
Peter Gülke ist verstorben. Der einstige Präsident der Sächsischen Akademie der Künste war Kapellmeister der Staatskapelle, leitete das Hochschulsinfonieorchester und dirigierte als Gast auch die Philharmonie.
Begegnungen mit Peter Gülke bleiben unvergesslich. Ein Geistesmensch, der mit seinem profunden Wissen nicht geizte, damit aber nie brüskierte, sondern stets neugierig machte auf mehr und noch mehr. Bei jedem Gespräch mit ihm konnte man lernen, staunen, geistiges Neuland betreten, im Glücksfall etwas begreifen.
Unser letzter Dialog war von Gülkes Leiden geprägt. Er wollte nicht klagen, jammern schon gar nicht, macht aber deutlich, wie es um ihn und seine Gesundheit stand. Im Hinblick auf eine weitere Verabredung mahnte er zur Eile, doch dazu wird es nun nicht mehr kommen. Am letzten April-Sonntag, zwölf Tage nach diesem letzten Gespräch und drei Tage vor seinem 92. Geburtstag, ist er in seinem geliebten Weimar verstorben.
Dort kam er am 29. April 1934 zur Welt, wuchs auf im Endstadium einer unmenschlichen Diktatur, wurde fürs Leben geprägt durch die ungreifbare Widersprüchlichkeit zwischen dem Geist der Klassikerstadt und der Buchenwald-Barbarei. Nach Kriegsende erlebte Peter Gülke den Aufbau eines neuen Landes, genoss eine profunde Ausbildung sowohl am Violoncello als auch in Sprachen, Geistes- und Musikwissenschaften. Anschließend wirkte er als Repetitor, Dramaturg und Dirigent, war gefragt an Theatern in Rudolstadt, Stendal, Potsdam und Stralsund, bevor er 1976 als Kapellmeister an der Dresdner Staatsoper antrat und zudem das Orchester der hiesigen Musikhochschule übernahm.
Weimar aber ließ ihn nicht los. Das mochte an den kulturellen Traditionen liegen, hatte aber auch familiäre Gründe, immerhin ist Goethes Schwager Christian August Vulpius Gülkes Ururgroßvater gewesen. In Sachen seiner Belesenheit, eines umfangreichen Wissens sowie einer unstillbaren Neugierde setzte er das Klassikererbe lebenslang fort. Ob Alte oder Neue Musik: stets wollte er das Material tiefgründig durchdringen, was wechselseitig Früchte trug. Seine musikwissenschaftlichen Schriften und Vorträge waren von Erfahrungen aus seiner musikalischen Praxis gekennzeichnet, seine Dirigier- und Lehrtätigkeit nährte sich aus der Basis der Theorie.
Gepaart mit Charme, Witz und großartigem Ausdrucksvermögen sind die vielfältigen Schriften des Musikschriftstellers Peter Gülke ein kostbarer Fundus, in den neben praktischen Aspekten oft auch jede Menge Querverbindungen zu anderen Künsten lesenswert sind.
In seinen erst kürzlich bei Bärenreiter / Metzler erschienenen Band »Menschen – Zeiten – Musik« (das Manuskript dazu hat er erst im Januar dem Verlag übergeben) legt er davon so kundig wie spannend Zeugnis ab, schreibt über Literatur, Politik und Bildende Kunst. Eingeflochten darin sind biografische Stationen wie etwa eine Gastprofessur in Harvard sowie Gülkes Wirken als Generalmusikdirektor am Deutschen Nationaltheater Weimar. Diese Ära war in derart quälender Weise mit politischen Querelen verbunden, dass er 1983 ein Gastspiel in Hamburg nutzte und in der Bundesrepublik blieb, wo er fortan als GMD in Wuppertal tätig war. Erst der Mauerfall 1989 ermöglichte ihm die Rückkehr in sein geliebtes Weimar, von wo aus Peter Gülke verstärkt seinem international gefragten Wirken als Gastdirigent nachkommen, von 2011 bis 2014 als Präsident der Sächsischen Akademie der Künste zu Dresden und von 2015 bis 2020 als Chefdirigent der Brandenburger Symphoniker tätig sein konnte. Scheinbar wie nebenher wuchs das von seinen vielfältigen Interessensgebieten sowie von tiefgründigem Wissen zeugende Werk des (Musik-)Schriftstellers.
Für seine Verdienste erhielt der Musiker und Autor zahlreiche Ehrungen, unter anderem den Ernst-von-Siemens-Musikpreis. Bis zuletzt blieb Peter Gülke ein kritisch denkender Zeitzeuge des weltweiten Geschehens, war aufgrund jüngster Entwicklungen manchmal auch nah am Verzweifeln. Ein wahrer »Diener der Musik«, wie die F.A.Z. in ihrem Nachruf bemerkte.