
Was Mozart für Salzburg ist, sollte Messiaen für Görlitz sein. Jeder Mensch an der Salzach (und nicht nur dort) kennt Mozart oder hat irgendwie schon mal von ihm gehört. Und sei es nur wegen der Schokokugeln, die seinen Namen tragen und augenscheinlich in keinem Touristengepäck fehlen dürfen.
Vergleichbaren Süßstoff gibt es in der Europäischen Doppelstadt Görlitz/Zgorzelec nicht. Klebrige Kalorien sind dort nicht nötig, wo es um ein gehaltvolles Programm geht. Allerdings ist der Komponist Olivier Messiaen, 1908 in Avignon geboren, 1940 zum Militärdienst einberufen und aus seinem Wirken als Organist an der Pariser Kirche La Sainte-Trinité herausgerissen, bis heute nicht zum allseits populären Lieferanten geworden. Nur zwei Tage vor dem deutsch-französischen Waffenstillstand im Juni 1940 wurde er von Hitlers Wehrmacht inhaftiert und über Unwege ins Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A nach Görlitz verbracht. Dort vollendete er sein berühmtes »Quatuor pour la fin du temps«, das er am 15. Januar 1941 gemeinsam mit dem Klarinettisten Henri Akoka sowie dem Geiger Eugène Jean Le Boulaire und dem Cellisten Etienne Pasquier in der sogenannten Theaterbaracke des Lagers aufführen konnte. Dieses so sehnsuchts- wie glaubenvolle Stück Musik (dt. »Quartett für das Ende der Zeit«) wurde vor rund zwanzig Jahren zur Keimzelle der vom deutschen Verein Meetingpoint Memory Messiaen und der polnischen Stiftung Erinnerung, Bildung, Kultur ausgerichteten Messiaen-Tage, die beidseits der Neiße an Veranstaltungsorten in Zgorlezec und Görlitz stattfinden.
Auf informativen Führungen über das heute auf polnischer Seite gelegene Stalag-Gelände und zu deutschen Stätten nationalsozialistischer Zwangsarbeit folgten zu den diesjährigen Messian-Tagen Konzerte mit Musik von Olivier Messiaen sowie Komponistinnen und Komponisten, die zu ihm in Bezugnahme standen. Eine einstige Schülerin wie die nunmehr fast hundertjährige Betsy Jolas war da ebenso zu vernehmen wie der 1960 geborene George Benjamin, der als Messiaens Lieblingsschüler galt. Das auf zeitgenossische Musik spezialisierte Ensembe Écoute verband deren Kompositionen mit Kompositionen jüngerer Komponisten, um Messiaens Erbe ins Heute zu tragen. Klangvolle Verbindungen gab es aber auch zu Pierre Boulez, Anton Bruckner und Johannes Brahms, dessen »Liebeslieder-Walzer« in einer von Orlando Bass arrangierten Auswahl während eines gemeinsamen Konzertes von Écout mit der EuropaChorAkademie Görlitz vorgetragen worden sind.

Zum Abschluss der Messiaen-Tage 2026 präsentierte die Sinfonietta Dresden unter der musikalischen Leitung von Milko Kersten ein dem »Sehnsuchtsort Musik« gewidmeten Konzertabend in der Görlitzer Synagoge. Programmatisch sind darin Kompositionen erklungen, die »Gefahr laufen, dem kollektiven Gedächtnis zu entschwinden«, wie es in Ankündigungen hieß. Das betraf beispielsweise die beiden jüdischen Komponistinnen Vítězslava Kaprálová und Rosy Wertheim, an die mit weitgehend unbekannter, doch absolut entdeckenswerter Musik erinnert worden ist.
In dramaturgisch klug gestalteter Programmatik unter dem Titel »Displaced Persons« sollte an Entwurzelte und Vertriebene erinnert werden, was in diesem Kontext zunächst überraschend mit dem Filmmusik- und Schlagerkomponisten Michael Jary und dessen UFA-Schlager »Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n« begann. Milko Kersten, der dem 1994 gegründeten Kammerorchester von Anfang an eng verbunden ist, wies freilich auf Jarys zwiefache Tragik hin, die einerseits in Jarys zu Nazi-Zeiten zwangsweise abgelegten Geburtsnamen Maximilian Michael Jarczyk und andererseits in dessen Liebe zu »ernsthafter« Musik bestand, die jedoch mit den in unterhaltsameren Genres erzielten Erfolgen stets übertrumpft worden ist. Umso verdienstvoller, hier auch mal Kammermusik dieses Hindemith- und Schreker-Schülers hörbar zu machen. Dass Beschweigen und Wegsehen nicht hilfreich sein können, untermauerte das von Alexander Estis (2025 Dresdens Stadtschreiber) vorgetragene Langgedicht »Kaddisch«, dessen Strophen eindrucksvoll ins musikalische Programm montiert worden sind. »Massaker überall« konstatierte er schrecklich aktuell und beschrieb mit »ins Unrecht geboren, ins Unrecht gesetzt« allgemeingültige Zustände, um festzustellen, »aus dem Erinnern ist kein Entrinnen.« Bedenkenswerte Worte und Zeilen!
Als Uraufführung stand die beklemmende »Heterophonie II« von Volker Sondermann (Jg. 1990) im Zentrum dieses Konzertabends, ein Eroica-Motive aufgreifendes Stück um not-wendig gewordenes Verdrängen von Schmerz und Leid als menschliche Überlebensmethode. Neben dieser geradezu pompös endenden Musik behauptete sich »Ahinnu 2« des palästinensisch-israelischen Komponisten Samir Odeh-Tamimi (Jg. 1970) als ebenfalls höchst expressiv.
In der Tat, Olivier Messiaen könnte, nein sollte für Görlitz/Zgorzelec das werden, was Wolfgang Amadeus Mozart für Salzburg längst ist – ein Anziehungspunkt, der historisches Gedenken mit nachdenklich offenem Blick ins Heute verbindet.
