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Brüder und Schwestern im Geiste Messiaens

Die Görlitzer Synagoge beim Januar-Jubiläumskonzert (Foto: Martin Morgenstern)

Ständig hören und lesen wir Dresdner von diesen anderen stolzen Musikstädten, von der Bachstadt Leipzig, der Beethovenstadt Bonn und – von Wien natürlich, Wien als Durchlauferhitzer der europäischen Musikgeschichte überhaupt, Uraufführungsort für Haydns Streichquartette, für „Zauberflöte“ und „Fidelio“, für Bruckners Sinfonien und die ganze „Zweite Wiener Schule“. Aber es gibt auch die ganz kleinen Lichtpunkte auf der musikalischen Weltkarte. Etwa den Kurort Gohrisch, wo Schostakowitsch 1960 sein berühmtes Achtes Streichquartett schrieb. Das Kartäuserkloster La Cartuja auf Mallorca, wo Chopin sein „Regentropfen-Prélude“ komponierte. Und Tribschen am Vierwaldstättersee, wo am Weihnachtstag 1870 Wagners „Tribschener Idyll mit Fidi-Vogelgesang und Orange-Sonnenaufgang“, das sogenannte „Siegfried-Idyll“, als Geburtstagsgruß für Cosima erklang.

Die übers Jahr sonst musikalisch überregional nicht allzu öffentlichkeitswirksam agierende Nachbarstadt Görlitz macht nun schon seit fast zwanzig Jahren punktuell mit termingetreuen Wiederaufführungen des „Quartetts auf das Ende der Zeit“ von sich reden, zu der auch immer viel Dresdner Publikum anreist. Olivier Messiaen spielte am 15. Januar 1941 in einer Baracke des Kriegsgefangenenlagers „Stalag VIII A“ mit drei Mitgefangenen die Uraufführung seines „Quatuor pour la fin du temps“, und alljährlich erklingt das dreiviertelstündige Werk nun am 15. Januar in der Interpretation eines anderen Ensembles. An viele Glanzpunkte erinnere ich mich: Der Klarinettist Albrecht Scharnweber wäre hier zu nennen (2008), der Pianist Jascha Nemtsov (2009), Annemarie und Friedrich Thiele (2012), die damaligen Staatskapell-Konzertmeister Yuki Manuela Janke und Isang Enders (2013) oder – eine absolute Sternstunde – die 2017er Besetzung mit Myung-Whun Chung am Klavier, Robert Oberaigner (Klarinette), Matthias Wollong (Violine) und Friedwart Christian Dittmann (Cello).

Zum 85. Jubiläum hatte der rührige Verein „Meetingpoint Memory Messiaen“ in diesem Jahr nicht in das „Zentrum Erinnerung, Bildung, Kultur“ auf das Lagergelände eingeladen, sondern in die Görlitzer Synagoge. Sicher trug zu dieser Interimslösung bei, dass der amtierende Meetingpoint-Präsident Frank Seibel seit 2022 auch das „Kulturforum Görlitzer Synagoge“ leitet. Das sogenannte „Ensemble Baltic Neopolis Virtuosi“ aus Stettin koppelte den Messiaen mit Béla Bartóks „Kontrasten“ für Violine, Klarinette und Klavier. Obzwar die Musiker einige berührende Momente lang Messiaens Geist erwecken konnten (der Beginn des Klarinetten-Solosatzes aus dem Nichts!), wird mir der 2026er Jahrgang sonst kaum in Erinnerung bleiben. Zu vordergründig blieb die Interpretation für das ja gerade in diesem Werk jahrelang geschulte und eingehörte treue Publikum.

Nun hat Messiaen vor 85 Jahren noch nichts von den Förderzyklen öffentlicher Hände gewusst, sonst hätte er sein Quartett vielleicht nicht im Januar uraufgeführt. Hochproblematisch ist dieser frühe Termin im Jahr für den Verein, der sich mit den Deadlines der Förderer und den immer späteren Zusagen oder -absagen jahrelang schwertat – und nun beschlossen hat, die jährlichen Messiaen-Tage einfach zu teilen. Besser planbar ist das kleine Festival Anfang Mai. Nach dem Auftakt im Januar sind also demnächst weitere Konzerte, Ausstellungen, Führungen und Diskussionen „zur historischen Einordnung und zur Wirkung von Messiaens Musik bis in die Gegenwart“ geplant, wie der Meetingpoint Messiaen mitteilt. 

Zum Auftakt wird in der Görlitzer Innenstadt eine Pop-up-Ausstellung zur Geschichte des Messiaen-Festivals eröffnet. Am Abend des 1. Mai folgt ein Konzert im ehemaligen Kriegsgefangenenlager mit dem Ensemble Écoute, das Werke von zwei Schülern Messiaens präsentiert. Der Folgetag steht im Zeichen historischer Einordnung: Auf dem Gelände der Gedenkstätte Stalag VIII A führen Dr. Johannes Bent und Dr. Katarzyna Bartos durch den Ort und erläutern Messiaens Haftzeit sowie den Entstehungskontext seines Quartetts. Am Abend folgt ein Kammerkonzert der EuropaChorAkademie und des Ensemble Écoute. Den Abschluss des Mai-Festivals bildet am Sonntag das Konzert „Displaced Persons“ der Sinfonietta Dresden unter der Leitung von Milko Kersten im Kulturforum Görlitzer Synagoge. Auf dem Programm stehen Werke der jüdischen Komponistinnen Vítězslava Kaprálová und Rosy Wertheim. Der Dresdner Stadtschreiber 2025, Alexander Estis, liest dazu Texte. Tickets für alle Veranstaltungen sind über die Website www.messiaen-tage.eu erhältlich.