einem Steinway Spirio ein geisterhaftes Flohwalzer-Duo liefert. Witzig!
Seine eigenen Kompositionen klingen, als wären Chopin und John Williams eine Kollaboration eingegangen; schwülstige Kaskaden hören wir da, dann dreht sich der Performer ans präparierte Klavier, setzt mit gedämpften und gezupften Saiten fort. Publikumsheischende Filmmusik ist das, ein Kameraflug durch schneebedeckte Berge oder amerikanische Großstädte, unten meint man eine winzige Ally McBeal zur Anwaltskanzlei streben zu sehen.
Mein leiser Spott soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hayato Sumino ein verdammt guter Tastenkünstler ist. Klavier spielen kann dieser Tausendsassa im Gegensatz zu vielen Youtube-Konkurrenten, auch wenn er im Stromwerk (Kraftwerk Mitte) öfters leicht danebenlangte. Dass er beim XVIII. Chopin-Wettbewerb ohne Preis blieb (1. Preis und Publikumspreis: Bruce Liu), mag der Tatsache geschuldet gewesen sein, dass die 73-jährige Juryvorsitzende Katarzyna Popowa-Zydroń schlicht nicht wußte, was Youtube ist (Smiley). Oder vermisste die Jury eben doch etwas charakterisches, eine herausstechende Stilistik, irgendetwas, das von seinem Spiel hängenblieb außer purer Virtuosität?

Denn Sumino erscheint mir nach meinen Eindrücken vom Donnerstag ein Tasten-Zauberlehrling zu sein, der es liebt, verschiedene Klangströme zu beschwören, der als geschickter Arrangeur höchst geschmackvoll Stile und Zeiten verheiratet. Aber von der großen Kunst der ernsten Musik mag er nur Spuren, Düfte, Ahnungen touchieren mit seinen kleinen Kunststückchen. Der „Liszt von Tokio“ (bitteschön!) betörte mit fliegenden Locken, lieferte eine sympathische und bescheidene Moderation ab, begeisterte, während mir der teure und trotzdem quieksig-saure Sauvignon blanc im Cocktailbecher schwappte, gar mit einem außergewöhnlichen Gershwin-Arrangement, dem eigentlich nur live dargebotene Autohupen fehlten. (Der stürmische Applaus ebbte am Ende rasend schnell ab; wie als ob seine Fans wüssten, dass weitere Zugaben nicht mehr zu erwarten seien.) Im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele 2026 bleibt sein Auftritt trotzdem eine Ausnahme. Hayato Sumino mag die Idealbesetzung sein für eine Position am Honkytonk-Kasten im Restaurant am Ende des Universums mit seiner ans Genialische grenzenden Fähigkeit, bekannte Werke der Musikgeschichte herrlich bunt und kurzweilig für zwei bis vier Hände zu arrangieren. Ein ernstzunehmender Pianist ist er indes nicht – was das Management der Dresdner Philharmonie augenscheinlich nicht davon abgehalten hat, ihn für Mai 2027 als ebensolchen zu engagieren.